Literaturgefluester

2012-05-25

Der weisse Dampfer

Filed under: Uncategorized — jancak @ 18:54

Weiter geht es mit Tschingis Aitmatow und zwar laut Beschreibung dem wichtigsten und bekanntesten Werk nach „Dsamilja“, der 1970 nach einem Märchen entstandenen Erzählung „Der weisse Dampfer“, die mit den Worten „Er hatte zwei Märchen. ein eigenes, von dem niemand wußte. Und ein zweites, das der Großvater erzählte. Am Ende blieb keins übrig. Davon handelt diese Erzählung“, beginnt.
Erzählt wird wieder, diesmal von einem namenlosen, siebenjährigen Jungen, der mit seinem Großvater, dessen zweiter Frau, dem Onkel und der Tante in einer Försterei in der San-tasch-Schlucht lebt, die offenbar so einsam ist, das dorthin nur manchmal das Verkaufsauto kommt und mit diesem beginnt auch die Geschichte. Der Junge sieht es zuerst, ruft die Frauen heran, die dann kommen und schauen, aber kein Geld haben, um wirklich was zu kaufen, nur Tante Bekej, die kinderlose kauft zwei Flaschen Wodka und später kommt der Großvater und kauft dem Jungen eine Schultasche, weil er bald zur Schule kommt. Zu dem Großvater hat der Junge eine besondere Beziehung, die Großmutter, seine zweite Frau, ist oft böse zu dem Jungen und schimpft auch mit dem Großvater, weil er schwach ist und in seinen Fantasien lebt und die Försterei wird von Oroskul, dem Mann der Tante beherrscht, der ihr ihre Kinderlosigkeit zum Vorwurf macht und auch sonst eine sehr unsympathische Figur ist.
Der schwache Großvater ist aber das Idol des Jungen, der keine Eltern hat, die Mutter ist in die Stadt gegangen und hat dort wieder Kinder und der Vater soll als Matrose in einem weißen Dampfer fahren und das ist das Märchen des Jungen. Mit dem Fernglas des Großvaters sucht er am See den Dampfer und stellt sich vor, wie er zu einem Fisch wird und zu seinem Vater schwimmt, während auf dem Hof mit ihm alle, außer dem Großvater schimpfen und das Märchen des Großvaters ist die Geschichte von der gehörnten Hirschkuh, die einmal als gewalttätige Stämme, die Kirgisen ausrotteten, zwei Kinder rettete, zu deren Nachkommen sich der Großvater und der Junge zählt und so freut sich der auch schon auf die Schule, die im nächsten Dorf liegt. Der Großvater bringt ihm in der Früh auf dem Pferd dorthin und holt ihn zu Mittag wieder ab. Weil sich aber Oroskul durch Geschenke bestechen läßt und deshalb verbotener Weise Holzstämme, die für den privaten Hausbau etc gebraucht werden, verspricht, muß er mit dem Großvater, die Fichten im Wald fällen und er hört auch nicht auf den Großvater, als dieser sagt, er muß jetzt zur Schule, den Kleinen holen. Der Großvater setzt sich aber durch und reitet auf dem Pferd des Schwiegersohns hin, kommt aber trotzdem zwei Stunden zu spät, so daß ihn die Lehrerin vorwurfsvoll ansieht. Oroksul schlägt seine Frau und die Großmutter ist bös auf den Großvater aus Angst, daß Oroksul sie aus dem Haus jagen könnte. Indessen wird der Junge krank, hat aber im Wald die gehörte Hirschkuh gesehen und nicht nur er, auch die Männer, die den Baumstamm holten, bemerken die drei Maralen, die aus dem benachbarten Naturschuztgebiet kamen und wollen sie abschießen.
„Das darf man nicht!“, sagt zwar der Großvater, aber Orkosul hört natürlich nicht auf ihn und zwingt den Alten auf sie zu schießen, was dieser aus Angst, um die Zukunft dann auch tut. Nur dann betrinkt er sich und so findet am Abend der Junge ihn auch. Alle sind nach dem Festmahl betrunken und Orkosul hat vorher auch noch den Kopf der gehörnten Hirschkuh gespalten, so daß dem Jungen nichts anderes über bleibt, als sich in einen Fisch zu verwandeln und zu seinem Vater zum weißen Dampfer hinüberzuschwimmen.
„Während ich von dir Abschied nehme, mein Junge, wiederhole ich deine Worte „Sei gegrüßt weißer Dampfer, ich bins“, so endet die tragische Geschichte, die sich natürlich als Parabel auf den realen Sozialismus der UDSSR verstehen läßt und wohl auch als solche geschrieben wurde.
Die Neuübersetzung des Unionsverlag hat ein Nachwort vom Mai 1992 von Tschingis Aitmatov, wo er schreibt, daß das Buch nur erscheinen durfte, weil es die Unterzeile „nach einem Märchen hat“ und das er zur Parabel natürlich das tragische Ende, den Tod des Jungen brauchte. Das wollten aber seine Leser nicht, nicht die realsozialistischen, die natürlich eine Aufnahme in ein staatlichen Kinderheim forderten, aber auch nicht die kirgisischen Studenten, mit denen sich Aitmatov 1989 im Peking traf, als er dorthin Michail Gorbatschow auf einen Staatsbesuch begleiteten.
„In ihrer Belesenheit gauben bewanderte Kritiker, zu wissen, wie ein Schriftsteller das Leben zu sehen hat, einfache Leser wünschen sich aber schlicht die ersehnte Wahrheit“, schreibt Aitmatov.
„Die Menschen von heute leben im Genre der Tragödie, die ganze Menschheit erfährt sie, und dem ist nicht zu entrinnen. Ich glaube, die zeitgenössische Literatur entwickelt sich unter ihrem Zeichen.“

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