Literaturgefluester

2012-05-30

Kleiner Mann – was nun?

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:09

Hans Falladas 1932 geschriebener Roman „Kleiner Mann – was nun?“, stand auf dieser Buchschenkerliste, die es in Deutschland zum Tag des Buchs gegeben hat, 25 Bücher wurden da ja in je dreißig Stück Kisten von Bücherfreunden an Passanten und andere verteilt, meines ist aber der schöne Band eins, der rororo Taschenbuchausgabe von 1950, wobei sich schön nur auf die Ausgabe bezieht, das Leinenbändchen und das schnukkelige Umschlagbild, ein Paar auf einer Bank, er mit Hut und schwarzen Anzug, sie mit langen blonden Locken und weißen Strümpfen, ein Vögelchen singt dazu, mein aus dem Bücherschrank gezogenes Exemplar wirkt dagegen schon ein bißchen abgelesen „Mit den besten Wünschen zum Namenstag, 26. 7. 1960 von ihrem alten Nachbar Moritz Lamm“, hat jemand mit Bleistift und in Kurrent auf die erste Seite geschrieben und Lamm passt sehr gut zu Lämmchen und so heißt auch die Hauptperson, des Romans mit dem Hans Fallada, beziehungsweise Rudolf Ditzen, berühmt geworden ist und mit dem er sehr viel über die kleinen Leute, die Arbeitslosigkeit und Deutschland knapp bevor die Nazis kamen, erzählte und die zeichnen sich schon an, immer wieder wird in dem Buch von ihnen und denn Kämpfen, die sie sich mit den Kommunisten geliefert haben, erzählt und wenn man den Roman gelesen hat, kann man das, was nachher kam, vielleicht auch verstehen, denn wie heißt es auf Seite 283 „Der Mensch ist so, er lernt nichts zu, er macht immer wieder diesselben Dummheiten. Ich auch!“
Beginnen tut es aber fast so romantisch, wie auf dem Titelbild, vor der Praxis des Frauenarztes Dr. Sesam in einer kleinen Stadt. Da wartet Johannes Pinneberg auf sein Lämmchen, gibt es schon als seine Gattin aus und geht mit ihr als Privatpatient zum Herrn Doktor, da kommen sie vor den dreißig Kassenpatienten dran und werden von ihren beschimpft, von der Schwester, aber als Schwiegersohn und Schwiegertochter des Herrn Doktors ausgegeben und Pinneberg gesteht diesen mit roten Ohren, daß sie, was für die Verhütung machen wollen, weil noch nicht soviel Geld. Aber dafür ist es schon zu spät, weil Lämmchen schon im zweiten Monat und der kleine Murkel schon ein bißchen da. Fünfzehn Mark zahlen sie für dies Auskunft und bekommen sie nicht von der Kasse zurück und Pinneberg bietet seinem Lämmchen an, sie zu heiraten. Er ist Angestellter, Buchhalter, gelernter Verkäufer der Herrenmode, sie verkauft auch, kommt aber aus einer Arbeiterfamilie, der Bruder ist Kommunist und der Vater fragt den künftigen Schwiegersohn gleich einmal, ob er bei der Gewerkschaft ist? Ist er und dann geht es mit den Betten und sonstigen Hausrat, statt der Mitgift nach Ducherow, wo er bei einem Getreidehändler arbeitet, aber das ist ein Problem, denn der will ihn mit seiner nicht besonders schönen Tochter verheiraten, so zieht er aus Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, den Ring vom Finger und steht am Ende doch ohne Arbeit da. Es gibt aber einen Ausweg, seine Mutter in Berlin, die zwar einen schlechten Ruf und als Bardame gearbeitet hat, aber als Lämmchen ihr schreibt, kommt ein Brief, das Paar soll nach Berlin kommen, sie hat eine Stelle als Verkäufer in einem Kaufhaus für ihn. Das ist zwar ein bißchen gelogen und für das Zimmer mit dem roten Plüschbett, will sie auch hundert Mark Miete haben. Sie hat aber auch einen Freund und der verschafft Pinneberg die Stelle und zahlt auch noch die Miete, denn Pinneberg bekommt als Verkäufer nur hundertsiebzig Mark, wo eer doch mit zweihundertfünfzig rechnete und weil es sich das Lämmchen so sehr wünschte, kaufte er auch noch die Frisierkommode, obwohl man sowas in Zeiten der Bubiköpfe, wie Mamma Mia sagt, gar nicht mehr braucht. Sie bekommen dann auch eine andere Wohnung, über einem Kino, die nur mit einer Leiter zu erreichen ist und im Geschäft ist es auch nicht rosig, denn da wird ein Organisator eingestellt und der führt eine Quotenregelung ein, wenn man nicht für so und so viel Mark verkauft, fliegt man am Ende des Monats hinaus und ich dachte, sowas gibt es erst seit Mc Kinsey.
Das führt natürlich zu Spannungen unter den Verkäufern, das Paar bemüht sich aber sehr und Lämmchen stellt sogar einen Ausgabeplan auf, wieviel sie aus dem gemeinsamen Haushaltstopf für Essen, Rauchen etc entnehmen dürfen und was sie sonst an Kosten haben. Pinneberg hat auch einen Freund unter den Verkäufern und der führt ihn, während Lämmchen im Entbindungsheim liegt, in einem Freikörperclub, was mir nach dem heutigen Geschmack, ein wenig zu übertrieben scheint, aber vielleicht war das damals so in Zeiten, als die Männern noch nicht auf die Entbindungsstationen durften, man zehn Tage dort zubrachte, seine Kinder nur hinter einer Glasscheibe sah und den Müttern eingeschäft wurde, die Kleinen ja durchschreien zu lassen, damit sie sich an das rauhe Leben gewöhnen und nicht verweichlicht werden.
Sie gehen einmal sogar ins Kino, aber dann kommt die große Not, nämlich der neunundzwanzigste und Pinneberg hat seine Quote noch lange nicht erfüllt und da taucht der Schauspieler auf, den Pinneberg im Kino gesehen hat, fragt, ob er Phantasie hat und läßt sich die ganze Konfektion zeigen, nach der sechzehnten Hose sagt er, daß er nur geschaut hat, aber Pinneberg Gratiskarten für den nächsten Film schicken wird und Pinneberg fleht ihn in seiner Verzweiflung an, doch etwas zu kaufen und wird prompt entlassen.
Das Leben geht weiter und wir treffen die beiden mit dem kleinen Murkel, der jetzt schon zahnt in einer Laube an, Freund Heilbutt hat sie ihnen überlassen, aber die ist ein bißchen draußen und man dürfte eigentlich gar nicht in ihr wohnen und Pinneberg muß mehrmals in der Woche aufs Arbeitsamt, sich seine Unterstützung holen, was ihn einiges von seiner spärlichen Unterstützung an Fahrgeld kostet, ummelden kann er sich aber nicht, weil nicht angemeldet und überhaupt. Lämmchen aber, als mutiges Frauchen hält die Familie mit Nähen und Stopfen von Strümpfen über Wasser. Der Mann schaut dabei auf Kind, macht den Haushalt und treibt die Schulden ein „Sagen Sie, Jachmann, soll denn das ewig so weiter gehen, daß die Männer zu Hause sitzen und machen die Hausarbeit und die Frauen arbeiten? Es ist doch unmöglich!“. „Nanu“, sagt Jachmann. „Wieso ist denn das unmöglich? Im Kriege haben ja auch die Frauen die Arbeit gemacht und die Männer haben einander totgeschlagen und jeder hat`s in Ordnung gefunden!“
So geht es also weiter, Jachmann, der Freund der Mutter, die ihr schiefes Geschäft mit Kartenspielen und anderen Inseraten machte und dafür ins Gefängnis kam, gibt es auch noch und er tritt auch als Unterstützer auf, aber Lämmchen will das alles nicht. Sie will rein bleiben, damit ihr kleiner Murkel mal eine heile Welt erlebt. Hat er wahrscheinlich nicht, aber das war 1932 noch nicht so ganz klar oder doch vielleicht, denn am Ende stellt sich noch heraus, daß Pinneberg bei Mandel nicht wegen der Quote entlassen wurde, sondern weil ihn jemand vernadert hat, daß er Naziparolen, wie „Mandel, welch ein Wandel“ und „Juda verecke“ auf die Klotür geschrieben haben soll, aber Pinneberg war unpolitisch und konnte sich zwischen Kommunisten und Nazis nicht entscheiden und am Ende wird alles gut in dem Buch, denn die beiden sind jung, lieben sich und trotzen dem Schicksal, auch wenn Pinneberg vorher als Arbeitsloser vom Schupo vom Gehsteig gedrängt wurde, weil er in die Schaufenster eines Delikatessenladens schaute.
Das Buch, habe ich bei Wikipedia gelesen, konnte auch bei den Nazis erschienen, da wurde nur der Nazi, der in der Getreidehandlung mit Pinneberg arbeitete ein wenig verändert und wohl mehr auf heroisch getrimmt, aber auch sonst hatte Hans Fallada bzw. Rudolf Ditzen, wie er eigentlich hieß, Fallada ist ja ein Pferd in den Grimmschen Märchen, ein bewegtes Leben und wurde 1946 wegen Morphinismus und Alkoholismus in eine Nervenklinik eingewiesen, wo er in schlechten körperlichen Zustand „Jeder stirbt für sich allein schrieb“, das erst vor kurzem bei Aufbau neu aufgelegt wurde. Den „Kleinen Mann“, gibt es auch in dem ehemaligen ostdeutschen Paradeverlag und „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“ habe ich vor kurzem gelesen, auch ein interessantes Buch, das viel über das Deutschland der Zwanziger und Dreißigerjahre erzählt, der „Kleine Mann, ist aber leichter zu lesen“ und hat, wie ich zu zitieren versuchte auch einige sehr wahre Stellen. Ein anderes berühmtes Buch über die kleinen Männer der Arbeitslosigkeit habe ich vor einigen Jahren auch gelesen

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