Literaturgefluester

2012-06-01

Mein Leben

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:18

„Lotte Ulbricht- Mein Leben, Selbstzeugnisse, Briefe und Dokumente“, heißt der von Frank Schumann herausgegebene, 2004 erschienene Band, den es vor einem Jahr beim Buchlandungs-Abverkauf gab und Lotte Ulbricht war die zweite Ehefrau des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht.
1903 wurde sie als Charlotte Kühn in Rixdorf in eine Arbeiterfamilie geboren, 2003 ist sie in Berlin-Pankow gestorben und kennen bzw. lieben gelernt hat sie Walter Ulbricht 1935 auf der Eisbahn im Moskauer Gorki Park, das hat die alte Dame im sechsundneunzigsten Lebensjahr zu Papier gebracht, auf der Schreibmaschine, es gibt in dem Buch zwei stark korrigierte Seiten, als Beweis, wie genau sie es mit der Aufzeichnung genommen hat und es steht auch gleich darin, daß sie sich damit vor Verleumdungen, die offenbar nach Ulbrichts Tod oder schon nach seiner Absetzung entstanden sind, verteidigen will. Es steht auch in dem Buch etwas von Gerüchten, Lotte Ulbricht würde in der Schweiz leben, obwohl sie bis zu ihrem Tode in der Prominentenwohnung am Majakovskyring, Marlene Streeruwitz hat darüber einen Roman geschrieben, den ich noch lesen muß, aufhielt und dafür, nach Übernahme einer Treuhandgesellschaft auch sehr viel Miete zahlen mußte und sich auch bis zuletzt in der Öffentlichkeit, um eben diesen Gerüchten vorzubeugen zeigte und noch sehr lange politisch tätig war, sich für die Frauenbewegung einsetzte, einen Artikel zum Frauentag über ihre Mutter schrieb, etc.
Das Arbeiterkind, es gab eine Schwester und einen Bruder, die eine hat später den Haushalt des Politikerpaars geführt, der Bruder war Pionier und Freiheitskämpfer und Lotte Ulbricht hat sich sehr dafür eingesetzt, daß sein Name in der DDR nicht vergessen wurde, hat nach der Schule als Stenotypistin gearbeitet und ist sehr bald der KPD beigetreten.
1931 ist sie mit ihrem ersten Ehemann, Erich Wendt nach Moskau gegangen, dort lebte sie dann mit Ulbricht zusammen und hat ihn nach der Rückkehr nach Berlin auch offiziell geheiratet. Es gab eine Adoptivtochter, den das Paar Vorzeigeeltern sein wollte, was vielleicht Schuld daran war, daß die kleine Beate überfordert wurde und später als Alkoholikerin endete und ermordet wurde.
In dem Buch gibt es über hundert private Fotos, einige zeigen die kleine Beate beim Schifahren oder mit ihren Eltern auf der Hollywoodschaukel.
Herausgegeben wurde das Buch von dem 1951 geborenen Verleger und Publizisten Frank Schumacher, der sehr viele Biografien, darunter auch die von Margot Honecker herausgegeben hat.
„Ohne Inge Pardon und Elisabeth Ittershagen, treue Wegbegleiterinnen Lotte Ulbrichts in deren letzten Lebensjahren, gäbe es dieses Buch nicht. Sie haben die Dokumente gesichert und dadruch ermöglicht, diese vielschichtige und vielseitige Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts postum zu entdecken“, steht als Anmerkung vor dem Inhaltsverzeichnis.
Dann folgen einige erklärende Worte des Herausgebers, um das Bild der Portraitierten zurechtzuzücken, bevor das Kapitel „In meinem 96. Lebensjahr gebe ich zu Protokoll“, von Lotte Ulbricht folgt.
Dann gehts zurück in die Kindheit und einige Lebensläufte folgen, offenbar war es in der DDR üblich, daß die Funktionäre alle paar Jahre Lebensläufe einreichen mußten, in denen sie über sich und ihre Beziehungen Auskunft gaben und Lotte Ulbricht hatte außer der Ehefrau auch vielseitige politische Funktionen und Aufgaben und auch viele Briefe an ihre Freundinnen und Mitkämpferinnen geschrieben, die in dem Buch enthalten sind.
Die Fotos geben ebenfalls einen interessanten Einblick in das Leben einer DDR-Prominenten, da gibt es das offizielle Kostüm, die Perlenkette und das freundliche Lächeln, wenn Pioniere Blumensträuße überreichen, aber auch Lotte Ulbricht als Mutter, später als alte Frau bei ihren Reisen nach Paris und zuletzt im Rollstuhl in Bad Elster, wo sie sich öfter zur Kur aufhielt und lächelte, wenn ihr jemand beim Warten erzählte „Haben Sie gehört, Lotte Ulbricht soll auch hier sein!“
Anfang der Siebzigerjahre wurde Walter Ulbricht entmachtet und von Erich Honecker abgelöst. 1973 ist er gestorben, Lotte Ulbricht war weiterhin politisch tätig, hat sich vom neuen Vorsitzenden aber auch verleumdet gefühlt, bzw. von ihm nicht oder nur verspätet, die offenbar ebenfalls üblichen Geburtstagsglückwunschschreiben bekommen.
Nach der Wende hat sich geweigert mit ausländischen Journalisten zu sprechen, ihren Freundinnen aber Mut zugesprochen und es auch abglehnt, als eine anbot, vor der Währungsumstellung Geld auf ihren Konto zu parken, , weil sie „keine krummen Sachen machen wollte“.
Reisen folgten und auch Briefe von Verwandten aus Amerika. Sie war mit Alfred Kurella, einem DDR-Schriftsteller, der ebenfalls einige Zeit in Moskau lebte und von dem ich einmal ein Moskau-Jubelbuch aus den Dreißigerjahren in einer Kiste gefunden und gelesen habe, mit Johannes R. Becher, dem DDR Kulturminister und Dichter, von dem auch Text zur DDR-Hymne stammt und mit Georgi Dimitroff über den ich im Sommer ein Buch gelesen habe, befreundet.
Ein interessantes Buch, wenn man sich für die Geschichte und das Leben in der DDR interessiert, auch wenn man über das Älterwerden einer berühmten Frau etwas wissen will und die vielen privaten Fotos geben, glaube ich, auch einen sehr interessanten Einblick in das DDR-Leben und das Leben danach, hat Lotte Ulbricht, den sozialistischen Musterstaat ja lange überlebt und trotzdem, wie sie 1991 einer „lieben Anni!“ schreibt, die Hoffnung nicht aufgegeben.
„Verständlich ist mir Dein Brief allerdings nicht ganz. Niemand von uns, die wir immer unsere ganze Kraft eingesetzt haben, um einer guten Sache zu dienen, hat umsonst gelebt. Daß unser sozialistisches Experiment mißglückt ist – aus welchen Gründen auch immer-, heißt doch nicht, daß spätere Generationen es nicht besser machen und aus unseren Fehlern lernen werden.“
Es gibt auch ein Kapitel, wo andere über Lotte Ulbricht schreiben. Hans Modrow zum Beispiel, der seit 1990 Ehrenvorsitzender der PDS ist oder war und der ein „schwieriges Verhältnis“ zu ihr hatte, aber auch viele jetzt Unbekannte und dann gibt es noch Briefe von Kindern und Studenten, die von der alten Dame wissen wollten, wie das Leben in der DDR war?
Eine sehr ungewöhnliche Textzusammenstellung also, die ich aber interessant gefunden habe, obwohl ich über das Leben in der DDR ja schon einiges wußte und auch auch schon einige Bücher darüber gelesen habe.

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