Literaturgefluester

2012-06-14

Abschied von Sidonie

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:35

„Abschied von Sidonie“ ist das zweite Buch des 1954 in Steyr geborenen Erich Hackl. 1989 erschienen, ich habe die Diogenes Ausgabe von 1991 im Bücherschrank gefunden und gelesen.
Gehört habe ich von dem Buch schon vorher sehr viel, ist Erich Hackl, der ja Dokumentarromane nach wahren Begebenheiten schreibt, die sich meist mit den Diktaturen des Holocausts oder der dritten Welt beschäftigen, ja, glaube ich, mit diesen Buch berühmt geworden. Das erste „Auroras Anlaß“, habe ich, ich bin nicht ganz sicher, aus der Reichmannschen Bücherkiste, diesem Antiquariat, das sehr lange abverkaufte, gezogen, als es dort etwas um einen Euro gab und setze es auf Leseliste für 2014.
Und die Geschichte des Zigeunermädchens Sidonie Adlersburg, mit lapidaren Worten aufgeschrieben, ist so berührend, daß einem heute noch die Tränen hinunterrinnen, 1990 hat Hackl damit wohl wirklich Aufsehen erregt. Es ist Stoff der Schulklassen, als wir einmal im Lesachtal Schiurlaub machten, hat eines der Kinder der Bäuerin dort, darüber schreiben müßen und, um die Fragen, was wir daraus lernen können, gleich vorweg zunehmen. Die Zwillinge, die in den Kosovo abgeschoben wurden, sind zurückgekommen, weil es einen breiten Protest und Aufstand gegeben hat. Das war vor kurzem. Im dritten Reich war das wohl viel viel schwerer und die Leute auch lange nicht so selbstbewußt. Hackl schreibt trotzdem auf der letzten Seite, es hat hundertsechzig Kilometer weiter weg einen anderen Fall gegeben, der anders ausgegangen ist, „Margit eine Frau von 55 Jahren“, schreibt er „lebt heute noch und kein Buch muß an ihr Schicksal erinnern.“
„Ich heiße Sidonie Adlersburg“ also „und bin geboren auf der Straße nach Altheim. Bitte um Eltern“, steht auf dem Zettel, das das Kind bei sich hat, das der Pförtner des Krankenhauses von Steyr im August 1933 entdeckt. Das Jugendamt wird eingeschaltet sucht nach den Eltern, die Mutter dürfte eine Zigeunerin namens Anna sein, die sich auch meldet, dann wieder verschwindet, so daß das Jugendamt nach Pflegeeltern sucht. Die erste Frau die sich meldet, bringt das Kind nach zwei Tagen wieder zurück, ihr Mann hat sie damit hinausgeschmissen, denn er will kein Zigeueunerkind haben.
Sidonie hat trotzdem großes Glück, denn das Arbeiterpaar Josefa und Hans Breirather meldet sich, Josefa nimmt das kleine Mädchen nach Haus, steckt es in die Badewanne „Und was ist wenn die Farb runtergeht?“, fragt der Sohn Manfred.
„Wär auch kein Unglück. Aber mir gefällt sie besser so. Mir auch“, sagt Josefa.
Vorläufig also alles gut, auch nicht wirklich, denn es kommt ja das Jahr 1934, kein Honiglecken für die Sozialisten, Kommunisten. Hans schließt sich dem Schutzbund an, Josefa versteckt Waffen, die Polizei kommt ins Haus, und die Kirche zwingt das Paar kirchlich zu heiraten. Hans wird verhaftet, etc, trotzdem wird die kleine Sidonie 1939 eingeschult und ist bei der Lehrerin Schönauer sehr eifrig, wenn die was fragt, zeigt sie als erste auf, weiß die Antwort dann nicht, will die Lehrerin aber trotzdem nicht ärgern, die seufzt und „Sie müßen mit dem Kind mehr üben!“, zu der Pflegemutter sagt. Die bekommt regelmäßig Besuch von der Fürsorgerin Frau Grimm, die ihr den Rat gibt, Sidonie ins Haus zu holen, wenn die Zigeuner kommen, damit die das Kind nicht rauben, aber die verschwinden, als das dritte Reich angebrochen ist, ohnehin bald.
„Seien Sie froh!“, rät Frau Grimm und eines Tages taucht der Gendarmf Lindner auf, der vormals Lebeda hieß, und fragt nach einem ominösen Brief, der Josefa nicht beunruhigen soll, aber der kommt erst später. Vorerst wird Sidonie gefirmt und wird dafür von einer Frau Hinteregger mit einer Kutsche nach Linz gefahren, bekommt von ihr eine schöne Puppe mit so blonden Haaren, wie die der Lehrerin und darf mit ihr mit der Grottenbahn auf den Pöstlingsberg hinauffahren. Denn Sidonie ist in dem Dorf integriert, wie man heute sagen würden, manchmal verspotten sie die Kinder, weil sie so schwarz wie ein Neger ist. Sidonie behauptet dann nur ungerührt, sie wäre zuviel in der Sonne gewesen. Der Brief kommt dann doch, im März 1943, Sidonie soll zu ihrer Mutter kommen, die nun ausfindig gemacht wurde. Josefa beginnt zuerst manisch ihre Arbeit weiterzumachen, dann fängt sie zu weinen an, so daß alle ihr drei Kinder, ein richtiges und zwei Pflegekinder, mitschluchzen rast dann zu der Fürsorgerin, die sie nur zu ihrer Vorgesetzen schicken kann. Der Pflegevater will das Kind im Wald verstecken und bekommt von seinen Freunden geraten, doch nichts Unüberlegtes zu tun und sich und seine Familie nicht zu gefährden. Der Bürgermeister verspricht zu vermitteln und tut das dann doch nicht sehr und der Schuldirektor schreibt, daß das Kind nicht richtig rechnen und schreiben kann und die Pflegeeltern zu nachsichtig sind und als die sagen, sie verzichten auf das Pflegegeld und zahlen das schon erhaltene auf Raten zurück, geht das nicht, denn das zehnjährige Kind könnte ja schwanger werden, der Vater arbeitslos etc und der Gemeinde erst recht zur Last fallen. So packt Josefa den Koffer oder Rucksack, packt ihre schönste Bluse als Geschenk für die Mutter, die Schulhefte und Bücher und eine frankierte Postkarte, die Sidonie gleich abschicken soll, hinein, die Verwandten bringen Kekse und Kuchen als Proviant, die Kinder Zeichnungen und die Fürsorgerin holt das Kind und bringt es in die Heimatgemeinde der Mutter. Die Fürsorgerin erzählt später, Sidonie hätte sich, nachdem Josefa weggegangen ist, schnell beruhigt und berichtet von einer dicken Frau, die im Jahr 1943 dicke Wurstschnitten verzehrte und sich ebenfalls über das zigeunerhafte Aussehen des Kindes mokierte. Vor dem Bürgermeister wird das Kind seiner Mutter übergeben, die nichts mit ihm anfangen kann. Sidonie beginnt zu weinen und will zurück, die Fürsorgerin läßt sich vom Bürgermeister die Baracke zeigen. Am nächsten Morgen ist die aber leer, denn die Insaßen wurden schon zum Transport nach Auschwitz abgeholt, wo Sidonie bald darauf an Flecktyphus stirbt.
Erich Hackl trifft sich im Dezember achtundachtzig in einem Wiener Vorstadtcafe mit Joschi Adlersburg, einem Bruder, der ihm erzählt, daß es die „Kränkung nicht das Fleckfieber war“ und die Fahrt nach Auschwitz- Birkenau beschreibt. Die Fürsorgerinnen suchen im Februar vierundvierzig nach dem Luftangriff in Steyr zwischen den Trümmern des zerstörten Jugendamtes nach Akten und finden den von Sidonie, der beweisen kann, daß sie nur ihre Pflicht taten „und dem Mädchen das beste Zeugnis“ gaben…
Sehr berührend und erschütternd, diese so klar und deutlich mit allen Orts-und Namensangaben aufgeschriebene Geschichte zu lesen.
Erich Hackl hat inzwischen andere Dokumentarromane geschrieben.
„Die Hochzeit von Auschwitz“ zum Beispiel, aber auch „Anprobieren eines Vaters“. Da war ich, glaube ich, einmal bei der „Literatur im März“, wo das Burg vorgestellt wurde. „Als ob ein Engel“, habe ich zum Geburtstag bekommen. Mit Erich Hackl habe ich einmal im Krems, als er beim Kramer-Preis laudadierte, gesprochen, bzw. ihm meine Bücher gezeigt, die er mir abkaufte.
„Familie Salzmann“ ist das zuletzt Erschienene, da war ich auch bei der Präsentation.

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2 Kommentare »

  1. Unser Klassenbimbo wurde auch immer verspottet von allen als Neger , vielleicht auch deswegen das der Bimbo ein schwarzer Negerjunge war , unsere Lehrerin machte auch immer mit und sagte ihm immer wenn er eine 5-6 geschrieben hat “ du hast einen Bimbo geschrieben “ unsere Klassensprecherin teilte ihn offiziel als Bimbo ein zum getränke holen und schaute auch zu wenn in der Pause ein Schülerkreis sich um ihn bildete um ihn zum Füßeküsser der schule zu machen . Ach der Nigger soll unsere Füße küssen wenn er mit spielen will , sagte sie einmal streckte ein Schmutzig verdreckten Turnschuhfuß in meine richtung und fing an zu singen EH NEGER PUTZ MAH DIE SCHUH

    Kommentar von FrauLenor — 2016-03-30 @ 07:08 | Antwort

  2. Ja, die Vorurteile, Dummheit, Haß und Neid, etcetera in den Klassenzimmern, Straßen, Büros scheinen gestern, wie heute, wie dieser Kommentar dokumentiert, hoch zu sein, gestern waren es die Juden, heute die Farbigen, da ist es sicher gut, sich immer wieder zu visualisieren und in den Schulen oder auch an anderen Orten zu diskutieren, was man dagegen tuen kann

    Kommentar von jancak — 2016-03-30 @ 07:35 | Antwort


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