Literaturgefluester

2012-06-15

Das Recht auf Rückkehr

Filed under: Uncategorized — jancak @ 01:31

Von Leon de Winter hatte ich bisher zwei Romane in meinen Regalen stehen, „Der Himmel über Hollywood“, das in den späten Neunzehnneunzigerjahren bei Libro auf der Bestsellerliste stand, als es diese Bestselleraktion gegeben hat und „Leo Kaplan“, da habe ich keine Ahnung, wie ich dazu gekommen bin und ob ich es gelesen habe.
„Vom Recht auf Rückkehr“ habe ich beim Buchmessensurfing 2010 gehört, wahrscheinlich war der Autor auf dem blauen Sofa und habe gedacht, das ist ein interessantes Buch, weil es den Israel-Palästinakonkflikt in Thrillerform beschreibt, dann habe ich es im Bücherschrank gefunden und gedacht „Wow, so was Aktueles, toll!“, jetzt habe ich es gelesen und bin etwas weniger begeistert, denn der 1954 in Hertogenbusch als Sohn niederländischer Juden geborene Leon de Winter, schreibt darin über sehr sehr viel. Beinhahe die gesamten Probleme unserer Welt werden in dem im Jahr 2024 in Tel Aviv beginnenden Buch, in einer, wie die Leser ja immer fordern, spannenden Krimihandlung dargestellt.
Leon de Winters Israel von 2024 ist ein heruntergekommener Staat der Alten, Labilen und Vorbestraften, sehr geschrumpft, denn die Araber haben sich schon sehr breitgemachtt und alle, die irgendwie ein Visum bekommen, sind ausgewandert, meist nach Polen oder Russland, denn Putin hat sich seine abtrünnigen Staaten fast alle zurückerobert und das Land ist reich und prosperierend geworden. Die Überwachungstechnologie hat auch schon das gesamte Leben in Kontrolle, beinahe alles kann man an den Genen erkennen und so wird man auch gescannt, wenn man nach Jaffa will, ob man das jüdische Y Gen besitzt, denn bis 2024 hat es soviele Attentate und Anschläge, gegeben, daß Bram Mannheim, einst ein bekannter Historiker mit einem Freund Ikky, der zur Hälfte aus Titan besteht, eine Agentur gegründet hat, die nach verschwundenen Kindern sucht.
So beginnt das Buch, das heißt eigentlich beginnts mit dem Hund Hendrikus, der auch eine wichtige Rolle spielt, dann fahren Bram und Ikky nach Jaffa, um nach der verschwundenen Sara zu suchen, sie hoffen sie zurückkaufen zu können und langsam kommt man in die Geschichte hinein, denn es geht zurück ins Jahr 2004, wo alles noch halbwegs normal war und wir erfahren, daß Bram, in den Niederlanden aufgewachsen und der Sohn eines Nobelpreisträgers ist, der nach Tel Aviv auswanderte, so hat auch Bram dort studiert, ist jetzt Experte für Nahostfragen, hat eine indische Ärztin, die auch Filme dreht, geheiratet, bekommt einen kleinen Sohn und überlegt in die USA zu gehen. Dort wird der vierjährige Benny entführt, sein Vater wird verrückt darüber und verbringt die nächsten Jahre als Sandler in Santa Monica, rettet ein Kind vor einem Anschlag, wird von einem Millionär wieder ins Leben zurückgeholt und ermordet schließlich den Mann, den er für den Entführer seines Sohnes hält.
Da Leon de Winter offenbar auch einer ist, der die Überhöhung auf die Spitze treibt, passierend in dem Roman die unglaublichsten Dinge, so stellt sich die Mutter der kleinen Sara, der Bram die Todesnachricht überbringen muß, als die angebliche Prostituierte Eva heraus, der er nach jeden Treffen Geld gegeben hat, sie wird bald von Bram schwanger und will mit ihm nach Russland auswandern, er wird aber, weil psychisch labil, vermutlich kein Visum bekommen.
Trotzdem betätigt er sich als Rettungsfahrer, bringt die Alten nach den Schlaganfällen in das heruntergekommene Krankenhaus und die erzählen, bevor sie sterben Witze und seinen Vater, der inzwischen an Alzheimer erkrankt ist, betreut er auch.
Kurz nachdem Bram und Ikky aus Jaffa zurückgekommen sind, gibt es einen weiteren Anschlag, bei dem viele Menschen sterben und der Soldat, der Bram noch von den Zeiten in denen er Professor war, kennt, hat gesehen, daß der Anschlag durch ein Selbstmordattentat eines fanatisierten Arabers passierte, der war aber Jude, hat er ihn doch selber durchgecheckt. Das bringt den Geheimdienst ins Spiel und der findet heraus, daß vor sechzehn Jahren noch ein anderes Kind eines Kollegen von Brams Vater entführt wurde, das war der Attentäter und der Verdacht liegt nahe, daß Benny doch nicht von einem Pädophilen ermordet wurde, sondern in Kasachstan als Selbstmordattentäter ausgebildet wurde und Bram macht sich auf die Mission seinen Sohn zu suchen. Dort findet er zuerst ein blindes Kind, dann kommt er seinem Sohn auf die Spur, der sich inzwischen in Amsterdam befindet, um seine Mission zu erfüllen. So reist Bram dorthin und geht in den türkischen Supermarkt in dessen Hinterzimmer der Sohn, der auf Arabisch Thaquib Israilow heißt, wohnt, läßt sich von ihm erkennen und vom Geheimdienst abführen, um dann in sein neues Leben zu seiner neuen Familie und dem alten Hund, den er von seinem Vater bekommen hat, aufzubrechen.
Sehr viel wird da in einem einzigen Buch erzählt, vom Holocaust, der Vater wurde in die KZs deportiert, ist vor lauter Hunger geizig geworden, von der Utopie eines total heruntergekommenen Israels, wo nur mehr die an Alzheimer erkranken, die Vorbestraften und die Labilen leben und man ständig überwacht, aber auch ständig überfallen wird und dann noch die eindrucksvollen Begegnungen des Sohnes mit dem alten Vater, der dem Nobelpreisträger die Windeln wechselt, ihn im Rollstuhl in die Ambulanzen fährt, wo er von einem achtzigjährigen Arzt, der nicht mehr gerade gehen kann, betreut wird und sich dann noch akribisch die Worte vorspielen läßt, die der alte Vater vor sich hinbrabbelt.
Witze und Geschichten kommen vor, der Goldschmied Janucz Goldfarb erzählt bevor er an seinem Schlaganfall verstirbt, den Sanitätern, den von den Astronauten die herausbekommen wollen, ob es am Mars Sauerstoff gibt, die Marsmenschen schauen sie entsetzt an und schreien „heute Schabbes, Idiot, heute nix Feuer!“ und die von der Enkeltochter, die über den Tod der Oma so begeistert ist, daß sie es mit dem Sanitäter in der Küche treibt.
Ich denke wieder, da hätte man zehn Romane aus einem machen können und ein bißchen sehr ausgeufert, phantastisch und übertrieben ist die Handlung allemal und es wird eigentlich nichts ausgelassen. Brams Vater ist Nobelpreisträger, als er in Amerika ist, kauft er sich ein Riesenhaus, als sein Sohn verschwindet, wird er zum Sandler, dann kommt der Millionär und rettet ihm, etc.
Trotzdem habe ich es mit Spannung gelesen und Leon de Winter hat in seiner ausufernden Phantasie auch sehr heikle Fragen behandelt „Wir hätten nicht herkommen sollen, Bram!“, sagt der Geheimdiestchef.
„Wir sind in die falsche Gegend mit rachsüchtigen Menschen gekommen. Sie haben eine rachsüchtige Religion, waren früher rachsüchtige Wüstenstämme und haben einen Tempel in Mekka.“
Leon de Winter wurde von den Kritikern auch sehr gelobt und hat 2002 den WELT-Literaturpreis bekommen.
Er ist mit der Schriftstellerin Jessica Durlacher verheiratet und die beginnt mit ihren Romanen auch oft beim Holocaust und macht daraus spannende Thriller.
Interessant wird sicher sein, das Buch 2024 zu lesen und es mit der dann existierenden Realität zu vergleichen, die die Wirtschaftskrise und die arabische Revolution, die sich ja auch weiterentwickeln werden, in dem Buch ja nicht so beschrieben werden.

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