Literaturgefluester

2012-06-18

Der Verdacht

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:47

Jetzt kommt ein Krimi des berühmten Schweizer Schriftstellers und Dramatikers Friecdrich Dürrenmatt, 1921 bis 1990, der auch Krimi geschrieben hat, der „Verdacht“, ist zwischen 1951 und 1952 als Fortsetzungsroman erschienen und ich bin in der Gewerkschaftsschreibwerkstatt auf ihn gestoßen, als dort einmal das Thema Krimi war. Da hat Evelyn Haas, glaube ich, ein Stück zur Einstimmung vorlesen lassen und die Geschichte mit dem Nazi Arzt der von einem alten Kriminalkommissar im Krankenhaus erkannt wird, hat mich so sehr fasziniert, daß ich dem Buch nachforschte.
Damals in der Schreibwerkstatt, habe ich „Mein ist die Rache geschrieben“, da ist mir die Idee nach der wahren Begebenheit des Motorradfahrers gekommen, der von der Polizei erschossen wurde, weil er zufällig neben ein Bankräuberauto gekommen ist, auch eine faszinierende Geschichte. Ich habe dem einen Freund gegeben, der Arzt ist und einmal den bewußten Gendarmen am Blinddarm operieren muß und er operiert nicht falsch, denn meine Helden tun das nicht, ist aber eine andere Geschichte, im „Best of Eva Jancak Geschichten Buch“ erschienen und die Schreibwerkstatt ist lange her.
Irgendwann einmal, vielleicht von diesen Buch Gutschein, den ich in der Pannaschgasse gewonnen habe, habe ich mir einen Dürenmatt Krimi, Band fünf aus der Süddeutschen Kriminalbibliothek gekauft, es war aber der falsche, deshalb habe ich ihn noch nicht gelesen und setzte „Das Versprechen“ jetzt erst auf meine Leseliste von 2014 und den „Verdacht“ gabs dann auch im Bücherschrank. Ich sage ja, daß ich die für eine fantastische Einrichtung halte und ein bißchen habe ich über Dürenmatt, den ich aus der Schule kenne und „Der Besuch der alten Dame“ wahrscheinlich eine Theater der Jugend Aufführung hat mich auch sehr fasziniert, jetzt nachgegoogelt.
„Der Verdacht“, ist also die Fortsetzung von „Der Richter und der Henker“, ob ich das auch habe, muß ich nachschauen, auch da gibt es den Kommissär Bärlach, genannt, der Alte, der Krebskrank ist und im „Verdacht“, liegt er im Krankenhaus, nach der Operation, hat nicht mehr lang zu leben und liest ein paar alte Zeitschriften aus dem Jahr 1945. Da ist ein KZ-Arzt abgebildet, der ohne Narkose operierte.
„Schau dir das an!“, sagt der Kommissär zu seinem Freund Dr. Hungertobel, der ihn auch operierte. Der erbleicht und erkennt einen Studienkollegen, aber der heißt nicht Nehle, wie der Naziarzt, sondern Emmenberger und war 1945 auch in Chile. Jetzt ist er wieder in die Schweiz zurückgekommen und leitet irgendso ein Nobelsanatorium, wo reiche alte Menschen sterben und ihm vorher alles vererben und einmal, 1908, als sie noch junge Studenten waren, stiegen sie auf eine Berghütte, da gab es einen Unfall, da hat Emmenberger auch ohne Narkose operiert.
Der Alte gibt nicht nach, obwohl der von seinem Chef besucht wird, der ihm die Nachricht bringt, daß er krankheitsbedingt entlassen oder pensioniert wurde, schickt ihm aber doch den Akt von Dr. Nehle, denn der lebt nicht mehr, hat sich umgebracht mit Zyankali. Der Verdacht liegt nahe, daß es um eine Verwechslung geht, so läßt sich der alte Kommissär unter falschen Namen in das Sanatorium überstellen. Vorher empfängt er aber zwei Besucher, einen alten Juden, der im Kaftan, nachts in das Spitalszimmer hineingeklettert gekommt und ihm einiges über Dr. Nehle erzählt, war er ja im KZ-Stutthof sein Opfer. Er gibt ihm auch Schnaps zu trinken, so daß die Krankenschwestern am nächsten Morgen böse schauen, weil der Kommissär besoffen ist, er raucht aber auch und Dr. Hungertobel zündet sich in seiner Gegenwart ebenfalls ein Zigarettchen an.
Nun ja, das war 1948 und damals vielleicht möglich, das Buch lebt aber auch von seinen sehr bizarr anmutenden Einfällen und Personen, so ist der zweite Besucher ein heruntergekommener Schriftsteller, dem der Kommissär den Auftrag gibt, in seiner Literaturzeitschrift einen entsprechenden Enthüllungsartikel zu schreiben und dann zu seiner Sicherheit zehn Tage nach Paris zu verschwinden. Dann läßt er sich von Dr. Hungertobel in das Sanatorium bringen, um dort Dr. Emminger zu verhören. Vorher sieht er noch einen Zwerg, wie erwähnt Dürenmatt versteht sehr bizarr zu schreiben und philosophische Gedanken flicht er in seinem Krimi auch immer ein.
Aus dem Verhör wird nicht viel, stehen dem Gott in Weiß doch alle Spritzen zur Verfügung, er empfängt ihn auch gleich im Operationssaal und nach der Spritze, einer Insulinkur, wie sich später herausstellen soll, wacht Bärach zum Skelett verwandelt erst fünf Tage später auf. Unterhält sich mit der Krankenschwester Kläri, bewundert die Bilder an den Wänden, die sich nach Belieben austauschen lassen, denn nichts ist für die Kranken zu teuer, aber aus dieser Station, kommt keiner lebend heraus, sagt die Schwester ungerührt. Es erscheint dann auch noch eine morphiumsüchtige Ärztin, ehemalige Kommunistin mit eingravierter KZ-Nummer und erzählt, daß sie von Stalins Höllen in die von Hiltler bzw. Emmingers kam, dann kommt der Arzt selbst und sagt er wird um sieben operieren und Dr. Hungertobel wird er auch umbringen. Der Schriftsteller ist schon tot, die Uhr tickt unerbittlich, trotzdem führen sie noch philosophische Gespräche, der Kommissär erkennt seine Schwäche. Dann kommt aber der fassadenkletternde Jude mit dem Zwerg, eigentlich ein Vasall Emmingers, aber doch dem Fassadenkletterer zugetan. Emminger hat er schon eine Zyankalikapsel zwischen die Lippen gepresst, so daß Dr. Hungertobel den Alten in sein Spital zurückbringen kann.
Eine sehr beeindruckende Geschichte, so bald nach dem Krieg geschrieben und beeindruckend auch, ob der Form, die Dürenmatt für seinen Krimi wählte, vieles ganz anders als gewohnt und in einem Schreibseminar würde er den Test für den richtigen Krimiplot wohl nicht bestehen. Ist aber trotzdem ein Meisterwerk, das auch verfilmt wurde und eine wieder, ob all der Widerwärtigkeiten, die dieses Leben ausmachen und auch real geschehen sind, hilflos zurückläßt.
Dazu passt sehr gut das zuletzt gelesene Buch.

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