Literaturgefluester

2012-07-04

Nachricht an alle

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:21

„Ein dichtes Portrait gesellschaftlicher Stimmungslagen und politischer Abläufe“ schreibt Wolfgang Thierse, von der neuen Gesellschaft über Michaels Kumpfmüllers 2008 erschienenen Roman „Nachricht für alle“ für den er 2009 den Alfred-Döblin-Preis bekommen hat, der die Rezensenten, wie man bei Perlentaucher.de lesen kann, teilweise enttäuschte bzw. nicht befriedigt hat.
„Wir stürzen ab – betet für mich!“, lautet das SMS, daß Minister Selden in der Nacht in einem klimatisierten Hotel in Amerika von seiner Tochter bekommt und wir sind mitten drin in den „Nachtrichten für alle“ leben wir ja in einer mediendominierten Zeit, wo man alles hautnah im Fernsehen übertragen bekommt und so lesen wir in dem Roman von Zuständen in denen wir 2008, natürlich sehr von nine elefen geprägt, lebten.
Wahrscheinlich ist es das, was die Kritiker nicht so überzeugte, denn der spannende Thriller, den man man heute schreiben muß, um die Leser zu befriedigen, ist es eigentlich nicht. Eher eine solche Gegenwartsbeschreibung, wie ich sie auch gern liefere und damit ebenfalls meine Kritiker, wie ich beispielsweise in der Augustin Schreibwerkstatt erlebte, nicht wirklich überzeugte, obwohl man damit, was mich wieder überzeugt, beispielsweise den Döblin-Preis gewinnen kann.
„Denn da passiert ja nichts!“ oder „Das kennen wir schon aus unserem Alltag, wir wollen das Abgehobene haben!“, wie man immer hören kann und es passiert auch viel auf den dreihunderteinundachtzig Seiten. Alltag, Realität aus der Politikersicht eines Sicherheitsstaates, ist es Deutschland oder Frankreich, so genau hat sich Kumpfmüller hier nicht festgelegt, ein europäisches Land ist es jedenfalls und sehr vieles erscheint uns sehr bekannt.
Der Roman ist sehr kunstvoll aufgebaut, beginnt er doch mit einem Vorteil „At the bottom of everything“, hat ein Nachkapitel „Linger on“ und dazwischen drei Teile und drei Chöre bzw. zwölf Kapitel und ist ein bißchen vage geschrieben, so daß mir nicht wirklich klar wurde, ob der Flugzeugabsturz Anishas jetzt ein Unfall oder ein Terrorakt war?
Sie ist jedenfalls die Tochter des Innenministers eines, wie im Buchtext steht „mitteleuropäischen Landes, das gerade in eine schwere Krise stürzt.“
Die Streiks, sozialen Unruhen und diffusen terroristischen Bedrohungen, die er Text weiter angibt, werden in den folgenden Kaptieln genausso vage ausgeführt. Der erste Teil ist aber sehr genau, das Begreifen oder Nichtbegreifen der Katastrophe, die einzelnen Schockphasen, die so eine Nachricht mit sich bringt wird genau beschrieben. Wir erfahren auch ein bißchen über den Minister. Mitte Fünfzig ist er, die Tochter Anisha stammt offenbar aus der früheren Beziehung mit Ruth. Die jetzige Gattin heißt Britta und ist Malerin, berufsbedingt sehen sich die beiden kaum. Selden wird von seinem Sekretär Per begleitet, der alles für ihn checkt, der hat eine Frau namens Annie, die gerade schwanger ist. Der Premier heißt Nick. So weit, so gut. Dann geht es in den ersten Teil. Da lernen wir die anderen Personen kennen. Es gibt eine Journalistin namens Hannah, die mit ihrem Fotografen Erik zu den sozialen Unruhen geht, wo Firmen geschlossen werden, Aktionisten sich anketten etc. Tick, Trick, Track und ein Mädchen namens Mania gibt es auch und einen Schriftsteller? namens Rubber, der ein bißchen in dem angedeuteten terroristischen Geschehen mitzumischen scheint. Es gibt auch die Stimme eines Sicherheitsmannes, der ein bißchen vom Leben der Security und der Bodyguards erzählt und die der Selbstmordattentäter des Islams und die Chöre, die so etwas, wie gesellschaftliche Analysen betreiben und das Leben mit Ritanil, Massenüberflutungen, den „Nachrichten an alle“ sozusagen, das wir führen, ein bißen durchleuchtet.
Eine Handlung gibt es ebenfalls, auch wenn sie, wie beschrieben, ein bißchen vage ist und dem nicht sehr aufmerksamen Leser in dieser Flut an Informationen leicht entgleiten kann, was aber auch symptomatisch für die Zeit in der wir leben und daher beabsichtigt sein kann.
Selden wird also durch den Tod seiner Tochter erschüttert, trotzdem gehen die Unruhen und die Wahlkämpfe weiter, er hat sich mit seiner Frau auseinandergelebt, lernt die Journalistin Hannah kennen, wird gemobbt, sein Privatleben und das einer früheren Geliebten wird an die Öffentlichkeit gezerrt. Fährt mit Hannah an einen kleinen Ort, dort sind schon die Terroristen, es kommt zu einem Anschlag und einer lebensgefährlichen Verletzung. Er hat aber Glück, wird sogar Premier und im Schlußteil, Jahrzehnte später, wo die meisten der handelnden Personen schon gestorben sind, fährt der dreißigjährige Staranwalt Mattis mit einem Mädchen namens Anisha durch den Wald, um seinen Vater in einen dieser Seniorenparks für Prominente, wo diese abgeschirmt und abgesichert von der inzwischen kaputt gegangegen Öffentlichkeit, ihre Bücher schreiben oder in den Tod gepflegt werden, zu besuchen. Er ist der Sohn Hannahs, die inzwischen in Amerika Karriere machte und, daß das Mädchen Anisha, wie die Tochter aus einer anderen Beziehung heißt, ist Zufall weiter nichts und fast alle, die um Selden waren, Per, Britta etc, sind gestorben, nur er ist vorläufig übergeblieben, schreibt an einem Buch, stützt sich schwer an einem Stock und hat am Morgen Schwierigkeiten mit dem Aufstehen…
Ja und, daß er in seiner Jugend ein begeisteter Anwalt war, der, bevor er in die Politik eingestiegen ist, die Welt retten wollte, habe ich noch vergessen.
Micchael Kumpfmüller ist 1961 geboren, der Roman mit dem er berühmt wurde heißt „Hampels Fluchten“, im vorigen Jahr hat er mit „Die Herrlichkeit des Lebens“, dem Roman über Kafkas Liebe zu Dora Diamant mediales Aufsehen erregt und war damit, glaube ich, sowohl in Frankfurt als auch auf der Buch-Wien. Verheiratet mit Eva Menasse, lebt in Berlin, steht in Wikipedia.
Das Buch stammt aus einem der 3.90 Abverkäufe, die es bei Thalia in der Kremsergasse immer wieder gibt und das Lesen war interessant, weil mich das realistische Schreiben ja sehr interessiert.
„Sehr spannend! Kumpfmüller weiß, wie Politiker leben!“, hat Elke Heidenreich noch zitiert.

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