Literaturgefluester

2012-07-05

Vom 36. Bachmannlesen – Eröffnung und erster Lesetag

Filed under: Uncategorized — jancak @ 16:33

Die sechsunddreißigsten Tage der deutschsprachigen Literatur besser als Bachmannpreis bekannt, warfen ihre Schatten, so gibts derzeit im „Tag für Tag“ immer etwas über die Kärntner Kunst und Kultur und sind, wie meine Leser vielleicht wissen auch für mich sehr wichtig.
Hätte ich ja schon 1977 beim ersten Mal sehr gern gelesen und da waren einige der Vierzehn, die heuer antreten dürfen, noch nicht geboren. Jetzt bin ich wahrscheinlich zu alt dazu, obwohl immer noch einige der Antretenden in den Neunzehnfünfzigerjahren geboren wurden und schreibe natürlich viel zu wenig abgehoben, zu naiv und zu realistisch.
So habe ich mir ganz ehrlich schon gedacht, warum ich mir dann soviel Zeit nehme und den Rest der Woche diesem Ereignis widme? Die Macht der Gewohnheit ist es wahrscheinlich, ist mir die Literatur ja sehr sehr wichtig, obwohl es mir eigentlich egal sein kann, wer von den vierzehn gewinnen wird.
Es ist aber zweifellos ein sehr wichtiges Ereignis und da es jetzt im Juli stattfindet, wo ich mit der Sommerfrische begonnen habe, bin ich auch nicht durch andere Literaturveranstaltungen, dem klinischen Mittag und meinen Stunden abgelenkt und das ist schon eine gesteigerte Lebensqualität mit dem Laptop auf der Terrasse oder wie jetzt bei der Eröffnung im Bett zu sitzen und nicht zwischendurch alles schnell nachzuschauen und danach statt im See zu schwimmen mit dem Rad an der Traisen entlangzufahren.
Wenn ich also diesen Preis schon nicht gewinnen kann, ist er doch ein sehr wichtiges Ereignis und heuer kann ich auch mit Cornelia Travnicek, die schon lange kenne und deren Blog, Facebook oder Tweets ich verfolge, ein wenig mitfiebern. Einige ihrer Bücher habe ich gelesen, die Fließtexte, die sie mir 2009 zu meinem Geburtstagsfest brachte, müßten noch auf meine Leseliste, zu den Mittleren IV habe ich sie eingeladen, bei den Textvorstellungen in der Alten Schmiede habe ich einmal mit ihr gelesen, den Lise Meitner Preis hat sie 2009 gewonnen und bei der Buch-Wien 2010 hat sie auch gebloggt….
Ansonsten kenne ich nur wenige der Lesenden, Leopold Federmair habe ich einmal in der Alten Schmiede gehört und war am Montag bei der Übersetzerlesung im Literaturhaus. Olga Martynova stand 2010 auf der Longlist des dBP und Sabine Hassinger hat möglicherweise mit dem Otto in Wien Musiktherapie studiert. Das ist alles oder nicht, denn es gibt ja seit einiger Zeit die Portrait der Vierzehn auf der Bachmannseite und die sind heuer besonders interessant und wie mir scheint psychologisch aufschlußreich. Denn einige eher konventionell, der Autor sitzt auf einem Stein und blickt ins Meer oder fährt auf dem Rad durch die Stadt und spricht dabei von seinem Schreiben, andere sehr ungewöhnlich Lisa Kränzler schreibt über sich in die Schreibmaschine. Einer läßt sich malen, einer inszeniert seinen Roman, Cornelia Travnicek putzt ihre Bubble-Tea-Filiale, eine mischt Farbkugeln in einer Schachtel und Isabella Feimer, auch eine Österreicherin, inszeniert sich dramatisch. Wenn man darüber Aussagen machen könnte, würde ich mal tippen, die Ungewöhnlichen gewinnen, da hätte Cornelia Travnicek einiges an Konkurrenz. Sie hatte aber Glück und eine schöne Startnummer, nämlich die sieben, denn wenn es Clarissa Stadler auch bestreitet, der Erste würde ich mal schätzen, hat schon wegen der Gruppendynamik keine Chance und es hat auch noch nie, glaube ich, einer gewonnen. Meistens gewinnen, die zuletzt lesenden. Da hätte Leopold Federmair eine Chance, aber sei doch nicht so ungeduldig, liebe Eva, noch ist es nicht soweit!
Noch habe ich meinen ersten Sommerfrischetag hinter mich gebracht. Klaus Amann zu Mittag mit Renata Schmidtkunst über die Kärntner Literatur diskutieren gehört, an meinem Text gearbeitet, bevor ich mir die literaturcafe tweets gegeben und das Filmchen angeschaut habe, das Wolfgang Tischner über seine Fahrt von Stuttgart nach Klagenfurt drehte. Er hat im Zug den „Volltext“ gelesen und seine Gedanken zu dem angeblich größten deutschen Preis, ich denke, es ist immer noch ein österreichischer, geäußert. Die Deutschen scheinen das anders zu sehen, aber die Eröffnung lag wenigstens ins österreichischer Hand und begann mit der Sass n Brass Band „gnadenlos groovy und funky!“, wie Clarissa Stadler sagte. Dann eröffnete diesmal eine Frau Direktor, Willy Haslitzer scheint ja schon in Pension gegangen und lud die Herren Sponsoren ein zu ihren Reden. Der Vizebürgermeister erzählte viel von seiner Liebe zur Literatur. Klaus Amann dürfte das, glaube ich, ein bißchen anders sehen, zumindest hat er zu Mittag aufgezählt, wie wenig die Literatur in Kärnten gefördert wird und Bibliothek hat Klagenfurt noch immer keine. Dafür kann man sich jetzt Bücher auf sein Handy laden und in der Stadt scheint es Bachmannzitate zu geben. Das Berühmteste „Die Wahrheit ist dem Menschen…“ wurde gleich ein paarmal zitiert und dann kam Ruth Klüger mit ihrer Rede „Der haltbare Satz im Bimbam der Worte – Ingeborg Bachmann Wahrheit und Dichtung“, zitierte zuerst Goethe, bevor sie zu der Bachmann, ihren Gedichten, „Udine geht“ und zuletzt zu den „Drei Wegen zum See“ kam.
„Es gibt den See – man muß den Weg nur finden.“
Dann kam noch einmal die Frau Direktor und eröffnete das Gartenfest, wo sich dann alle tummelten, bevor es am Donnerstag um 10. 15 mit der Lesung des 1964 in Mainz geborenen und in Finnland lebenden Stefan Mosters weiterging.
„Der Hund von Saloniki“, hieß der Text. Das Literaturcafe sprach von langatmiger Beschreibungsprosa, überlegte, ob der Hund eine Metapher für den Euro sei und mir gefiel dieser Text sehr gut. Ein Vater fährt mit seiner Tochter mit der Fähre auf den asiatischen Teil der Türkei und denkt dabei an seine Jugend, als er mit achtzehn nach Saloniki fuhr, sich dabei von seiner Liebe trennte und von einem Hund gebissen wurde. Auslöser für das Denken ist das Bild, daß Hunde in das Meer geworfen werden und das Entsetzen der Tochter, die und das ist die Frage, die ich an den Text hätte, freiwillig ein Kopftuch trägt. Denn in Istanbul muß man das, glaube ich, nicht. Ansonsten gefiel mir die realistische Sprache, die Hundemetaphern, die auch von der Jury kamen, hielt ich für übertrieben, sondern verstand ihn als Zeichen der Veränderung. Damals fuhr man Interrail in die Freiheit Griechenlands, das heute wirtschaftlich am Boden liegt und man trägt in Istanbul schon Kopftuch, was noch nicht ganz der Realität entspricht.
Ein bißchen schwerer tat ich mir dann mit Hugo Ramneks Text „Kettenkarusell“, das ist ein 1960 geborener Kärntner, der in Zürich als Lehrer und theaterpädagoge lebt, bei Wieser einen Roman herausgegeben hat, der „Der letzte Badegast“ heißt und von dem ich, glaube ich, schon einmal etwas gehört habe. Um es flapsig zu formulieren, würde ich sagen, die Slowenenfrage hatten wir schon im vorigen Jahr und ein solcher Text wird wahrscheinlich kein zweites Mal gewinnen. Er hat mich aber auch nicht so ganz, wie der Moster Text angesprochen, obwohl es auch um die Jugenderinnerungen des Protagonisten ging, der mit dem Zug oder Bus nach Klagenfurt ins Gymnasium fährt, während der ehemalige Schulfreund mit den falschen Eltern, schon eine Station früher aussteigt.
Dazwischen klappte sowohl mein Computer als auch die Bachmannseite zusammen. Ich kochte Mittagessen und widmete mich dann der 1988 geborenen Schweizerin Mirjam Riechner, die ebenfalls als Lehrerin arbeitet.
„Bettlägrige Geheimnisse“ heißt der Text und war sehr interessant, weil er sowohl die Jury spaltete, als auch zwischen sehr schönen und noch nicht so gekonnten Wendungen hinundherpendelte.
Im Allgemeinen würde ich vermuten, daß er nach den Kriterien der Riesenmaschine und dem Vorbild Kathrin Passigs „Sie befinden sich hier“ konstruiert wurden. Zwei Lehrerinnen werden in einer Hüte eingeschneit, eine stirbt dabei und dabei hat die Autorin noch Zeit die Schriftsteller mit Luftballons zu vergleichen und manchmal sehr schöne Sätze einzufügen.
Mein bisheriger Favorit kam am Nachmittag, nämlich der Hamburger Andreas Stichmann, 1983 geboren, Absolvent von Leipzig, seltsamerweise las er einen Text über den er schon sein Filmchen drehte und ich dachte, das darf man nicht.
„Der Einsteiger“ heißt der Romanausschnitt, der gleich mit dem schönen Satz beginnt „Als Ana krank wurde, dachte ich „Gott sei Dank“ und dann zeigte sich, daß auch realistische Texte durch surreale Seiten haben können, an denen die Jury zu kiefeln hatte.
Nämlich Ana und der Erzähler leben in einem Abbruchhaus, der Erzähler träufelt Ana warmen Schnaps ein, wie das die Pflegemutter bei ihm getan hat und dann will er ihr ein schönes Zuhause, eine schöne Wohnung bieten und steigt in eine bürgerliche Wohnung mit Mutter, Vater, Kind ein, verletzt sich dort den Knöchel, liegt unterm Sofa und die Ebenen vermischen sich.
Ich hoffe einen Preisträger vor mir zu haben, obwohl nicht alle Jurymitglieder von der Neuartigkeit des Textes überzeugt waren. Dann kam die Musiktherapeutin Sabine Hassinger, 1958 in Bad Kreuznach geboren, die in Wien studierte, einen sehr poetischen Film, als Einstimmung auf ihren Text hatte, in dem es um Texte ging, die sie einmal Ernst Jandl schickte und ihr Text, stehend vorgetragen und von Daniela Strigl vorgeschlagen „Die Taten und die Laute des Tages“ hatte es in sich.
„Kunstkacke“, las ich in den Tweeds vom Literaturcafe und fast hätte ich gedacht, es würde jemand sagen, ein solcher Text sprengt den Rahmen und gehört nicht hierher. Haben wir überhaupt noch die Zeit für einen solchen Text?“, fragte die neue Jurorin und wurde von Daniela Strigl und anderen überstimmt, die meinten, daß das der Grund sei, warum sie sich Literatur beschäftigen. Das Fernsehen war aber pragmatischer und blendete, als die Zeit um war, einfach aus. Im Saal und im Internet durfte man dranbleiben und meine Meinung zu der experimentellen Poesie, zu Andrea Winkler und Richard Obermayr etc ist ja auch bekannt, obwohl ich ihr ihren Wert nicht abspreche, jeden schreibe lasse, wie er will, das aber auch für mich selbst beanspruchen würde. Schade nur, daß ich nicht eingeladen werde, weil zu wenig abgehoben, nicht künstlerisch genug…
Sabine Hassingers Text war das aber sehr, die Juroren waren begeistert, die meisten Leser werden mit der l` art pour l` art vielleicht nicht soviel anfangen. Ich bin gespannt, ob und welchen Preis sie gewinnen wird und setze mich demnächst auf das Rad.

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