Literaturgefluester

2012-07-06

Die Flucht ohne Ende

Filed under: Uncategorized — jancak @ 23:12

„Die Flucht ohne Ende“, von Joseph Roth als Bericht tutuliert, beschreibt „die Geschichte meines Freundes, Kameraden und Gesinnungsgenossen Franz Tunda. Ich folge zum Teil seinen Aufzeichnungen, zum Teil seinen Erzählungen. Ich habe nichts erfunden, nichts komponiert. Es handelt sich nicht mehr darum zu „dichten“. Das Wichtigste ist das Beobachtete-„,Paris, im März 1927, Joseph Roth, beginnt das Vorwort lapidar und beeindruckend.
Dann geht sie los auf knappen hundertdreiundvierzig Seiten, die Geschichte des Oberleutnants der österreichischen Armee, der im August 1916 in russische Gefangenschaft geriet, in Wien mit einem bürgerlichen Fräulein namens Irene verlobt war und ihre Fotografie immer noch bei sich trägt. Mit Hilfe eines sibirischen Judens gelang ihm die Flucht, da er als Sohn eines österreichischen Majors und einer polnischen Jüdin Polnisch sprach und lebte bei diesem Polen namens Baranowicz einige Zeit, der ihm Papiere auf diesen Namen verschaffte und ihn als seinen Bruder ausgab. Weil der Pole sehr einsam lebte, erfuhr er erst 1919 vom Ende des Weltkrieges, dann wollte er nach Wien zurück, wurde aber von der roten Armee verhaftet und blieb einige Zeit „bei den Roten.“
Kam nach Moskau, trug den roten Stern, lebte mit einer Rotgardistin namens Natascha zusammen, die ihm seine Bürgerlichkeit vorwarf und ihn nicht verstand. Lebte sich mit ihr auseinander, war Filmvorführer, um das Volk mit revolutionären Filmen zu belehren, kam nach Buku, wo er als sich verheiratete, um irgendwann auf der Suche nach seiner seine ehemalige Braut, die sich inzwischen verheiratet hatte, zuerst nach Wien, dann in eine rheinische Kleinstadt, wo sein Bruder als Kapellmeister lebte, und zuletzt nach Paris zu kommen.
„Auf seinem langen Weg von Sibirien über Wien und Berlin nach Paris zeigt sich immer deutlicher, daß er mit dem Untergang des Habsburger Reiches nicht nur eine Heimat, sondern auch seine Idetität verloren hat!“, steht in der Beschreibung und der starke Ton Roths ist in seiner lapidaren Schlichtheit sehr beeindruckend.
„Glauben Sie, dass Sie imstande wären, mir präzise zu sagen, worin diese Kultur besteht, die Sie zu verteidigen vorgeben, obwohl sie gar nicht von außen angegriffen wird?“, fragt Tunda in Paris, wo die Damen mit Hüten und in Handschuhen ihre Kuchen essen.
„In der Religion!“ – sagte der Präsident, der niemals die Kirche besuchte.
„In der Gesinnung“ – die Dame, von deren illegitimen Beziehungen die Welt wusste.
„In der Kunst“ – der Diplomat, der seit seiner Schulzeit kein Bild betrachtet hatte.
„In der Idee Europa“ – sagte klug, weil allgemein ein Herr namens Rappaport.“
In Paris geht Tunda dann das Geld aus, trifft Irene wieder, die ihn nicht mehr erkennt und bekommt von seinem Bruder Baranowicz einen Brief nachgeschickt, der ihm schreibt, daß ihn seine Frau in Sibirien erwarten würde.
„Es war am 27. August 1926, um vier Uhr nachmittags, da stand mein Freund Tunda, 32 Jahre alt, gesund und frisch, inmitten der Hauptstadt der Welt und wußte nicht, was er machen sollte. Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der Welt.“, beendet der „unerbittliche Erzähler“ Roth, wie es Marcel Reich-Ranicki nannte, seine eindrucksvolle Beschreibung, wie es damals in den deutschen Städtchen, als noch die Fuhrwerke zwischen den Automobilen fuhren, sich die Kapellmeister noch Diener hielten und man in Gesellschaft allerhand Unsinn verzapfte und man kann sich vorstellen, wie das einer, der in dieser Zeit herumirrte, empfinden und daran zerbrechen konnte.
Joseph Roth wurde 1894 in Ostgalizien geboren, lebte ab 1918 als Journalist in Wien, dann in Berlin, von 1923-1933 war er Korrespondent der Frankfurter Zeitung. In den Neunzehndreißigerjahren erlangte er mit den Romanen „Hiob“ und „Radetzkymarsch“ Weltruhm. 1933 emigrierte er nach Paris, wo er 1939 verarmt starb. Einige seiner Taschenbücher habe ich mir zu einem seiner Jubiläums einmal gekauft, wo ich nicht mehr genau weiß, was ich davon gelesen habe. Der „Radetzkymarsch“ war im elterlichen Bücherkasten und den Film, der in den Siebzigerjahren mit Guido Wieland ins Fernsehen kam, hat mich enttäuscht, weil soviel von der Monarchie die Rede war, was ich damals nicht verstanden habe und überhaupt micht interessierte. Jetzt habe ich das Buch herausgenommen und werde es noch wohl noch diesen Sommer lesen. Sonst habe ich von über Roth, der ja immer noch sehr verehrt wird und seine Fans hat, die ihn zur Gänze lesen bzw. Gesellschaften für ihn grünen, einige Ausstellungen und Veranstaltungen im Literaturhaus besucht und auch schon öfter geschrieben.

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