Literaturgefluester

2012-08-18

Der Klang der Blicke

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:51

„Der Klang der Blicke“, einunddreißig Geschichten des 1971 in Adana geborenen Selim Özdogan, von dem ich, bevor mir Haymon das E-Book schickte, noch nie etwas gehört habe. Stimmt wahrscheinlich nicht so ganz, denn ich habe einige Filme von Faith Akin gesehen und für die hat er die Drehbücher geschrieben und sein erster Roman „Es ist so einsam im Sattel, seitdem das Pferd tot ist“, 1995 erschienen, ist, wie ich Wikipedia entnehme, gleich ein Kultbuch geworden, weil es den Ton der Jugendlichen trifft.
Poetisch schöne, aber auch sehr brutale Geschichten, die von der Kindheit, dem Aufwachsen, dem Alltagsleben und dem Verbotenen-Verborgenen handeln, das nur die Therapeuten zu wissen glauben, die sowohl im heutigen Deutschland, als auch in den kleinen türkischen Städten der Vergangenheit spielen, aber auch von denen, die in Vorstadtsiedlungen aufwachsen, saufen, kiffen und sich über Filme streiten und dann ihre Frauen schlagen oder nicht schlagen, erzählen und dann gibt es auch Bemerkungen über Menschen geben, die ausschauen, wie Germanistikstudenten im höheren Semester, die angeblich alle Chancen im Leben haben.
Beginnen tut es sehr poetisch mit „Der den Klang der Wolken liebt“, da fängt ein in Deutschland aufgewachsener türkischer Junge zu rappen an und sich für Hip Hop zu interessieren, zuerst hört er zu, dann schreibt er die Texte selbst, denn wenn man konsumiert, hat man gar keine andere Chance, als es selbst zu versuchen, der Vater rät ab, der Junge tut es trotzdem und hat auch Erfolg, zumindestens zum Greifen nahe, der Durchbruch kommt aber nie, so beginnt er Romane zu schreiben und wird von den Kritikern daraufhin zum Autor mit Migrationshintergrund gemacht. Zuerst hat der Vater auch abgeraten, später sagt er „Was willst du mit der Anerkennung derer, die du ohnehin nicht ernstnehmen kannst. Jeder ernsthafte Schriftsteller geht allein, halte nur den Rücken gerade!“, wie wahr.
In der „Steinstadt“, in der es nur ein paar Geschäfte gibt und einen Bus, der einmal in der Woche kommt, leben und träumen sie. Wie das auch schon andere gemacht habe Marx, Freud, Ghandi z.b. und irgendwann fahren sie mit dem Bus fort und kommen wieder oder auch nicht.
Im „Garten ohne Gesetz“ erzählt ein Junge von einem Sommer den er im Garten seiner Mutter verbringt.
„Du mußt aufpassen!“, sagt die Oma „deine Mutter ist wie ein Kind!“
Und der Opa spricht nicht mit ihr.
„Weil er sie liebt!“, erklärt die Mutter und erklärt dem jungen alle Pflanzen, den Tabak, die Pfefferminze, den Waldmeister, den Hanf u.u.u.
„In oben auf dem Dach und hinterher“, steigt einer, ein Pubertierender wahrscheinlich in der Nach auf einen Hochhausrohbau, fünfundzwanzig Stockwerke ohne Geländer und ohne Taschenlampe um von oben die Stadt zu besteigen. Mutprobe mit seinen Freunden und mit Treya und mit der bleibt er am Schluß allein“
In „Die Wege des Herrn“ erzählt dann der Vater, wie es früher war in dem kleinen Städtchen, man ging zum Friseur und sah dabei eine Frau mit einer Tochter, verliebte sich in sie und leiß den Lehrbuch nach der Adresse forschen. Der Vater arrangiert die Hochzeit, nur leider ist der Lehrling einer falschen Mutter nachgegangen.
In „Noch einmal die Weite“, trifft sich offenbar ein todkranker Mann zum letzten Mal mit seiner Geliebten um ihre Nacktheit zu spüren und sehr stark, aber ganz anders, die Geschichte, von denen die sich mit ihren Bierdosen am See treffen, die Mädchen anlabern und dann am Abend die Laternen ausreißen oder Spießer aufwecken würden, als die Kanacken mit ihren Tapeziertischen und ihren Proviantkörben kommen. Zuerst wird noch über die dicken Frauen sinniert, die sich trotz Kopftücher Tangas kaufen, dann scheint ein Kind zu ertrinken und keine Männer sind da, Schorch springt ins Wasser und ertrinkt, nach dem zehnten Bier offenbar ein Herzversagen. „Wir werden ihn rächen“, ist der letzte Satz. In der Geschichte von den drei Duranski-Schwestern, erzählt einer von den „kriegerischen Größen“ der Siedlung in der er aufgewachsen ist, Saskia, die sich gern mit Jungen prügelt,Lea mit der großen Klappe und ohne Angst und Sina, die raucht und kifft. Dann steigt auch noch ein „Todesengel“ in den Lastwagen, diskutiert mit dem Fahrer, erzählt ihm, daß er in achtzehn Minuten einen Herzinfarkt erleiden wird und dann war es ein perfekt inszenierter origineller Raubüberfall, „schon der zwölfte Wagen diese Woche.“
Spannend auch die Geschichte von den „Kriminellen“, wer sind sie, die die das Fenster offen lassen und allen von ihren Reichtum erzählen, der Sohn der seinen Verwandten auf der Hochzeit den Armreif oder den Discmann klaut, der Onkel von der Drogenfahndung, der in Deutschland ein Bordell besucht, wo ukrainische Mädchen Arbeiten, die eigentlich Kellnern wollten oder die Großväter, die ihre Enkeltöchter zwingen ein rotes Band an der Hüfte zu tragen, obwohl jeder weiß, daß sie keine Jungfrauen mehr sind?
In „Jeder schläft allein“ und „Papierpussy“ geht um die Gewohntheiten der Frauen, in deren Bett und Zimmer man sich auf einmal befindet. Die eine will eine bestimmte Cassette hören, die andere schläft, was wohl eine besondere Ironie ist, bei dem Buch eines Schriftstellers ein und ist nicht wachzukriegen, als hätte sie Valium genommen, ja wenn es Drogen gewesen wären…
Und „In eines Tages wird er nicht mehr kommen“, geht es um eine Beziehung mit einem Yogalehrer, der sich sehr bedeckt verhält, während einer, der eigentlich weinen wollte in „Töten hören leben“, seinen Hamster umbringt, nachdem er als sein Bruder ausgezogen ist, er aufs Gymni kam und er Ana mit den schmutzig blonden Haaren in der Lokomotive im Park nicht küssen konnte.
Ganz anders die „Zwei Tage“ da schleicht sich ein Einheimischer in einen dieser gutbeachten teueren Touristenclubs ein um dort Hummer zu essen und die Frauen zu vögeln und wird dann nur von seinem Landmann und Portier zusammengeschlagen.
„Verdachtsmomente“ ist auch so eine Geschichte, die man noch nicht überall gelesen hat. Es geht ums „Spielen in der Oberliga“ oder wie man eine Frau betrügt, ohne, daß sie es bemerkt. Selims Özdogans Ton ist immer etwas überheblich und besser wissend, so als ob einer die Welt von oben betrachtet und in seinem Zynismus kundgibt, daß man es ohnehin nicht besser machen kann, was auch für „Uta lampes Ex“ und „Dachterrasse“ gilt. Dann gibt es die Geschichte, wo einer sechundzwanzig Bewerbungsschreiben nach Ratgebern verfaßt, siebzehn Absagen und acht Bewerbungsgesräche macht und der letzte fragt ihn , ob er schon mal Extasy genommen hat. Aber ganz ehrlich! Was soll man da darauf antworten?
In „Freuden der Jugend“, werden genauso eindrucksvoll die Leiden eines Siebzehnjährigen erzählt, der in der ersten Reihe sitzt weil er sehr schüchtern ist, auf einer Party erkennt er, daß man mit Alkohol zum Reden kommt, bei den Mädchen klappt es aber nicht, die Eltern sind sehr unzufrieden und lassen ihm im Urlaub zurück, so daß ihm nichts anderes überbleibt, als sich die Pulsadern aufzuschneiden, denn Selbstmörder hat er ohnehin schon seit seiner Geburt bewundert. Das Pedant dazu ist die letzte Geschichte, die von der Prinzessin die auf der Suche nach der Mitte der Langweie und dem Ende der Einsamkeit durch alle Märchen und die Literaturgeschichte geht, so daß wir nochmal lesen können, daß es der Autor in allen Tonlagen kann, schön poetisch aber auch ganz brutal in der Alltagssprache, weiß er von den Nöten, die wir in diesen Leben haben, zu erzählen und hat immer wieder ganz überraschende Einfälle dabei.
Dann habe ich noch Hörproben aus „Ein weiteres Verlangen“, bekommen, das, wie ich Google entnehme, ein Album ist, das vom Autor ins Netz gestellt wurde, die ersten zweihundert können sich die Texte gratis hinunterladen, für die weiteren wird dann der Preis ausgedacht und einen Abspann zur Urheberfrage gibt es dabei auch.
Ein sehr interessantes Erzähltalent, das wirklich mehr, als über den Migrantionshintergrund zu erzählen weiß und sich für alle Tonlagen und alle Lebenskrisen zu interessieren scheint, das ich das kennenlernen durfte. Die Bandbreite der Özdogan Geschichten ist sehr vielfältig und es wird in einer sprachlichen Vielfalt erzählt, wie man sie selten in Erzählbänden findet.
Hier noch die Besprechung eines Erzählbandes einer austro-türkischen Autorin, die ich voriges Jahr gelesen habe.

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