Literaturgefluester

2012-09-04

Erinnerungen eines Narren

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:31

Nun ist der letzte Roman von Marianne Gruber „Erinnerungen eines Narren“, der im Frühjahr bei Haymon erschienen ist, in der Alten Schmiede und auch sonstwo präsentiert wurde und ich auch bei der Unsterblich-Podium-Veranstaltung im Juli ein Stückchen daraus hören konnte, doch zu mir gekommen und hat mich auch beim Lesen sehr gefordert, denn Marianne Gruber bietet keine leichte Kost, sondern einen vielschichtigen anspruchsvollen Roman, der nicht nur vom Sterben eines alten Mannes und vom zweiten Weltkrieg erzählt, das hatten wir schon, denn daran scheinen sich gerade einige Autoren um die Siebzig abzuarbeiten, sondern auch die ganze Welt- und Literaturgeschichte einbezieht, sie neu- und umdeutet und da ich in die Hauptschule und nicht ins Gymnasium gegangen bin, habe ich etwas Schwierigkeiten mit der griechischen Mythologie, das heißt ihre Helden und Götter nicht so ganz genau im Kopf und wahrscheinlich auch keinen Respekt vor ihnen, aber auch da gibt es eine beeindruckende Stelle in dem dreihundertfünzig Seiten dicken Buch, nämlich die, wo der monologisierende Ich-Erzähler, der alte namenlose Clown mit dem gefälschten Schweizer Pass, der einmal Internatsschüler war, von Sisyphos und seinen Steinen erzählt „Mein Vater schaut mich mit großen Augen an. Woher hast du denn das? Lernt man das auch im Gymnasium?“
Aber der Reihe nach, bin ich ja eine gründliche Leserin und habe den Anspruch die Realistik eines Buches zu erfassen und die wird von der 1944 geborenen Autorin, die neben Klavier auch Medizin und Psychologie, letztes bei Viktor Frankl studiert hat, zumindestens gestreift.
Da liegt ein alter Mann in einem Zimmer, vom Seil gestürzt, liegt da seit fünf Monaten und kann sich nicht bewegen. Es ist der, der sich durch die Weltgeschichte monologisieren wird, aber um die praktischen Dinge des Lebens hat er sich nie gekümmert, zumindestens nicht um so banale, wie Versicherungen. Hühner gestohlen und Menschen gerettet, hat er in seiner Jugend schon, aber jetzt braucht er eine alte Frau, die ihn versorgt und aufs Klo begleitet, weil er das allein nicht kann und es kommen auch Leute zu ihm, die Fragen stellen, nach den Versicherungszeiten z.B. und danach, welchen Wochentag man hat und was ein Kilo Brot kostet?
Das habe ich für mein Rigorosum vor mehr als Dreißig Jahren auch gelernt und führe auch regelmäßig, den Mini Mental Test durch und die alten Leute, die Shakespeare die Welt und seine Stücke erklären können, wissen das heute nicht und haben das auch damals wahrscheinlich nicht gewußt.
„Es ist der Vorabend zum zweiten Weltkrieg“, beginnt der Klappentext und das wird in einem großen Teil des Buchs behandelt, das mit dem abgestürzten Clown und seinem Redefluß beginnt, denn der erzählt allen, die es hören wollen, seine Geschichte, die von dem Internatsschüler, der obwohl kein Jude und auch sonst nicht verfolgt, aber Mutterlos, seinen Vater und das Internat verläßt und sich einem Wanderzirkus anschließt. Dort wird er von dem weisen Hieronimo zum Hilfsclown ausgebildet, es gibt Rollo, den Liliputaner und Rachel, die schöne Jüdin, die aus Angst vor der Verfolgung in der Zirkuskuppel schläft, gibt einen Löwendompteur, Bären, einen Direktor und in der Schweiz erlebt der Zirkus große Not und Hunger. Es gibt keine Arbeitserlaubnis, aber Polizisten, die eine Ausgangsgenehmigung erteilen und auch Schokolade bringen, geschmuggelte Flüchtlinge, einen evangelischen Pfarrer, der alle verrät, obwohl man sonst wenig vom Krieg wüßte, wenn es nicht ab und zu ein Flugzeug zu beoachten gibt, da der Held nur wenige Zeitungen liest, sondern Rachel seine Schokolade schenkt und mit Rollo streitet.
So geradelinig wird das nicht erzählt, sondern es gibt immer wieder Unterbrechungen, wo der Erzähler mit den jungen Männern spricht, die seine Geschichte hören wollen und dann in die Vergangenheit abdriftet, denn offenbar hatte er mehrere Leben, es gibt auch einen geheimnisvollen Anderen, der immer wieder kurz erwähnt, aber von mir nicht ganz verstanden wurde. Das Stück, das ich schon in der Alten Schmiede hörte, handelte von einem Pedro und der spanischen Inquisition. Dann gibt es zwei sehr beeindruckende Kapiteln, wo der Held mit einem William an die Schauplätze von Romio und Julia bzw. Othello geht, um mit ihm zu klären, wie das damals wirklich war mit der Eifersucht und dem Sterben?
Da ist mir eingefallen, daß es auch einen Text von Marianne Gruber gibt, der „Julias Spange“ heißt, mit dem sie, wenn ich mich nicht irre, damals in die Endauswahl des Limes-Literaturpreises gekommen ist, um den ich mich auch beworben habe.
Ein großer Teil des Buches beschreibt die Erlebnisse im Wanderzirkus bis Kriegsende, wo der alte Mann zweiundzwanzig war, die Einschübe, die von Jason und Medea, Aigeus und Theseus, Romeo und Julia, dem Vogel Phönix etc. handeln, sind eher kürzer und auch die, was nach dem Krieg geschah. Da kommt der Held nach Wien zurück und sucht nach seinen Vater, er findet nur einen Grabstein mit seinem eigenen Namen, hat Schwierigkeiten mit seinem gefälschten Schweizer Pass, echte Papiere hat er nicht mehr, weil er damals offenbar in die Schweiz geschmuggelt wurde, lebt kurz bei einem Psychiater, nimmt Kontakt mit einem Anwalt auf und trifft auch seinen alten Griechisch Professor. Dann kommt schon Rollound holt ihm zum Zirkus zurück. Rachel, Hieronymo und Rollo sterben. Der Clown wird macht Gastspiele in Paris und in der ganzen Welt, dann stürzt er vom Seil.
„Was sehe ich oben?“ , hat er Hieronymo vor seinem ersten Auftritt gefragt.
„Nichts oder du stürzt ab!“, hat der geantwortet.
Jetzt ist er abgestürzt, wird von der alten Frau gepflegt und nach dem Brotpreis gefragt, er erzählt seinem Besucher und fordert ihn zuletzt auf, seinen Koffer mit den Steinen und dem alten Kostüm zu nehmen und sein Nachfolger zu werden.
„Über den Rest nicht viele Worte,je länger das Leben dauert, desto weniger gibt es zu berichten, alles drängt sich zusammen, am Schluß hat es in einer Nußschale Platz!“, heißt es im letzten Kapitel, wo es vom Kriegsende schnell in die Gegenwart geht und die Jahrzehnte, die dazwischen liegen, mit ein paar Sätzen gestreift werden.
„Vier Wände lautlos auseinander und nichts mehr“, lauten die letzten Worte und Marianne Gruber, die auch Kafkas „Schloß“ weitererzählt hat, ist bestimmt eine großartige Erzählerin, die mit einer sehr genauen Sprache sehr viel erzählt. Das Elend des Sterben, die Fragebögen der Psychiatrie, genauso wie die Weltgeschichte, den zweiten Weltkrieg mit seinem Elend, auch das, was damals in Verona und in Venedig wirklich geschehen ist, zu wissen scheint und geradezu sprüht von Einfällen und Geschichten.
Ich mag es ja sozialkritischer lieber und fange mit den alten Griechen, wie erwähnt, nicht so viel an, obwohl mir die Metapher vom Sisyphos, wenn ich einen neuen Roman beginne, Seite um Seite beharrlich korrigiere und das Ganze dann trotzdem niemand lesen will, schon mehr als einmal eingefallen ist. Marianne Gruber hat auch zu Sysiphos und seinen Steinen einen eigene Deutung und ich habe sie um 1980 kennengelernt, als wir beide mit unseren Geschichten, den Wettbewerb zu einem frauenfreundlicheren Kinderbuch „Mädchen dürfen pfeifen, Buben dürfen weinen“ gewonnen haben. Damals habe ich sie sehr solidarisch empfunden und kann mich an eine ganze Liste von Ratschläge erinnern, die sie mir gegeben hat, wo und wie ich versuchen könnte, meine Texte zu veröffentlichen. Sie hat später im Fernsehen moderiert, das habe ich als Nichtfernseherin weniger verfolgt, treffe sie aber regelmäßig in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, deren Präsidentin und Nachfolgerin von Wolfgang Kraus sie ist und finde es etwas schade, daß ich mit meinen selbstgemachten Büchern in der Herrengasse nicht lesen kann und habe das beim Dichter-Fasching aber schon zweimal getan
„Die gläserne Kugel“ habe ich, glaube ich, vor langen gelesen und bei der Lesung „Veröffentlichtes und Unveröffentlichtes von Julian Schutting und Marianne Gruber“ war ich in diesem Frühjahr auch und Professorin ist sie, glaube ich, gemeinsam mit Gerhard Ruiss in diesem Jahr auch geworden.

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