Literaturgefluester

2012-09-07

Wohin denn wir

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:41

Zum fünfundsechszigsten Geburtstag des Schweizer Dichters Jürg Amann ist bei Haymon ein Kurzroman erschienen, der wieder würde ich meinen, mehr eine Erzählung oder eine Novelle ist. Die Novellenform erscheint bei „Woin denn wir“ wahrscheinlich angemessener, denn das Buch handelt von drei Friedrichen. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Johann Christian Friedrich Hölderin, zwei berühmte Philosophen und ein Dichter, die alle in Zeiten der französischen Revolution im Tübinger Stift studiert haben und konsequent in den neununddreißig sehr poetischen Kapitieln mit den Vornamen angeredet werden. Die Namensliste, um das who ist who zu verstehen, habe ich mir erst jetzt ergooglet, in der Badewanne ist das schwierig und dann gibt es noch eine Unterteilung. Ein Teil der Handlung spielt nämlich in Berlin in den Neunzehnhundertachtundsechzigerjahren und da teilen drei Studenten eine Wohngemeinschaft, die sich Hegel, Hölderin und Schelling nennen oder vielleicht wirklich so heißen. Abwechselnd wird von den einen und dann von den anderen erzählt und damit man das ein bißchen besser versteht, tragen die Kapitel des achtzehnten Jahrhunderts römische, die des zwanzigsten normale Zahlen.
Im Klappentext steht etwas von den Idealen, die die Drei in ihren Jahrhunderten hatten, beziehungsweise wird verglichen was daraus geworden. Von der französischen zur Studentenrevolte also. Die ersten drei sind berühmte Personen, die wir zumindestens dem Namen nach, kennen, da die meisten Leute, die Belletristik lesen, wahrscheinlich nicht Philosophie studiert haben und vielleicht auch keine Hölderlin Experten sind, wird man sich beim Lesen vielleicht schwer tun oder drüber lesen, beziehungsweise sich in die poetische Amann Sprache hineinfallen lassen. Aber auch das ist nicht ganz so leicht. Steht doch da am Ende „Der Autor dankt Hölderlin, Hegel und Schelling für ihre Leihgaben.“ und da müßte man die drei gelesen haben, um die zu erkennen.
Was nimmt sich also die 1953 geborene Vielleserin, die zumindestes das Studentenleben in Wien ab 1973 kennenlernte, mit?
Da sind drei, später berühmt gewordene Männer, die die französische Revolution erlebten, große Ideale hatten, die beiden Philosophen hatten später Professuren und Bücher geschrieben, die ich nicht gelesen habe. Hölderlins Werke auch nicht, obwohl ich einmal so wahnsinnig war, über Hölderlins Wahnsinn im Klub der logischen Denker einen Vortrag halten zu wollen, weil ich mir ein diesbezügliches Buch gekauft hatte.
Daraus ist nichts geworden. Hölderlin hat Jahre in einem Turm gelebt und seine Briefe mit Scardanelli unterschrieben, viel mehr weiß ich nicht von ihm auch nach der Lektüre, der sehr poetischen Novelle, sage ich einmal, nicht. Oder, daß der sich als Hauslehrer oder Hofmeister durchs Leben brachte, dabei seine Werke schrieb, wo die Kinder, die er unterrichtete und ihre Mütter eine Rolle spielten. Zwei jungen Mädchen ist er vielleicht etwas zu nahe gekommen. Am Ende trennen sich die Freunde und eine Deutung des Buches ist ja, daß Amann sehen wollte, was davon zweihundert Jahre später überblieb? Für mich sind das zwei komplett andere Schuhe. Die Berlin Kapitel sind aber dichter, mir vertrauter und ich kann das alles, wahrscheinlich weil ich selber einiges davon erlebte, gut nachvollziehen.
Da sind also drei junge Männer ohne verwirrende Vornamenflut, ob sie wirklich Hegel, Schelling, oder Hölderlin heißen oder sich nur nach ihren berühmten Vorbildern so nennen, bleibt ausgespart, ich habe es jedenfalls nicht als Wiedergeburt gelesen, die kommen vom Tübinger Gymnasium nach Berlin in die Zeit der Studentenrevolte. Hölderin, Hegel, Schelling echt, wollten offenbar das Paradies in ihren Werken finden, die drei Achtundsechziger erleben eine Vorstellung eines amerikanischen Straßentheaters „Paradise now“ und noch so manch andereres Happening.
„Hair“ und „Jesus Christ Superstar“, war ja damals auch in Mode, sie haschen und kiffen auch ein bißchen uns versuchen sich dadurch in andere Bewußtseinszustände zu versetzten, vor allem suchen sie aber nach den Frauen und das haben, wie ich dem Buch entlesen habe, ihre Vorbilder auch getan. Zweimal drei junge Männer, die sich dem weiblichen Geschlecht annähern wollen, im Tübinger Stift des achtzehnten Jahrhunderts war das wohl nicht einfach, seltsamerweise scheint es das auch in der Berliner WG nicht zu sein. Zwei Zimmer, eines mit zwei, eines mit einem Bett, Hölder bekommt das eine mit der Auflage es zu verlassen, wenn die beiden anderen eine Frau mitbringen. Die tun das aber erstaunlich wenig, denn die die sie treffen, sind verlobt, verheiratet oder studieren Medizin. Hölder schreibt aber trotzdem einen Roman auf einer Hermes Schreibmaschine im Bett und auch einige Gedichte, von denen sein Vater sagte „Ein richtiger Dichter wirst du nie!“
Die drei reisen am Ende des Semesters ab und was ist geblieben?
Ja, richtig, das habe ich außer der Revolution, die, bei der Benno Ohnesorg sein Leben ließ, noch vergessen, sie fahren in den Osten, nicht nach Russland, sondern in den zweiten Teil der geteilten Stadt, werden von den Vopos aufgehalten, müßen Strafe zahlen, haben wir 1985 in Ostberlin auch so erlebt, gehen in ein Restaurant essen, wo das Essen fast nichts kostet, es gibt aber nur Gulasch und keine Karte, das haben wir in Dresden so erlebt und als sie sich an einen Tisch neben ein paar Herren setzen wollen, werden sie von der Bedienung weggesetzt. Dann gehen sie noch in die berühmte Humboldt Universität und wollen mit den Studenten diskutieren, fallen als Fremdkörper auf und werden dann von zwei Herren in Anzügen entfernt.
Das kann es nicht sein was geblieben ist und das gibt es inzwischen auch nicht mehr.
Ich nehme mir ganz prosaisch mit, die Ideale sind hier und dort zerbrochen und die die Herren Hegel, Schelling, Hölderlin zwei werden heute bald in Pension gehen, wenn sie nicht arbeitslos sind. Studienräte, richtige oder verkrachte Dichter sind sie vielleicht auch geworden, wahrscheinlich nicht so berühmte Philosophen, wie ihre Vorbilder, aber das war im achtzehnten Jahrhundert, als es noch nicht so viele Studenten gab, wie zweihundert Jahre später, wohl auch leichter und ich habe mich natürlich gefragt, wer der Hölder sein könnte, wen hat Amann damit gemeint, welcher Dichter hat vielleicht so geschrieben?
Eine sehr interessante Erzählung, von der ich mir den poetischen Ton mitnehme, nach Schelling, Hegel und Hölderlin gegooglet habe, aber nicht mehr Zeit habe, als ihre Lebensläufe zu lesen. Das ist auch nicht so wichtig.
Die französische Revolution hat meiner Meinung nach auch mehr Blut, als wirkliche Freiheit gebracht, so daß ich nicht so ganz verstehen kann, warum man den 14. Juli so groß feiert. Dann kamen Weltkrieg I und II und die, die die Studentenrevolte 1968 machten, hatten noch das Trauma ihrer Eltern und ihrer Großeltern im Blut und darauf reagiert.
Der realexistierende Sozialismus hat auch nicht sehr viel gebracht. Die Mauer ist gefallen. Dafür haben wir jetzt die EU, den Neoliberalismus und die Wirtschaftskrise und die, die heuer ihre Matura machten, werden höchstwahrscheinlich auch ihre Ideale haben und die Welt verändern wollen, ob sie sich Hegel, Schelling und Hölderlin nennen, weiß ich nicht.
Elfriede Jelinek, Rosa Luxemburg und Berta von Suttner, etc, wäre mir auch lieber.
Von Jürg Amann, habe ich, glaube ich, 1982 das erste Mal etwas gehört, als Brigitte Guttenbrunner, die ich vom Arbeitskreis schreibender Frauen kenne, beim Bachmannpreis gelesen hat. Denn den hat er damals gewonnen und der Arbeitskreis ist in diesem Sommer auf einen Berg bei Mürzzuschlag gewandert und dort hat sie mir davon erzählt und mir seinen Text zu lesen gegeben. Später habe ich ihn dann, glaube ich, bei „Rund um die Burg“ lesen gehört und wenn man bei Wikipedia nachschaut, kommt man auf eine sehr lange Werkliste. Auch ein Vielschreiber, habe ich mir gedacht und die Lektüre des Büchleins sehr genossen, obwohl es mir, wie schon erwähnt, keine wirklich neuen Erkenntnisse brachte, ich könnte mir aber vorstellen, daß das Schreiben dem Autor sehr gefallen hat.

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