Literaturgefluester

2012-09-21

Taubenflug

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:16

In Zdenka Beckers 2009 bei Picus erschienenen Roman „Taubenflug“, der, wie im Klappentext steht „Geschichte einer Kindheit und Jugend in der Tschechoslowakei der fünfziger und sechziger Jahren werden viele Probleme angerissen und in einer Rahmenhandlung zusammengeführt. So beginnt es in der Gegenwart, die Ich-Erzählerin Silvia, genannt Columbina, trifft beim Bebräbnis einer Freundin ihrer Mutter, auf einem Bratislava Friedhof, ihren Jugendfreund Daniel wieder, den sie sechsunddreißig Jahre nicht gesehen hat.
An dem Tag wird nicht nur Tereza Polakova begraben, sondern auch die Urne ihres Sohnes Gregors beigesetzt und Silvia ist von Wien, wo sie als Taubenforscherin lebt, nach Bratislava gekommen und erinnert sich, an ihre Jugend, in einem slowakischen Dorf, das es nicht mehr gibt, weil es eingeschliffen wurde, um die Stadt Bratislava zu erweitern. Silvia ist dort bei ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, der Vater ist an den Asbestfolgen als Arbeiter einer Chemiefabrik gestorben, so daß die Mutter sich als Schneiderin ihr Leben verdiente und es gab einen Garten, der ihr gemeinsam mit Tereza Polakova gehörte, der Mutter Daniel und Gregors, die beide Silvias Jugendfreunde waren. Um diesen Garten zu bekommen, sollte Siliva Gregor heiraten, so wünschte es sich die Mutter. Silvia fühlte sich aber mehr Daniel hingezogen, der sich für Tauben interessierte und sie zu züchten begann. In dem Dorf gab es auch eine Kirche und einen jungen Pfarrer, Herrn Matus, der sich ebenfalls Tauben hielt, in Jeans und Zivilkleidung durch das Dorf ging und eine besondere Beziehung zu seinen Ministranten hatte. Besonders Gregor schien ihn oft zu besuchen, während sich Daniel mehr für die Tauben interessierte und als er einmal von Herrn Matus in seinem roten Skoda in die Stadt migenommen wurde, kommt er empört zurück, nennt den Pfarrer „Perversling“ und spricht von einer unanständigen Berührung. Im Dorf wird ihm nicht geglaubt, der Pfarrer besticht ihn mit Tauben und Gregor freundet sich irgendwann mit Silvias Freundin Veronika an.
Das geht bis in das Jahr 1968, da sind Daniel und Silvia siebzehn und stehen vor der Matura. Daniel begleitet Herrn Matus nach Ungarn zu einem Taubenwettbewerb und kommt nach dem Einmarsch der Russen nicht mehr zurück. Silvia und Veronika flüchten nach der Matura nach Wien, Veronika kehrt aber nach Bratislava zurück, um Gregor zu heiraten, während Silvia Entologie studiert und ihre Diplomarbeit oder Dissertation über Tauben schreibt.
Nach dem Begräbnis ihrer Mutter, die ein paar Wochen vor Tereza Polakova an einem Schlaganfall stirbt, findet sie in ihrer Wohnung, ein Bündel Briefe, die ihr Daniel nach seiner Flucht geschrieben hat, er ist zuerst auch nach Österreich gegangen, dann nach Amerika und bittet Silvia immer wieder sich zu melden, die Mutter hat aber die Briefe unterschlagen, weil sie sich mit Tereza wegen diesem Garten zerstritten hat und ihrer Tochter ihre Jugendliebe nicht gönnen wollte.
Den Garten gibt es aber längst nicht mehr, wurden die beiden Frauen ja in eine Bratislava Plattensiedlung übersiedelt und Silvia reist Daniels Spuren nach ohne es zu wissen, ist sie ja etwas später, als er in Traiskirchen und hört, als sie Amerika bereist, auch von seinen Taubenzüchtungen.
Während sich in ihrer Heimat die samtene Revolution ereignet, sich die Slowakei von der Tschechei trennt und Gregor in die Politik einsteigt und eine große Zukunft vor sich hat. So wird an seinem fünfzigsten Geburtstag ein großes Fest in der Burg von Bratislava gefeiert, zu dem nur die Größen von Politik und Wirtschaft Zutritt haben und Silvia den ORF und die Seitenblicke dafür interessieren soll. Veronika hat für ihren Mann eine Ballonfahrt organisiert, die er aber nicht überlebt, weil er an Höhenangst leidet und außerdem ist auch einer von Pfarrers Matus Ministranten aufgetaucht, der diesen, offenbar war an den Gerüchten doch etwas daran, erschossen hat. Die Wohnungen der beiden Mütter, die sie vom Staat nach der Umsiedlung bekommen haben und die gar nicht so luxuriös geschildert werden, spielen auch eine Rolle. Nach der Wende kann man sie als Eigentumswohnungen kaufen und Veronika will sie für ihre Töchter haben, so soll Silvias Mutter eine bei sich anmelden, was die nicht will und Tereza will ihre Wohnung auch nicht an die Schwiegertochter weitergeben, weil sie sie für ihren verschwundenen Sohn aufbewahren will. Veronika, die als erfolgreiche Juristin geschildert wird, hat sich aber in den letzten Tagen ihres Lebens sehr, um Silvias Mutter gekümmert, so daß Silvia, als sie zu der Notarin geht, um die Verlassenschaft zu regeln, eine betrunkene und seltsam agierende Veronika vorfindet, die ihr ein nicht ganz gültiges Testament unter die Nase hält, das sie als Wohnungserbin ausweist. Silvia geht daraufhin in die Kirche und trifft dort Daniel wieder, mit dem sie zuerst zu dem Begräbnis geht und dann mit ihm nach Wien fährt.
Eine etwas widersprüchige Geschichte, in der sehr viele Themen, wie zum Beispiel, das des sexuellen Mißbrauchs durch die Kirche angrissen werden. Interessant für mich, dachte ich doch, daß die Religion bei den Tschechen und den Slowaken keine so große Rolle spielte. Die Erbschaftsstreitigkeiten sind für mich auch nicht ganz nachvollziebar, die Kindheit in der sozialistischen Gesellschaft scheint mir dagegen sehr realistisch und vor allem erfährt man sehr viel über Tauben und ihre Zucht in dem Buch. Das erscheint mir neben den historischen Ereignissen, der Flucht nach Österreich, den Aufstieg in den Neoliberalismus, etc, das Interessanteste daran zu sein, während die Rahmenhandlung mit den geifernden Freundinnen und ihren kleineren oder größeren Bosheiten, zu dick aufgetragen und etwas kitschig wirkt.
Einen Fehler habe ich auch gefunden. Wenn Silvia 1974 ihr Studium abschloß, wird sie wahrscheinlich Frau Doktor und nicht Magistra geworden sein.
„Dies ist ein Roman und die Figuren darin entsprechen der Fantasie“, steht auf der letzten Seite. Ein wichtiger Hinweis, weil man sonst Parallelen zu Zdenka Beckers Leben ziehen könnte, die 1951 in Eger geboren wurde, ihre Kindhheit in Bratislava verbrachte, dort studierte und als freiberufliche Übersetzerin und Autorin in St. Pölten lebt.
Ich kenne sie wahrscheinlich über die Litges oder die IG Autoren, sehe sie manchmal in St. Pölten und habe auch mit ihr einen Text in der ersten Österreich Antholgie, die Amrat Mehta auf Hindi herausgebracht hat. Sie hat damals den Kontakt mit dem Übersetzer aufgenommen, ihn nach St. Pölten und nach Wien gebracht, ist selbst in Indien gewesen, einige ihrer anderen Romane sind inzwischen auf Hindi erschienen. 2006 sind „Die Töchter der Roza Bukovska“ bei Residenz erschienen. 2013 habe ich bei http://www.buecher.at gelesen, soll ein neuer Roman bei Deuticke herauskommen.

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