Literaturgefluester

2012-09-24

Die Einsamkeit der Primzahlen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 10:22

Paolo Giordanos „Die Einsamkeit der Primzahlen“, ein Leseexemplar, das ich Anfang des Jahres im Wortschatz gefunden habe und das mir von diversen Blogs sehr vertraut schien, ist ein Beispiel für das spannende Schreiben und das was man im Writerstudio vielleicht lernen kann. Ob und wo der 1982 geborene Paolo Giordano das Schreiben studierte und wie man in Italien Schreiben lernen kann, weiß ich nicht. Das Buch war aber 2008 das meistverkaufte Buch Italiens und Paolo Giordano der jüngste Preisträger, den es in der Geschichte des „Premio Strega“, des wichtigsten italienischen Literaturpreis gegeben hat, habe ich dem Klappentext entnommen.
Und man wird gleich hineingezogen in die Geschichte, die mit einer seltsamen Grausamkeit das Leiden, das jungen Menschen, auch wenn sie in wohlsituierten Familien aufwachsen, widerfahren kann. Das Buch ist in Abschnitten eingeteilt, die Jahreszahlen tragen. So beginnt es mit „Engel im Schnee“, 1983, da ist Alice sieben und ihr Vater zwingt sie zum Schifahren. Sie will nicht, muß aber mit dem Lift hinauffahren, muß aufs Klo, macht sich an und will, da die Kacke schon hinunterrinnt, alleine wieder abfahren, dabei kommt es zu einem Sturz. Alice wird im Schnee vergraben und stellt sich schon das Sterben vor. 1984 geht es weiter, da ist Mattia wahrscheinlich acht oder auch zwei Jahre älter, hochbegabt und hat eine Zwillingsschwester, deren Behinderung, er hautnah miterlebt, wenn die Logopädin kommt und es Michaela nicht gelingt, die Kugel in das richtige Loch zu stecken. Solche Kinder lädt niemand ein. Einmal passiert es doch, daß Mattia und Michaela zu Riccardos Geburtstagsparty kommen sollen, die Mutter kauft den größten Legokasten und schickt die Kinder los. Mattia geniert sich aber für seine Schwester und läßt sie im Park zurück. Als er wiederkommt ist sie verschwunden.
Schnitt ins Jahr 1991 „Auf der Haut und knapp darunter“, da hat sich Mattia schon seine Arme zerschnitten und Alice ist magersüchtig geworden, hinkt, geniert sich für ihre Narbe, möchte sich trotzdem eine Rose auf ihren Bauch tätowieren lassen, der strenge Vater erlaubt es der Fünfzehnjährigen aber nicht. Die Mädchen in der Klasse, vor allem die Alphafigur Viola, die den anderen die Liebesgeschichten ihrer älteren Schwester, als die eigenen erzählt und dabei die richtige Methode der Ausparung beherrscht, sie hört auf bevor es so richtig spannend wird, bzw. läutet da die Schulglocke, zwingt Alice ein verdrecktes Bonbon zu essen und möchte sie dann entjungfern. Alice wählt dafür den etwas seltsamen aber hochbegabten Mattia aus, der nur einen Freund hat und sich sogar in der Schule die Pulsadern aufschneidet. Die beiden gehen bei Violas Party auch alleine in ein Zimmer, darinnen passiert aber nichts, trotzdem gehen sie aneinander den Händen haltend zu den anderen, was Violas Neid erweckt, da ihr das bei ihrer Entjungferung verwehrt wurde. Sie läßt Alice fallen, dabei hat sich die inzwischen ein Stiefmütterchen auf den Bauch ritzen lassen.
Mattia studiert Mathematik, Alice wird Fotografin und als Mattia einen Lehrauftrag nach Amerika bekommt, fragt er Alice, ob er ihn annehmen soll. Sie bejaht, beziehungsweise verrät sie ihm, daß sie Fabio, einen jungen Arzt heiraten wird, den sie kennenlernte, als sie ihre krebskranke Mutter im Spital besuchte. Mattia ist auch in Amerika, während er sich in die Welt der Primzahlen zurückzieht und darüber geniale Artikel schreibt, sehr einsam, nur einmal gelangt er ins Bett der schönen Nadia, die ihm ihre Telefonnummer gibt und sagt, daß er sich entscheiden soll. Da kommt ein Brief mit einem Foto und der Aufforderung zu kommen von Alice, die sich inzwischen an Viola rächte, als sie an deren Hochzeit fotografierte und von Fabio verlassen wurde, weil der ein Kind von ihr will, aber sie bekommt ja keine Regel mehr. Es kam zum Streit, die Reiskörner flogen, Fabio ging zu seinen Eltern zurück und Alice fuhr ins Krankenhaus und sieht dort eine junge Frau, die Michaela sein könnte, die seit damals verschwunden ist. So schreibt sie diesen Brief, aber als Mattia kommt, zwingt sie ihn zum Autofahren und erzählt ihm nichts von ihrem Erlebnis, so fliegt er wieder zurück und erinnert sich als er schon am Meeresstrand steht an Nadias Telefonnummer in seiner Tasche.
Ich hätte das mit fünfundzwanzig Jahren nicht schreiben können, das steht fest. Die Spannung ist vollendet. Knallhart werden wir in das Elend oder die „Krankheit der Jugend“ hineingeführt, die heute vielleicht nur ein wenig anders, als zu Ferdinand Bruckners Zeiten ist. Knallhart ist sie und aussichtslos, das Schneiden, das Hungern, das Brennen und dann gibt es auch noch die Eltern, die ihre Kinder wahrscheinlich lieben und dennoch hilflos daneben stehen und nicht zu ihnen können. Das Heer der Psychologen, das es inzwischen, gibt, kann es wahrscheinlich auch nicht und so bleiben die hochbegabten jungen Erwachsenen mit ihren Schuldgefühlen zurück, wollen, aber können nicht zueinander kommen, denn das Wasser oder etwas anderes ist viel zu tief…
Schade nur, daß von dem Buch nicht mehr viel zu hören ist, bei den vielen anderen spannenden packenden grausamen Neuerscheinungen, die es inzwischen gibt, ist es wahrscheinlich vergessen worden. So lobe ich mir die offenen Bücherschränke und kann nur empfehlen auch das Ältere zu lesen und es ist wieder sehr spannend, wie dicht, packend und erbarmungslos junge Leute schreiben können und hoffe nur, daß nicht alle ihre Jugend so erbarmungslos erleben.

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