Literaturgefluester

2012-10-04

Volksstück über den jungen Hitler

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:02

Am Mittwochprogramm waren zwei Termine eingetragen, Franzobels „Der junge Hitler. Eine Therapie“, in der Alten Schmiede, während im Literaturhaus Daniel Wisser seinen Text „Unterm Fußboden“ vorstellte und dann gabs auch wieder eine offene Bücherschranklesung mit dem lieben Rudi in der Grundsteingasse. Die Qual der Wahl, denn eigentlich wollte ich nicht wirklich in die Alte Schmiede gehen, bin ich erstens ja kein richtiger Franzobel Fan und auch kein Fan von Theaterstücken, also doch zu Daniel Wisser, der vor zwei Jahren beim Bachmannpreis gelesen hat, dann dachte ich aber, das Thema ist interessant und als ich dann noch herausbekommen habe, daß der Wisser erst um acht Uhr liest und das Ganze eine theoretische Textcollage zu sein schien, hatte ich mich entschieden und war nur in Sorge vielleicht keinen Platz zu bekommen. Beim Bachmannpreisträger von 1995 war dann aber doch kein so großer Antrag, zumindestes scheint er nicht die Fangemeinde der heimischen Autorenschaft zu haben, wie sie etwa Friederike Mayröcker und auch Barbara Frischmuth hat. Denn außer Lydia Mischkulnig wäre mir kein Prominenter aufgefallen, bei den nicht so Prominenten war Chrstl Greller da, aber die geht ja oft zu Literaturveranstaltungen und dann war es sehr interessant und ich habe mein Franzobel Vorurteil ein wenig revidiert, denn er ist ohne jeden Zweifel ein großer Sprachgewaltiger und wirft Anspielungen und Wortschöpfungen wirklich gekonnt her und hin, er hat auch immer provokante Themen. Vielleicht kommt daher mein Voruteil und die Geschichte des jungen oder auch alten Hitlers interessiert mich ja sehr.
Kurt Neumann hat wieder eingeleitet und die beiden Theatertexte vorgestellt, die vor kurzem von Franzobel im Kyrene Verlag erschienen sind und davon gesprochen, daß Franzobel an die Nestroytradition anknüpft und „Der junge Hitler“ etwas von Raimunds Zauberwelt an sich hat. Das Stück wurde schon in Villach aufgeführt, lebt von seinen Kunstgriffen und Rollenspielen und zeigt Hitler als jungen Mann, 1907 in Linz, beziehungsweise spielt es in der Psychiatrie, respektive Irrenhaus in der Jetztzeit, denn da führen drei Patienten und drei Pfleger bzw. Sozialdiener ein Rollenspiel auf, um die Geschichte um, bzw. wieder zurückzuschreiben, die ersteren drei entpuppen sich dann als Anstaltsärzte und brechen das Experiment ab.
So weit so gut. Franzobel und seine Partnerin, die Schauspielerin Maxi Blaha haben gelesen und zuerst einmal die Protagonisten vorgestellt. Da gibt es einen Kevin, einen Niki, eine Michi, die glaube ich, auch noch sprechende Namen tragen, dann die Weiningerin, das ewige Opfer Schlomo und den Dr. Bloch, Hitlers jüdischen Hausarzt und es beginnt mit einem Monolog in Hitler Worten und der Hitler Sprache und noch mit einigen grotz brr, etc, der Weiningerin. Dann kam die Warnung, „Dieses Stück kann Ihre Gesundheit gefährden und ist den Schwangeren, den Stillenden, sowie den Wankelmütigen nicht zu empfehlen!“
Dann ging es los, in der Klinik, wo die Weiningerin, eine Hitler-Forscherin, darüber in Wahnsinn verfallen ist und von den drei Sozialhelfer bzw. Pfleger, die auch Revolutionäre sind, niedergespritzt wird, dann stellt ihnen die Weiningerin ihr Theaterstück über den jungen Hitler vor, mit dem sie die Geschichte zurückdrehen will, wahrscheinlich um wieder normal zu werden und es beginnt. Die Pfleger schlüpfen in ihre Rollen, einer ist der achtzehnjährige Adolf, ein Maturant im schwarzen Anzug, der andere sein Freund Gustl Kubizek, ein Tapeziererlehrling und späterer Musiker, die beiden kommen von einer Rienzi Auffühung, der junge Adolf entbrennt im Idealismus, der Gustl will nur in sein Bett, weil er wieder arbeiten muß und versteht den anderen nicht, der Künstler werden will. Die kranke Mutter, der schlagende Vater werden erwähnt, der Hausarzt kommt und will der Mutter helfen, später sagt er, daß sie gestorben ist, weil die Dr. Weininger ihm von Adolfs späteren Lebensweg erzählte, die taucht auch auf und läßt ihn seine späteren Reden hören, der hat Angst, um seine Mutter, wird von seiner Freundin, die die Menschheit retten sollte, verlassen und zuletzt auch noch von der Kunstakademie in Wien abgelehnt, so daß der Weg frei ist, sich die Macht zu holen, an dieser Stelle verwandeln sich die Patienten in Ärzte und brechen das Stück ab.
Dann gabs noch ein Gespräch mit dem Sozialhistoriker Kurt Bauer, der erläuterte, daß Hitler nicht in Wien, wie es in „Mein Kampf“ steht, Antisemit geworden ist, sondern erst nach dem ersten Weltkrieg in München. Es wurde dann noch über den Idealismus diskutiert und darüber, daß sich die Nazis alle als fehlgeleitete Idealisten deklarierten und Lydia Mischkulnig fragte nach dem Unterschied zwischen Idealismus und Größenwahn? Die Grenze ist sicher fließend und irgendwann kippt es und dazwischen merkte offenbar ein anderer Historiker an, gibt es noch den Fanatismus und die Gruppe, denn Nazi wird man nicht allein und dann wurde noch erklärt, daß Hitler offenbar gar kein so schlechter Maler war.
Interessant, interessant, obwohl mir in der Handlung gar nicht so viel Neues zu liegen scheint. Vielleicht ist es 1907 so gewesen oder auch anders.
Dieser August Kubizek scheint seine Lebenserinnerungen hinterlassen zu haben, an der sich Franzobel orientierte. Die Verlegung in die Gegenwart erscheint mir auch sehr interessant und vor allem faszinierte mich die Franzobelsche Sprachgewalt. Uwe Bolius hat ja vor einigen Jahren auch ein Buch über Hitler geschrieben und in der Diskussion wurde noch erwähnt, daß es sehr viele Bücher zu diesem Thema gibt, weil man offenbar die Geschichte und, wie es dazu kam oder kommen konnte, begreifen will und das ja nicht sehr einfach ist.

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2 Kommentare »

  1. „Unter dem Fußboden“ war weder eine Lesung noch Theorie.

    Kommentar von Herbert Ohrhallinger — 2012-10-04 @ 10:13 | Antwort

  2. Aber eine Prosa die im Klever-Verlag erschienen ist, was mir aus dem Literaturhausprogramm nicht so ganz klar wurde, zum Glück gibts Christiane Zintzen in/ad/äqu/at, wo man das Unklare nchlesen kann. Vielen Dank für den Hinweis!

    Kommentar von jancak — 2012-10-04 @ 12:57 | Antwort


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