Literaturgefluester

2012-10-06

Rund um die Burg neu

Filed under: Uncategorized — jancak @ 13:40
Jochen Jung

Jochen Jung

Daß das Literaturfestival im einundzwanzigsten Jahr seines Bestehens umstrukturiert wurde, nicht mehr im zweiten Septemberwochenende, auch nicht mehr rund um die Uhr stattfindet und von Wien live statt von Asset organisiert wird, habe ich schon geschrieben. Allmählich drangen auch die Nachrichten ein, wie die Neuauflage stattfinden wird. Eröffnungsveranstaltung direkt im Burgtheater und ansonsten an verschiedenen Orten im Cafe Landtmann, das ist, glaube ich, nicht ganz so neu, da, wenn ich mich recht erinnere, das Landtmann in den ersten Jahren einbezogen war und statt dem Lesezelt wird es ein Bücherzelt mit sieben ausstellenden Buchhandlungen geben. So weit so gut und irgendwie bin ich nicht mehr jung genug, um mich auf Veränderungen wirklich gerne einzulassen, um so mehr, da zu der Eröffnungsveranstaltung mit Otto Schenk, Zählkarten gefordert waren, die man nur an der Tageskasse bekam. Nun interessiere ich mich ja nicht unbedingt für Otto Schenk, bin aber eine, die Veranstaltungen gerne komplett erleben will und so wußte ich nicht recht, wie ich es mit der Eröffnung mache? Da die Tageskasse aber bis sechs geöffnet hat und ich relativ früh mit den Durchsehen der „Ohrenschmaus“-Texte und einer Befundbesprechung fertig wurde, war ich schon um halb vier beim Burgtheater, stand ein bißchen vor der Kassa an, um zu erfahren, es gibt keine Zählkarten mehr.
Daß das Cafe Landtmann vielleicht nicht die Platzkapazitäten, wie das Zelt hat, habe ich mir schon vorher gedacht, wußte ich ja von früher, daß das bis Mitternacht oft sehr voll war, ein Herr sagte mir beim Weggehen „Wer interessiert sich schon für Otto Schenk? Ich zwar nicht unbedingt so sehr, aber eine Stunde mir die Füße in den Bauch treten, wollte ich auch nicht, umso mehr, da ich auf dem Platz zwischen dem Landtmann und dem Burgtheater, ein kleines Zelt stehen sah, aber das beherbergte keine Bücher, sondern ein Auto und ein paar junge Frauen standen mit riesigen Papptafeln davor und fragten mich zweimal, ob ich eine Autofahrt machen wolle?

Eva Jancak

Eva Jancak

Wollte ich nicht, sondern zum Lesefestival, das ja angeblich eine sehr wichtige Veranstaltung ist, also suchte ich das Bücherzeit, das war dann dort, wo man früher vom Zelt zu den Klos bzw. zum Kinderzelt gegangen ist und ging dann zum Foyer, weil ich dachte, vielleicht steht dort jemand, der eine Karte zuviel hat, ich sah aber nur Helmut Schneider mit seinem Team, wußte nicht, ob ich mich trauen soll, ihn anzusprechen, sprach dann eine seiner Assistentinnen an und erkundigte mich mißtrauisch, ob wenigstens das Cafe Landtmann Platz für alle hätte, inzwischen kam Robert Huez aus dem Burgtheater, der auch keine Karte bekommen hatte und ein freundlicher Mann, bot mir schließlich an, daß ich mit ihm hinaufgehen könne und habe mich dann wieder, das ist vielleicht die österreichische Lösung, auf einen der reservierten und nicht von den VIPs in Anspruch genommenen Plätze, in die zweite Reihe gesetzt. Dann lief in verkürzter Form, das Übliche ab, Stadtrat Mailath Pokorny eröffnete und dann der Edy Winter, der mir damals in der Szene Margareten, die Lesung absagte, als ich mich nach dem Honorar erkundigte und der im Hauptberuf bei den Wiener Linien für die Kinder Bim verantwortlich ist, die am Samstag, um den Ring statt des Kinderzelts herumfuhr. Dann kam noch die Besitzerin des Cafe Landtmanns und teilte ihre Begeisterung für das Lesen und die Kaffeehausliteratur mit und dann schon Otto Schenk mit seinem Buch „Weil mir so fad ist“, eine Art Lebenserinnerung, der beim Hinaufgehen recht gebrechlich wirkte, beim Lesen aber total vital und sprachgewaltig war.
Danach gings los, die Veranstalter wünschten den Lesern viele Bücherkäufe und versprachen, daß die Autoren im Bücherzelt fürs Signieren und für Gespräche zur Verfügung stünden und ich ging in den Keller, nämlich ins Theater „Neue Tribüne“, Wiens ältestes Kellertheater, das seit 1953 bespielt wird, wie der Moderator betonte, der Klaus Nüchtern ankündigte.
Neu war, daß die Lesungen ab da abwechselnd im Keller bzw. in der Bel Etage im ersten Stock des Hauses stattfanden, wozu man das Kaffeehaus umrunden mußte und sich meine Befürchtungen keinen Platz zu bekommen, vorerst bestätigten. Bei Klaus Nüchtern ging es noch, denn Otto Schenk hat keine Stunde gelesen und der Literaturkritiker, der 2011 den Staatspreis für Literaturkritik bekommen hat, hat sein neues Buch über Buster Keaton vorgestellt. Als er damit fertig war, hatte Dietmar Grieser in der Bel Etage schon begonnen und ich lief hinter Barbara Frischmuth, die später lesen sollte, in den ersten Stock hinauf und stand mit ihr, im Nebenzimmer, weil der Lesesaal schon besetzt war und sich die Leute darum stritten, einen Platz zu bekommen. Dietmar Grieser las aus seinem neuen Buch „Das gibts nur in Wien“ und kam gleich zu Barbara Frischmuth, mit der er einmal Schwammerln gegessen hat. „Sie liest in zwei Stunden!“, kündete er an und hatte keine Ahnung, daß sie im Nebensaal zuhörte und ich kann meine Geschichte wiederholen, daß ich, wahrscheinlich 2001 im Zelt gesessen bin, das sich allmählich füllte, weil Dietmar Grieser angekündet war. Am Podium saß vom Literaturhaus eingeladen, eine kleine Alte Dame namens Ilse Aichinger und las mit zittriger Stimme und überzog ihre Zeit um ein paar Minuten, was die älteren Damen im Publikum sichtlich irritierte und ich dachte, in ein paar Jahren wird der Grieser dasitzen und über seine Begegnung mit Ilse Aichinger berichten, was ich ihm auch einmal erzählte. Jetzt wird er das nicht mehr im Zelt tun können, denn es ging in den Keller zu Gerhard Tötschinger, einem sehr wortgewaltigen und selbstbewußten Herrn, der wie er sagte, in diesem Theater schon viel gespielt hat. Er stellte sein Buch über „Bella Italia“ vor und tat das solange, daß ich wieder zu spät in den ersten Stock kam. Da dachte ich, daß Thomas Sautner lesen wird und war erstaunt, einen älteren Herrn vorzufinden, der von Portraits von Postgeneraldirektoren, Sitzungen beim „Alten“ Bruno Kreisky und vom Stempelmarken picken las und wunderte mich auch im Publikum einige Herren in blauen Anzügen und Krawatten zu finden, die man sonst nicht bei Lesungen sieht, bis mich der Moderator davon unterrichtete, daß Anton Wais, der ehemalige Postgeneraldirektor ist.

Andrea Maria Dusl

Andrea Maria Dusl

Man sieht, die Mischung zwischen Literatur und Büchern von prominenten Saalfüllern wurde beibehalten und in den zwei Sälen gab es zwei Moderatoren, die das Publikum nach jeder halben Stunde zum Lesen und zum Bücherkaufen aufforderten. Auch sonst waren die Stimmung äußerst freundlich, denn am Einang zur BelEtage standen zwei junge Frauen, die einen jedes Mal extra begrüßten. Allmählich wurde es Literarischer und im Kellertheater habe ich immer Platz gefunden, in der Bel Etage bin ich zweimal am Boden gesessen, bis es auch da leerer wurde.
Weiter gings, wie schon erwähnt, mit Barbara Frischmuths „Woher wir kommen“, aus dem ich schon in der Alten Schmiede hörte, sie hat auch die zwei selben Stellen gelesen. Oben las dann Thomas Sautner aus den „Glücksmachern“, wo ein Versicherungsangestellter sich einen Haufen esoterischer Bücher kauft und eine Glücksversicherung organisieren soll. Bei den nächsten zwei Lesungen Jochen Jungs „Wolkenherz“ und Kurt Palms „Die Besucher“ wars auch egal, ob ich zu spät komme, habe ich die Bücher ja schon gelesen. Bei Andrea Maria Dusl „Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen“ tat ichs dann und das war sehr schade, denn das Buch über den Russen ihres Vaters und der Russlandreise, die die Familie machte, um offenbar den Kriegskameraden zu treffen, war sehr interessant und die Dusl ist ja eine mit einer deftigen Sprache, obwohl ich nicht mit allen, was sie schreibt, einverstanden bin.
Inzwischen ist der Alfred gekommen und hat ein bißchen fotografiert und statt bei Rudolf Taschner, habe ich die nächste halbe Stunde im Bücherzelt verbracht und auch einen Kaffee getrunken. Dann las Ruth Cerha aus „Zehntelbrüder“ und Lilian Faschinger aus einem Art Kriminalroman, wo eine Gerichtsmedizinerin, die bei allen Leuten, die sie trifft, gleich ihre Diagnosen stellt, beim Begräbnis ihres Vaters einen Jugendfreund trifft.
Dann wars halb zwölf und die Kriminacht begann, was auch beibehalten wurde, so daß ich zwar meistens den Anfang versäumte, aber Petra Hartliebs zweiten Krimi über die Wiener Inspektorin Anna Habl und den Berliner Thomas Bernhard, hören konnte. Robert Seethaler, den ich nicht kannte, hatte etwas über einen „Trafikanten“, der in das dritte Reich und in die Zeit des Anschluß führte. Susanne Wiegele habe ich schon einmal auf der Buch Wien gehört und mich über ihren Borderline-Ermittler gewundert und jetzt glatt auf Dolores Schmiedinger und ihre unartigen Lebenserinnerungen vergessen, die genau, wie „Fetzers zweiter Fall“ ins Sado Maso Milieu führen und der neue Wiegele Krimi, die auch Psychologie studiert hat, beschäftigt sich mit den Kindesmißhandlungen in Heimen, ein Thema mit dem sich auch Andreas Pittler beschäftigt hat.
Aber noch sollte im Keller die letzte Otto-Stoessel-Preisträgerin Andrea Grill aus ihrer „Liebesmaschine LYC“, vielleicht ein Ersatz für die Erotiknacht lesen, was aber eher ein Reisebericht war und als ich die Stufen hinunterstieg, sah ich sie hinaufkommen und der Theatersaal war geschlossen. Als ich hinaufging, kamen mir einige Frauen entgegen, die auch von der Bel Etage kamen und als ich den Eröffnungsmoderator, der vor dem Cafe stand, fragte, ob Andrea Grill schon gelesen hätte, sagte mir der, daß die Veranstaltung wegen mangelnden Publikumsinteresse ausfallen würde, aber, wenn man vom ersten Stock in den Keller muß, braucht man einige Zeit. Da mir die beiden Frauen folgten und „Wir sind ja da!“, riefen und Andrea Grill auch noch da stand, wurde der Saal wieder aufgesperrt und die Veranstaltung fand vor sieben oder acht Leuten statt. Sogar der Fotograf ist zurückgekommen, es war aber nicht der, mit dem ich die letzten Jahre, die Nacht im Zelt verbrachte und um eins war das Zelt meistens noch sehr voll.
Bei Andreas Pittler im ersten Stock waren aber einige Leute, als ich hinaufkam. Er las aus „Zores“, wo Mayor Bronstein nun auch in der Zeit des Anschlußes einen Mord an einen Nazi aufklären muß, während er sich selbst bedroht fühlt.
Dann gings nach Hause, weil es erst wieder um neun mit Julya Rabinowichs „Erdfresserin“ weiterging, das Buch aus dem sie, glaube ich, beim Bachmannpreis gelesen hat und das mich sehr beeindruckte durch die Direktheit des Erzählten. Eine Illegale auf einer Odyssee in den Untergang, sprich in den goldenen Westen, weils im russischen Dorf nicht genug Devisen gibt und sie einen Sohn zu ernähren hat. Daher immer wieder schwarz über die Grenze, der Schwester und der Mutter Geld und Medikamente für den kranken Sohn schicken. Der Vater ist verschwunden, die Schwester eifersüchtig und, um die teuren deutschen Schuhe für sie kaufen zu können, muß sie sich auch prostituieren. Dann ging es diesmal direkt im Landtmann selbst, bzw. in einem Hinterzimmer, wo es zwei Bücherwände zu sehen gab, mit Polly Adler „Wer jung bleiben will, muß früh damit begonnen“, ein Roman der sprachgewaltigen Kolumnistin und ein sehr guter Kontrast, zur „Erdfresserin“, nämlich in die Schicky-Micky Welt einer Seifenoperndrehbuchautorin, die einen Liebsten hat, der ihr marokanisches Hühnchen bruzzelt, eine gute alte Tante, die ihr das Selbstbewußtsein beibrachte „Trau keinem Mann, Schätzchen!“ und die trotzdem stirbt, weiter und Cornelia Vospernig im Keller berichtete in ihrem Roman, alle bekannten Journalisten und sonstwie Prominenten, scheinen einen solchen zu schreiben und damit Erfolg zu haben „Genosse Wang fragt!“, von der Gefühlswelt eines offensichtlichen chinesischen Mannes, der seine Gefühle nicht so äußern kann und darf und dadurch seine Frau verliert und auch an Tuberkulose erkrankt. Was dann folgte war Angelika Reitzers „unter uns“ und das ist ja eigentlich kein neues Buch, sondern schon vor zwei Jahren erschienen, das aber vielleicht trotzdem ganz gut zum Thema passte und dann ging es in die Breitenwirkung, obwohl anzumerken ist, so voll, wie im Zelt ist es bei „Rund um die Burg“-neu eigentlich nie geworden. Aber Joesi Prokopetz gab in seinem „So weit so komisch“ Einblick in das goldene Wienerherz, die Leute lachten und Georg Markus hatte auch was zum Humor mit seinem „Wenn man trotzdem lacht“.
Mit den Science Busters „Gedankenlesen durch Schnecken“ war dann dieser Literaturmarathon beendet und einiges fehlte, wie zum Beispiel, die Schule für Dichtung, die Burgtheatereinlage um Mitternacht, die Darbietungen des Literaturhauses und des Volksstheaters und natürlich auch die Erotiknacht, obwohl ich von der ja nie so begeistert war und um ein endgültiges Resumee zu ziehen. So schlecht wars nicht, nur halt eine Sparvariante und einige der aktuellen Neuerscheinungen, wie z.B. die der Vea Kaiser, von Cornelia Travnieck, Milena Michiko Flasar, Martin Horvath mit seinem „Mohr im Hemd“, Anna Kim, die am Freitag übrigens im Literaturhaus las, Clemens J. Setz, Teresa Präauer, die neue Aspekte-Preisträgerin, etc, fehlen. Daß es nicht mehr rund um die Uhr ist, finde ich persönlich schade, habe aber natürlich ein Bett zu Haus und kann auch so zu genügend Veranstaltungen gehen.
Das Cafe Landtmann würde ich sogar sagen, ist ein eleganterer Rahmen, es gibt ein Klo, es war sogar fast zu warm, nur vielleicht ein bißchen zu klein, zumindestens, was die Stoßzeiten betraf und vor allem habe ich das Hin- und Herwandeln lästig gefunden. Man bleibt dadurch zwar wach, versäumt aber nicht nur die Anfänge, sondern, wenn man nicht sehr viel Glück hat, sogar die Lesung selbst und ist meiner Meinung nach nicht nötig!!!
Das Kellertheater hätte auch genügt und jetzt ist es nach eins, das Mittagessen köchelt auf der Herdplatte, der Blog ist geschrieben und wenn ich gegessen habe, breche ich ins Museusquartier auf, um mir den vierten Jeunesse Tag zu geben, das heißt halbstündige Musikveranstaltungen von fünfzehn bis zweiundzwanzig Uhr und das Bücherlesen, ich bin ja gerade bei der Anna Weidenholzer, werde ich auf den Sonntag verschieben.

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