Literaturgefluester

2012-10-10

Schule der intellektuellen Selbstverteidigung

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:01

Der in Bulgarien geborene,in Kenya aufgewachsene, in Bombay, Kapstadt und jetzt in Wien lebende Autor Ilija Trojanow engagiert sich ja sehr für Aufklärung und Freiheit, so hat er mit Julie Zeh „Angriff auf die Freiheit“ herausgegeben, in „Eistau“ geht es um das Sterben der Gletscher und jetzt hat er im Aktionsradius am Gaussplatz, den vierteiligen Oktoberkurs „Schule der intellektuellen Selbstverteidigung“ initiert, dessen Ziel es ist „Kompetenzen zu vertiefen und altes und neues Wissen mit ungehorsamer Praxis zu verbinden“.
So war letzten Dienstag „Das Recht auf die Stadt“ Thema, diese Woche ging es um „Mythen entmachten“ und davon habe ich, obwohl ich das Aktionsradiusprogramm ja zugeschickt bekommen, erst vor ein paar Tagen im „Leporello“ erfahren, ist der Gaußplatz ja weit und vielleicht auch nicht so unbedingt literarisch, so war ich das letzte Mal, glaube ich, vor drei Jahren dort und habe Christine Werner getroffen und Katharina Tiwald kennengelernt, bei einem Stadtspaziergang zu den unterirdischen Bibliotheken war ich dann auch einmal. So bin ich also statt zur Wiener Vorlesung zur Literatur von Franz Joseph Czernin in der Alten Schmiede zum Gaussplatz hinausgewandert und habe ihn, weil ich schon so lange nicht dort war, fast nicht gefunden, als ich mich in der Unteren Augartenstraße bei zwei jungen Frauen nach dem Weg erkundigte, schauten mich die erstaunt an und meinten, das wäre noch sehr weit, dann habe ich, glaube ich, noch zehn Minuten gebraucht. Ja die Stadtflaneure haben anderen Vorstellungen von den Weiten, ich war aber spät dran und bin zu spät gekommen. So war es in dem Veranstaltungsraum schon sehr voll, die Leute haben gerade geklatscht und Ilija Trojanow hat gerade den Vortrag eingeleitet, dabei hat er vom Perspektivenwechsel gesprochen und davon erzählt, daß die Menschen in den bulgarischen Gefängnissen am besten über die politische Lage Bescheid wußten, weil sie zwischen den Zeilen lesen konnten und, daß die Leute, die gar keine Zeitungen lesen, besser informiert sind, als die, die ihr Wissen von den Boulvardmedien beziehen.
Dann kam er zu den Werbebotschaften von denen wir überflutet werden, es sind dreitausend täglich und er dachte es wären dreihundert und dann schon zu den Mythen, die es zu entmachten galt und da hatte er einen Experten eingeladen und zwar Peter Fleissner vom Verein zur Förderung linker Diskurse und der projezierte eine Reihe solcher Mythen wie „Österreich ist eine Insel der Seligen“, „Wir sitzen alle im selben Boot“, „Jeder der arbeiten will erhält auch Arbeit“, „Wir leben über unsere Verhältnisse“, „Alle müssen ohne Schulden auskommen“, „Die Unternehmen investieren nicht, weil sie niedrige Gewinne machen“, „Die Staatsschulden sind die Ursache der Krise“, „Die Griechen sind faul“, an die Wand und begann sie mit Zahlen und Tabellen zu widerlegen. Nicht alle, eher die, wo es um den Reichtum und die Arbeit ging, den letzten ließ er aus, denn da waren andere Experten eingeladen, nämlich die Schauspielerin Katharina Stemberger und ihr Mann Fabian Eder, dem es reichte immer über die Griechenland Krise zu hören, so daß er hin fuhr, mit dreißig Griechen sprach und einen Film mit dem Titel „Griechenland blüht“, drehte, der schon im Fernsehen lief und Katharina Stemberger erzählte mit Begeisterung, wie viel man als Einzelner bewirken kann, wenn man sich wirklich engagiert und einsetzt.
Die Diskussion drehte sich dann lange über Griechenland, bis Ilija Trojanov wieder energisch zu den Mythen zurückholte und nachdenken ließ, wie man sonst noch Widerstand leisten und etwas bewirken kann. Nächste und übernächste Woche geht es mit „Die Welt als Allmende“ und dem „Umgang mit Reichtum“ weiter. Ich bin persönlich ja etwas skeptisch, was die Kraft des Einzelnen im Verändern betrifft, es ist aber sicher spannend darüber nachzudenken und das Thema Griechenland ist auch eines, das mich sehr interessiert, da habe ich auch einen Krimi darüber gelesen und mich selbst auch ein bißchen mit dem Schreiben darüber beschäftigt, beziehungsweise darüber nachgedacht, wie ich das tun könnte.
Ansonsten ist es sicher wichtig, nicht nur bezüglich der Literatur, wie ich ja immer schreibe, sondern auch in Sachen Wirtschaftskrise über den Tellerrand hinauszudenken und da das Thema Griechenland bezüglich des Merkl-Besuchs in Athen derzeit in den Medien ist, hatte ich auch die Gelegenheit darüber nachzudenken, daß die siebentausend Polizisten, die die Stadt in eine Hochsicherheitszone verwandelten, um die deutsche Kanzlerin vor den griechischen Emotionen zu schützen, ja sicher auch sehr teuer war.

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