Literaturgefluester

2012-10-21

Planet Wermut

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:01

Die Fußballeuropameisterschaft, die zumindestens von mir schon fast vergessen wurde, hat in Frühling ein größeres Interesse an der Ukrainie wachgerufen, so daß es in Leipzig und auch in Wien einen Schwerpunkt an der Literatur dieses Landes gab und einige diesbezügliche Publikationen, wie zum Beispiel den bei Droschl erschienenen Essayband „Planet Wermut“, der 1960 geborenen in Kiew lebendenden Oksana Sabuschko, die daraus nicht nur in Leipzig, sondern auch ein paar Tage später in der Hauptbücherei las, wo mir Alfred das Buch kaufte und wir in kleiner Runde auch noch in dem Cafe oben auf dem Dach zusammengesessen sind.
Da es eine Verbindung zu Kulturkontakt zu geben scheint, sind Oksana Sabuschko, Andrej Kurkov und Juri Andruchowitsch öfter in Wien zu hören und ich habe, glaube ich, Oksana Sabuschko schon einmal in der Hauptbücherei gehört, als sie dort die „Feldstudien zum ukrainischen Sex“ vorstellte.
Planet Wermut, eine Anspielung auf Tschernobyl, da Tschernobyl im Buch Cornobyl geschrieben, auf Ukrainisch Wermut heißt, ist der Titel der Essaysammlung, die außer der Titelgeschichte noch drei andere Texte enthält, die das ukrainische Problem beschreiben, das wie dem Klappentext zu entnehmen ist, uns alle angeht.
Der erste Text „Zimmer 101 oder Die Suche nach dem Ausgang“, beginnt mit einem Orwell Zitat aus „1984“ und einem von Lewis Carroll aus „Alice im Wunderland“ und das „Zimmer 101“, wahrscheinlich eine Anspielung aus „1984“, der Ort, in dem, in dem Roman das Böse passiert. Oksana Sabuschko verbindet damit die ukrainische Situation und stellt die Frage, wie man mit den Leuten umgeht, die seine Eltern, Freunde, etc, ins Lager führten oder verhörten und dann Jahre auf einen zukommen und mit einem freundschaftlichen verkehren wollen. Die Hungerskatastrophe unter Stalin 1933, bei der sehr viele Ukrainer verhungerten, wird thematsiert und dann der Bogen in die Gegenwart an Hand der chinesischen Schuhe, die die Autorin, kaufte, weil sie so billig sind, aber natürlich von Häftlingen in Lagern fabriziert wurden, 1933 war das bei den Sowets ebenso.
Aus dem zweiten Essay „Planet Wermut“ hat Oksana Sabuschko schon in der Hauptbücherei gelesen, er beginnt mit dem 26. April 1986 in Kiew, als die Autorin plötzlich Schnee auf ihrer Bluse hatte und den Himmel, ohne etwas von der Katastrophe zu ahnen, als sehr schön empfand, die fand man erst später heraus, so daß die Schulkinder am bald herannahenden ersten Mai noch immer zur Parade gezwungen wurde, inzwischen hat sich ein damals dafür Verantwortlicher umgebracht, während man etwas später schon die Mütter mit ihren Kinderwägen auf den Straßen unwillig musterte und sich selber vor der Verstrahlung, Geigenzähler gab es nicht zu kaufen, durch Haarewaschen und Schuhabputzen schützte.
Der über sechzig Seiten gehende Essay bringt Vergleiche mit Filmen von Lars van Trier, Oleksadr Dovzenko und Andrej Tarkovskij, wobei die beiden letzteren wieder in die Dreißigerjahre und in die Stalinzeit zurückgehen und für jemanden, der sich mit der ukrainischen Geschichte und den sowetischen Filmen nicht so auskennt, nicht leicht zu verstehen ist.
Im dritten Text „Das letzte Tor“, geht es dann zum Fußball und der, laut Marianne Gruber so wichtigen Angelegenheit, daß es klar ist, daß zu Ludwig Lahers Lesung nur wenige Leute kommen und es gibt ja auch tatsächlich mehrere Fußballfans unter den Autoren und Germanisten, die dann auch Bücher darüber schreiben.
In der Ukraine scheint das ähnlich zu sein und Oksana Sabuschko zieht auch den Zusammenhang zum Nationalismus, zitiert das Freundschaftsspiel zwischen Österreich und Ukraine am 15. November 2011. Wer hat gewonnen? Die Ukrainie wahrscheinlich, sonst würde Sabuschko ihren Text wahrscheinlich nicht damit beginnen. Zitiert Schlachtrufe „Es lebe die Ukraine, Die Helden leben hoch!“ und kommt damit zur orangenen Revolution von 2004, die ich ja ein bißchen miterleben konnte, auch weil mir Stefan Teichgräber damals öfter Unterschriftaktionen und Namenslisten schickte.
2006 war Oksana Sabuschko während der Fußball-WM auf einem Literatur-Festival in Ulm und konnte in der Nacht nicht schlafen, weil die Deutschen ihren Sieg feierten, allerdings scheinen die sich Vergangenheitsbedingt ihrer Siegesrufe von wegen „Wollt ihr den totalen Krieg?“, ein wenig zu genieren. Der Zusammenhang zwischen Fußball und Nationalismus ist ja sehr interessant, warum man deshalb in Kämpfe und Kriege ausbricht, verstehe ich auch nicht so ganz, scheint aber so zu sein.
Dann gehts in „Als Frau und Schriftstellerin in einer Kolonialkultur“, in die ukrainische Literaturgeschichte und wird wieder etwas schwierig, denn Oksana Sabuschko ist ja „Mit ihren Feldstudien“ berühmt geworden, so weit komme ich noch mit, dann gabs aber eine Zeitschrift in der ukrainischen Diaspora in Argentinien, die über sie einen Artikel mit der Überschrift schrieb „Haben wir eine vierte Lesja?“
Sabuschko schnappte die Überschrift, trug sie zu ihren männlichen Kollegen und fragte, wer sind die anderen zwei? und die antworteten, weil sie ja in derselben Schule sozialisiert wurden, alle „Lina Kostenko und Olena Teliha!“
Ich muß gestehen, von allen drein noch nie etwas gehört zu haben, offenbar lernen wir in unseren Schulen nicht viel über die ukrainische Nationalliteratur. Oksana Sabuschko führt das aber ein bißchen aus und gibt auch ein paar Textbeispiele und der Inhalt ihres Artikels ist der, daß die Frauen nach den Siegen als erstes von den Männern vergewaltigt werden, überall, nicht nur in der Ukraine, als Unterwerfungsgeste und, daß die sowetische Regierung ihren Bürgern durch die Mehrraumpolitik, die Lust am Sex und an der Fortpflanzung austrieb und sich die Frauen für das, was sie machen, schämen und sich als schlecht und als Untermenschen bezeichnen.
Interessant, der Essayband, weil man viel über die Ukraine, für die mich ja sehr interessiere und auch schon einiges gelesen habe, erfährt, obwohl mir die Romanform wahrscheinlich lieber ist und mir manches in dem Buch auch sehr theoretisch erschien, so daß ich nicht alles verstanden habe, was wieder ein Indiz dafür ist, daß man sich mehr für die Literatur und das Leben der anderen interessieren sollte.

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