Literaturgefluester

2012-10-29

dürfen ist pflicht

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:07

Die 1975 in Bremen geborene, in Berlin und in Wien studiert habende, Petra Lehmkuhl hat einen Berlin-Roman geschrieben und ihn 2011 in der Edition exil herausgebracht, wo sie 2005 den Preis gewonnen und in verschiedenen Anthologien veröffentlicht hat.
Short-Cuts könnte man die kurzen Textchen über Irene und Frau Eber, Thomas, Mama, etc nennen, in der Beschreibung wird es als „krise in berlin-kreuzberg“ bezeichnet und da gibt es die „Frollein Monika“ genannte Ich-Erzählerin, schon etwas älter, Künstlerin und Mitglied des Prekariats, das schon mal die Augen schließt, wenn eine Zahlungsaufforderung kommt und die Rechnung liegen läßt, ansonsten von Vernissage zu Vernissage zieht, Genazino-Lesungen besucht, von den in Aussicht gestellten Jobs als Assistentin bei einem Künstler den Freundinnen spricht und diese sind Frau Eber und Irene, sowie Marlene, die Frollein Monika „Mama“ nennt.
Die Freundinnen treffen sich in Cafes und Kneipen und auch bei Frau Eber, zumindest kommt der Satz „Frau Eber packt den Kuchen aus, den ich mitbrachte, und arrangiert die einzelnen Stücke auf einen Teller“, öfter am Kapitelbeginn vor und dann gibt es natürlich die Beziehungen, seltsamerweise sind das, in dem hippen Prekariats-Berlin hauptsächlich Männer, mit denen die Protagonisten ihre „drei,vier- und fünf-ecksgeschichten“ haben, ist Frollein Monika ja mit Thomas liiert und dann trifft sie in einer Kneipe Andreas, der schon etwas älter und bei dem alles anders ist. Dann geht es rum und die Freundinnen erzählen sich am Stammtisch, wie es Frollein Monika so geht und was sie alles macht, ähnlich wie die Lemuren in Barbara Frischmuths neuen Roman.
Es gibt auch einen Nachbar, der mit „Hey“, grüßt von von dem Frollein Monika nicht genau weiß, welchen Beruf er nachgeht, sie trifft ihn aber einmal auf der Straße umgeben von Polizeigewicht, als „Scheiß SDP“ schreit. Ähnlich politisch wirds, wenn von der ersten Mai Kundgebung erzählt wird, ansonsten bleibts im privanten Freiberuflerbereich, der „altstudenten, die ohne jede moral auszukommen scheint“, wie es in dem kleingeschriebenen Buchrückentext heißt.
Was aber gar nicht ganz zu stimmen scheint, weist der Titel doch auf eine Überforderung der Protagonisten hin, so entzieht sich Frollein Monica auch ihren Dreierschlingen und zieht sich zu „Mamas“ zurück, was die Lemuren wieder betratschen und ganz genau wissen wollen.
Alkohol, Drogen und Depressionen scheinen auch eine Rolle zu spielen, in der Generation für die „freizeit alles ist, weil sie es verpassten firmen und familien zu gründen und ihnen auch für das häuserbauen das geld fehlt“, ein bißchen davon scheinen sie aber schon zu haben. Fließt doch in den Kneipen der Sekt und sie fahren auch öfter mit dem Taxi herum, manchmal nur zu einer Vernissage in die nächste Straße.
Sehr eindringlich, knapp und klar und in kurzen short-cuts Stücken erzählt Petra Lehmkuhl, die Geschichte der Kreuzberger Generation X.
An Sven Regners „Herr Lehmann“ wurde ich dabei zwangsläufig erinnert und auch an Edda Helmkes „Pepsi im Waschsalon“. Bei Kirsten Fuchs „Heile, heile“, weiß ich es nicht so genau, das österreichische Pendant dazu, scheint Angelika Reitzers „unter uns“ zu sein, obwohl die Lehmkuhlschen short cuts knapper und kürzer sind und mir das Berliner Prekariat und die Jugend in der schönen neuen Warenwelt, nicht ganz so erbarumungslos geschildert scheint, wie es etwa Paulo Giordano in der „Einsamkeit der Primzahlen“ macht.
Etwas ist mir noch aufgefallen, Petra Lehmkuhl sprich von Westdeutschland und der D-Mark, obwohl mir die Handlung in der Jetztzeit angesiedelt scheint, hat es vor zwanzig Jahren ja wahrscheinlich dieses Freiberufler-Prekariat noch nicht gegeben, die Arbeits- Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit der jungen Leute aber sicher schon.

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