Literaturgefluester

2012-11-02

Hirngespinste

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:27

„Hirngespinste“, „die wunderbar groteske Farce über die dunkle Seite eines Autors: vom Literaturbetrieb korrumpiert, voller Größenwahn und versteckter Komplexe, Anerkennungssucht und dem verzweifelten Wunsch, etwas Grandioses zu schaffen“, wie Karin Großmann, von der Sächsischen Seite, am Buchrücken schreibt, von Markus Orths, hat es in seinen achtzehn Kapiteln mit Prolog und Epilog versehen, hat es tatsächlich in sich, auch wenn ich sie in meiner realistischen Psychologinnenenart etwas weniger abgehöht interpretieren würde.
Der „Literatursatirenstil“ ist aber natürlich, wie es die Publikumsverlage wahrscheinlich wünschen, das Buch ist bei btb erschienen, erhöht und, wie ich es schon bei mehreren Literaturbetriebssatiren so gelesen hatte, dem Altmeister Bernhard ein wenig abgeschaut und dann hat noch, das ist vielleicht das Geniale oder auch nur das Besondere an dem Buch jedes Kapitel eine Geschichte in sich und die Satire könnte schon im Prolog enthalten sein.
Da gibt es den Helden namens Martin Kranich, Englisch und Deutschlehrer, das heißt, er hat sein Referendarium, wie das in Deutschland heißt, abgeschlossen und eine Woche in einer Schule in Göppingen hinter sich gebracht und sich, weil er es dort nicht aushielt, in ein Gymnasium nach Hessen versetzen lassen.
Dort empfängt ihn der Brandtschutzexperte, hält ihm einen Vortrag und ein Referendar, der gerade eine Probestunde in einem Känguruhkostüm absolvierte, steckt irrtümlicherweise seinen Schlüßel ein. So wird Kranich in der Schule eingeschlossen und schreibt dort am Boden liegend, seine „Göppinger-Erfahrungen“. So wird er Schriftsteller und landet mit seinen „Schulgeschichten“ den ersten Erfolg.
Das war der Prolog, jetzt beginnt, wo wir ja eigentlich schon alles wissen, die Handlung und die Satire um den Literaturbetrieb.
Kranich schreibt das zweite Buch „Schreib-Maschine“, die Satire über den Literaturbetrieb, der Agent läßt sich kündigen, der Verleger, V. genannt greift sich an den Kopf, sagt dann aber „Das sind so die Fallen, nach dem Erstling, schreib was anderes!“
Dazwischen gibt es, glaube ich, auch noch eine Lesereise, in zweimal achtzehn Provinzbuchhandlungen, wo nur die Buchändler und deren Frauen im Publikum sitzen und man nach jeder Lesung eine Flasche Wein geschenkt bekommt, so wird unser Held zum Alkoholiker und beschließt danach, weil er Geld braucht, einen dritten Roman zu schreiben. Diesmal ist es etwas Esoterischen und soll ein zwanzig Bände Bestseller werden. Leider fällt dem Autor nur der erste Satz „Geboren wurde er auch!“, ein.
Inzwischen lebt er in der Dachmansarde der Erbtante Erna, die achtzig ist, früher einmal Hebamme war und muß die Wohnung bald mit seiner Schwester Tamara teilen, die von einem Lehrauftrag aus der Ukraine schwanger zurückkommt und weil Martin ausziehen muß, versucht er es mit Hirnforschung oder Doping, sprich, er läßt sich von einem Hirnforscher, den er im Fitneßstudio kennengelernt hat, seine Gehrinhälften stimulieren und schreibt so das vierte Wunderwerk, nämlich einen experimentellen Roman, der auf einigen Hundert Seiten, nur aus dem Wort Jana, das ist das Kind, das die Schwester auf die Welt bringt, besteht.
Der Verleger winkt müde ab, „Kennen wir ebenfalls schon, John Cage hat da viele inspiriert“ und da Martin irrtümlicherweise beim Versuch auch noch Kaugummi kaute, wirds wahrscheinlich auch nichts mit dem Nobelpreis, den sich der Gehirnforscher schon erhoffte.
Inzwischen bringt die Tante ihre handgeschriebenen Memoiren übers Stillen, die Martin an „Hanser“ schickt und als Tamara ihr eröffnet, daß sie nicht mehr länger stillen und zurück in die Ukraine zum Kindesvater will, stolpert die Tante über ein Stofftier, und enterbt die beiden und überschreibt ihr Haus dem WWF. Jetzt ist Not am Mann und Martin läßt sich noch einmal stimulieren, auch dieser Versuch mißlingt und wird nur ein Vorversuch für den Ruhm, dafür ist „Hanser“ von dem Manuskript der Tante begeistert und Martin fliegt stat nach Bali, wo die frustirerten Lehrer hin aussteigen, nach Kiew, weil das Geld von seinem Überziehungsrahmen nur bis dorthin reicht.
Ich bin ja ein Fan von Literaturbetriebssatiren und habe auch schon einige geschrieben und bezüglich meiner „Dora Faust“ auch nur den Kommentar des Agenten, an den ichs schickte, bekommen, „daß Literaturbetriebsromane immer schief gehen würden“.
Es gibt sie aber und wenn man sie auch nur entsprechend überhöht, wie es Markus Orths vortrefflich versteht, werden sie auch gedruckt und das Buch hat auch seine spezielle Geschichte. War es nämlich bei den Stoß Abverkaufsbüchern, die mir Alfred im Sommer kaufte und weil es mir beim Eintragen unter das Sofa gefallen ist, war es nicht dabei, als ich die Bücher auf meine Leseliste von 2012 bis 2015 setzte, was vielleicht auch ein bißchen satirisch ist, so daß ich es , weil ich ja gut im Lesen bin oder war, schließlich doch auf die von 2012 setzte und es nun als Einstiegsdroge in den Nanowrimo ganz gut brauchen kann.
Den 1969 geborenen Markus Orths kenne ich seitdem ich ihm beim Bachmannpreis aus seinem „Zimmermädchen“ für das er, glaube ich, auch etwas gewonnen hat, lesen hörte.

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