Literaturgefluester

2012-11-11

Mare Nostrum?

Filed under: Uncategorized — jancak @ 22:22

Daß sich die heurige Literatur im Herbst mit dem Mittelmeer beschäftigt, war schon am Freitag in Ö1 zu erfahren, war da ja Walter Famler mit dem Fotografen Andreas Fischer bei „Von Tag zu Tag“ und diskutierte über das „Mare Nostrum“, die Eröffnung habe ich zwar durch mein Geburtstagsfest versäumt, konnte aber im Morgenmjournal ein bißchen was darüber hören und dann gings zum Werkstattgespräch in die Alte Schmiede „Wem gehört das Mittelmeer“ mit Andreas Fischer, Jurica Paviciv aus Kroatien und Kaouther Tabal aus Tunesien, die seit 1983 in Deutschland lebt.
Jurica Pavicic hatte für das Symposium einen Essay „Das Mittelmeer: Zimmer ohne Aussicht“ geschrieben, mit dem die Diskussion begann, die von dem Fotografen Andreas Fischer wieder sehr politisch und engagiert geführt wurde und bald in der Frage führte, ob Split oder Dubrovnic tote Städte seien, am Meer die Kreuzschiffe, in der Altstadt die Gucci-Filialen und acht Monate ist die Stadt leer und ob man sie nicht überhaupt zu Museen machen soll, was heftigen Protest erregte und Walter Famler erzählte, daß das Haus, in dem die Alte Schmiede ist, der städtischen Versicherung gehört und es da auch heiße Grabenkämpfe mit den Politikern gäbe, mit denen er einmal im selben Studentenheim wohnte und die Diskussion hatte sich weit vom Mittelmeer entfernt.
Es gab aber noch eine Fotoausstellung und ich entfernte mich in die mediteranen Gefilde des Naschmarkts ins Fischrestaurant Umar, um mich dort mit Alfred, der Anna und dem Andi zum Geburtstagsmittagessen zu treffen, Calamari und Panna Cotta, bis es um vier ins Odeon ging, wo es mit einem Italiener weiterging, denn das Mittelmeer ist ja ein weites Thema, das hüben und drüben eine Reihe von Ländern, mit vielen Problemen und Revolutionen umspannt.
Ein bißchen konnte man sich das auch im Odeontheater mittels einer Diabildershow ansehen und der 1971 bei Turin geborene Davide Longo hat einen interessantes Roman geschrieben „Der aufrechte Mann“, wo ein Universitätsprofessor in Schwierigkeiten wegen einer Affaire mit einer Studentin kommt, er zieht sich zurück, wird von seiner Frau verlassen, dann eskaliert aber das ganze System, es gibt kein Geld, keinen Strom, nichts zu essen und Jugendbanden, alle versuchen in die Schweiz zu flüchten und über Thomas Bernhard wird auch noch diskutiert.
Dann ging es in den Libanon, nämlich zu Abbas Beydoun, der mit „Bilderbuch des Verlustes“ eine Art Autobiografie schrieb und eine sehr deutlich akzentuierte Aussprache hatte.
Nach der Pause stellte Hartmuth Fähndrich, der auch das Beydoun Kapitel, das noch nicht auf Deutsch erschienen ist, übersetzt hat, Ibrahim Adbd al-Magid aus Ägypten vor, der sich in einer Trilogie mit dem „Weltkrieg in Alexandria“ beschäftige und Ibrahim al Koni, der mit „Das Herrscherkleid“ einen der politischsten Romane, um die Macht geschrieben hat, wie der Moderator betonte.
Dann gabs wieder eine Pause und danach eine Diskussion zum Thema „Zukunft des Südens? Das Mittelmeer als Krisenzone und Hoffnungsraum mit Mathias Enard aus Frankreich, der jetzt in Barcelona lebt, der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, die in Deutschland lebt und die Tochter syrischer Einwanderer ist, Eyal Megged aus Jerusalem, den in der Schweiz lebenden Perikles Monioudis, griechischer Herkunft und dem Frankfurter Friedenpreisträger von 2011 Boualem Sansal, der am Freitag auch die Eröffnungsrede hielt und ganz am Schluß gabs noch eine Lyrik Lesung mit zwei kroatischen Dichterinnen, die die Hafenstädte und das Meer besagen, Abbas Beydoun, der seltsamerweise sein Berliner Tagebuch mit Gedichten an Brecht, Immre Kertez und den Potsdamerplatz vorstellte und einem sehr sprachgewaltigen, mich an Celan erinnernden Gedicht „Liliths Widerkehr“ der libanesischen Feministin Joumana Haddad, die nicht persönlich anwesend war.
Am Sonntag gings dann weiter mit zwei Filmen über die tunesische sowie zur ägyptischen Revolution, vor allem der über die tunesische „Hello Democracy Menschen in Zeiten des Umbruchs“ war sehr interessant, die beiden Filmer Jörg Oschmann und Heikel Ben Bouzid waren da, und erzählten, daß sie im vorigen Jahr in dem die Wahlen waren für ein Monat hingefahren sind und nach Protagonisten suchten, die sie filmen konnten.
Es beginnt mit einem Rückblick über die Diktatur, dann sieht man schon eine junge Wahlhelferin, mit einer Brille, das Zeichen ihrer Partei und einem Rucksack durch die Straßen gehen und Wahlzetteln verteilen. Sie erzählt, sie hat Jus studiert und wollte Anwältin werden, was sie aber nicht konnte, weil sie damals ein Kopftuch trug, denn das war damals auf der Uni und den Lehrern verboten. Dann sieht man sie zur Wahl gehen und erlebt ihre Freude, daß sie das jetzt darf. Der zweite Protagonist ist ein Kellner, der nicht wählte, aber erzählte, daß es seine Kinder besser haben und studieren sollen und man sieht seine Frau mit ihren lernen. Ein gewisser Widerspruch tat sich da zu der Samstagsdiskussion auf, denn da erzählte Kaouther Tabai, daß sie Bedenken wegen einer möglichen Islamisierung hat und man ihr riet, derzeit nicht allein in Tunis mit dem Taxi zu fahren.
Nach dem zweiten Film am Nachmittag gabs eine Pause und als ich aufs Klo wollte, traf ich Trude Kloiber beim Foyer, die sich bei meinem Geburtstagsfest entschuldigt hat und konnte sie dann überreden bis zum Schluß zu bleiben und man kann auch sagen, am Sonntag gabs das beste Programm bzw. die bekanntesten Autoren, nämlich um fünf die Lesung von Boulaem Sansal, der von Ilya Trojanow moderiert wurde und der eine Unmenge Bücher am Büchertisch liegen hatte. Eines davon „Rue Darwin“ hat er vorgestellt und da geht es um eine algerische Familie, wo die Großmutter ein Bordellimperium oder etwas Derartiges aufgebaut hat und das Stück das Robert Reinagl las, handelt davon, daß ein Sohn mit der Leiche seiner Mutter, die vorher in einem französischen Krankenhaus an Krebs gestorben ist, zurück nach Algier fliegt.
Dann kam eine jüngere Türkin nämlich Ash Erdogan, die ihr Buch „Die Stadt mit der roten Pelerine“ vorstellte, dann wurde noch ein Märchen über einen Istanbuler Stadtteil gelesen und die Rolle der türkischen Autorinnen der Gegenwart diskutiert.
Dann kam eine Pause und dann der in Barcelona lebende Mathias Enard, den ich schon von der Diskussion kannte, mit seinem Roman „Zone“ der auch sehr interessant sein dürfte. Da fährt ein Mann von Mailand nach Rom und erlebt im Zug offenbar ein Odyssee bzw. die ganze Weltgeschichte, bzw. durchfährt er das ganze Mittelmeer und erlebt dabei Geschichten, wie zum Beispiel, die von Juden, die in der NS Zeit von oder nach Mauthausen und durch die ganze Gegend gekarrt wurden.
Interessant habe ich mir da gedacht, Marianne Gruber dürfte mit ihren „Erinnerungen eines Narrens“, wenn ich es richtig verstanden habe, etwas Ähnliches gemacht haben und vielleicht könnte ich so einmal die Geschichte von der alten Frau, die alle ihre Bücher auflesen will, schreiben, aber da hätte ich wahrscheinlich Schwierigkeiten mit dem Copyright, weil ich da ja viel zitieren müßte.
Es ging dann gleich weiter mit den alten Frauen, bzw. mit Zeruya Shalevs neuen Roman „Für den Rest des Lebens“, die ich, glaube ich heuer schon in Leizpig sah und die ja sehr bekannt ist. Ich habe bei einem Geburtstagsfest einmal ein Buch von ihr bekommen und eines wenn ich mich nicht irre, einmal im Bücherschrank gefunden.
Sie machte einen sehr sympathischen und offenen Eindruck und erzählte, daß es in ihrem Roman um eine sterbende alte Frau geht, die ihr Leben, die Geschichte Israels, das Aufwachsen im Kibbuz und die Schwierigkeiten mit ihren Kinder dabei reflektiert. Alles mir sehr bekannte Themen, schreibe ich ja auch sehr oft über sterbende alte Frauen und interessant auch die Frage Walter Famlers „Warum?“ und die Antwort der Autorin, wahrscheinlich weil ich auch älter werde und mich daher vorbereite und das ist wahrscheinlich auch die Antwort, die ich geben sollte, wenn mich meine Leser fragen, warum ich das soviel tue.
Walter Famler hätte übrigens auch mich zu der Veranstaltung einladen können, lernt in der „Wiedergeborenen“ doch Theresa Brunner zu Beginn einen koptischen Christen aus Ägypten auf einer Demo kennen und einen Ari aus Jerusalem, der im Wiener Literaturhaus die Biografie über seine Mutter vorstellt, gibt es auch.
Nachher bin ich mit der Trude nach Hause gegangen und habe mit ihr über Literatur geplaudert und jetzt werde ich kurz nach Basel gehen und schauen, ob es schon Nachrichten von der Schweizer Buchpreisfront gibt und kann gleich bloggen, daß den Peter von Matt mit seinem Essayband „Das Kalb vor der Gotthardpost“ gewonnen hat, den ich am Montag ja nicht hörte.

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