Literaturgefluester

2012-11-13

Privatroman und Abschiednehmen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:54

Wieder einmal Doppelpack in der Alten Schmiede.
Da gabs zuerst eine „literarische Erleuchtung“ mit Herbert J. Wimmer, der Elfriede Jelineks zwischen 2007 und 2008 entstandener Privatroman „Neid“, der nur auf dem Netz zugänglich ist, beziehungsweise gibt es jetzt eine Hörbuchfassung, die man sich auf der Jelinekseite herunterladen kann, vorstellte und das ist sehr interessant, habe ich mir das neunhundert Seiten Werk ja 2008 noch ausgedruckt in ein paar Mappen getan, gelesen, auch ein bißchen darüber gebloggt und in den letzten Wochen zwei Netzbücher besprochen, wovon das eine „Klick mich“, das ja gar nicht ist, sondern nur das Leben einer Internetaffinen jungen Frau beschreibt, das andere „Incommunicado“, erscheint im Netz, weil der Autor keinen Verlag gefunden hat und als Elfriede Jelinek sehr früh ihr Netztexperiment startete, hat es das alles noch nicht gegeben und sich das Internet sehr rasant weiterentwickelt. Inzwischen gibt es E-Books, Selfpublischer, aber immer noch sehr viele Vorurteile, habe ich da ja vor kurzem eine Blogumfrage gelesen, ob die Blogger Selbstgemachtes besprechen würden? Sie tun es nicht und Elfriede Jelinek hat 2008 ihren Lesern eine Anleitung zum Lesen von „Neid“ gegeben, wie „Nur nicht ausdrucken oder machen Sie damit was Sie wollen!“ und hat von der Flüchtigkeit eines Leberkäsesemmerls gesprochen, während sich die Leser beklagten, daß sie die ausgedruckten Seiten nicht am Balkon lesen konnten.
„Neid“ also in der Alten Schmiede und Herbert J. Wimmer projezierte die Jelinek Homepage auf die Wand, erzählte was zum Projekt, las ein Kapitel vor, in dem es um eine Klavierlehrerin namens Brigitte und das Sterben der Stadt Eisenerz, aber auch um sehr viele politische Anspielungen geht. Dann folgte die schon beschriebene Gebrauchsanweisung, eine Hörbuchprobe und ein Stück, wo sich das Thema „Neid“, auf den Preis und die, die der Autorin darum neidig sein könnten,beziehen.
Ein interessantes Projekt, vor allem wenn man es in Beziehung mit der Internetentwicklung setzt. Elfriede Jelinek war ja so etwas wie eine Netzpionierin, inzwischen bin ich nur mehr selten auf ihrer Seite und so war es ein kleiner Ausflug in die Vergangenheit. Kurt Neumann deutete auch so etwas an, wie, daß der Text im Netz nicht sehr viel Aufmerksamkeit gefunden hätte, wo ich mir aber gar nicht einmal so sicher bin, gibt es ja das Jelinetz der Jelinek Forschungsgesellschaft.
Dann gabs eine Pause, wo ich ein bißchen herumspazierte und hauptsächlich die Auslagen der umliegenden Buchhandlungen studierte und dann stellte Reinhard Kaiser Mühlecker Wolfgang Hermann vor und Reinhard Kaiser Mühlecker ist ja so etwas wie ein Senkrechtstarter.
„Wiedersehen in Fiumcino“ habe ich gelesen, den Erstling „Der lange Gang durch die Stationen“ habe ich noch auf meiner Leseliste und Wolfgang Hermanns literarisches Werk verfolge ich auch sehr intensiv, seit der den Siemens Literaturpreis mit einer Vorform des Herrn Faustini gewonnen hat.
Reinhard Kaiser Mühleckers Einleitung bestand aus einem literarischen Text, in dem er das Haus im vierten Bezirk schilderte, in dem er einmal wohnte, den Freund, der ihm mit einem Doppelliter Wein besuchte und Wolfgang Hermanns „Fliehende Landschaften“, das er sich aus der städtischen Bücherei besorgte und dann dieses und andere Hermann Bücher immer wieder las.
„Abschied ohne Ende“ ist das letzte und es ist literarisch schwer einzuordnen, leitete Kurt Neumann ein. Eine Mischung zwischen Protokoll und Erzählung, ein Mann entdeckt seinen sechszehnjährigen Sohn tot im Bett und Wolfgang Hermann näherte sich dem Thema behutsam an, spricht von grauen schweren Novembertagen, schildert dann die Katastrophe, durchwandert einige Krisen und einen Spitalsaufenthalt bevor er durch Begegnungen mit den Freundinnen Fabius, wieder in das Leben zurückfindet.
So wetwas ist wahrscheinlich schwer ohne Pathos zu erzählen und es ist Wolfgang Hermann, glaube ich, auch nicht gelungen und inzwischen stolpere ich ja schon selber über Sätze, wo einer sich ein Handy kauft, um es in den Spaziergang in den Wald mitzunehmen, um die Rettung anrufen zu können, wenn er gestorben ist.
Kann man so schreiben? Natürlich kann man und die Trauer und der Schmerz ist auch pathetisch und bei den Fragen, die Reinhard Kaiser Mühlecker anschließend stellte, war nicht die, wie weit das autobiographisch ist? Wolfgang Hermann hat sie aber beantwortet. Autobiographisch nicht, dennoch zehn Jahre gebraucht, bis der darüber schreiben konnte, er meinte auch, daß ihm sein Philosophiestudium das Erzählen zerstört hat, vorher konnte er es, nachher war es minimalistisch. Über den Verlust und die Trauer wollte er schon 1999 schreiben, konnte es nicht und hat daher den „Herrn Faustini“ geschaffen, so daß er über den Humor wieder in das Schreiben zurückfand.
Bei der Diskussion wurde Wolfgang Hermann sehr gelobt und sein Buch als große Kunst bezeichnet, vorher hat Wolfgang Hermann noch von den vielen amerikanischen Bücher erzählt, wo Schriftsteller über den Verlust ihrer Kinder, Frauen, etc schreiben, da gibt es sehr viel, er hat es aber nur auf seine Weise schreiben können.
Erich Hackl war im Publikum und Evelyn Holloway und Wolfgang dankte am Beginn allen, die zu der Präsentation seines schweren Buches gekommen seien, während Herbert J. Wimmer zwei Stunden vorher das Publikum von Elfriede Jelinek grüßen ließ.

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