Literaturgefluester

2012-12-13

Ich lebe in der Apokalypse

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:45

Ulrich Bechers Briefe, die er an seine Eltern zwischen 1917 und 1945 geschrieben hst, sind von seinem Sohn Martin Roda Becher, der 1944 in New York geboren wurde, im Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft herausgegeben worden und ich habe mich gleich auf das Buch gestürzt und es trotz Überfüllung noch schnell auf die 2012 er Leseliste gesetzt, ist es mir mit dem 1010 in Berlin geborenen und 1990 in Basel gestorbenen Schriftsteller doch sehr seltsam gegangen, beziehungsweise habe ich keine Ahnung von ihm gehabt, als ich Anfang der Neunzigerjahre in einer zur freien Entnahme-Kiste zwei aus der städtischen Bücherei ausrangierte Becher Bücher gefunden habe.
Ulrich Becher wer ist das? Von einem Johannes R. Becher hatte ich gehört und auch die „Hungrige Stadt“ in doppelter Ausgabe von meinen Eltern „vererbt“ bekommen, von Ulrich Becher aber keine Ahnung und da es in den alten Büchern keine biographischen Hiweise gibt, war das Lesen des „Nachtgallenzyklus“ auch etwas schwierig und ich habe es vorerst abgebrochen. Dann war ich 2005, glaube ich, zu Utes Geburtstag in Leipzig und bin bei Hugendubel über die Abverkaufskiste und über einen Aufbau-Verlagsbriefband aus aus Fünfzigerjahren und da auf Briefe von Ulrich Becher, die sich auch auf „Kurz nach 4“ bezogen, gestoßen, so daß ich das Buch als ich es 2010 gelesen und besprochen habe, mich auch daran erinnerte, daß ich den „Bockerer“ ja nicht nur im Kino, sondern einmal mit meiner Mutter und unserer Gartennachbarin im Volkstheater gesehen habe.
Die Besprechung hat den Arco-Verleger wieder auf die Briefe aufmerksam gemacht, so daß er mir die „Kurz nach 4“ Neuausgabe auf der vorigen Buch-Wien überreichte, wo ich weitere biographische Angaben fand, so daß ich den „Nachtgallenzyklus“ im Sommer gelesen und jetzt noch ein bißchen mehr Hintergrundinformation über einen langsam wiederentdeckten Dichter habe.
Da ist das Vorwort des Sohnes, der schreibt, daß ihm sein Vater in seinen Briefen nie mehr als den Rat gegeben hat, doch einmal Matura zu machen, sehr interessant, hat Ulrich Becher oder Uli bzw. Uly wie er sich nannte, sehr viel und sehr oft an seine Eltern geschrieben und das in einer Zeit, wo es noch keine E-Mails gab.
Daß das möglich war und offensichtlich auch sehr viel praktiziert wurde, kann man in den Briefwechseln sehen und der erste in dem Buch enthaltenen Brief, stammt aus 1917, da war Uli gerade zehn und er schreibt dem Papa, daß er Kriegsanleihe zeichnen soll.
Wieder interessant, denkt man 2012 und beginnt vielleicht zu schmunzeln, dann wird Uli älter und kommt nach Wickersdorf, was eine Art Waldorf- oder freie Schule gewese sein dürfte. Dort hat er den späteren Verleger Peter Suhrkamp zum Lehrer, wird auf Upton Sinclairs „Sumpf“, ein Buch das ich in meinen Regalen habe, aufmerksam und schreibt den Eltern, daß sie ihm alle Bücher von ihm schicken sollen und meint, daß man nach solcher Lektüre ein Kommunist werden muß.
Uli Becher scheint aber soetwas, wie ein Weltmann, Flaneur oder Reiseschriftsteller geworden sein, obwohl es einen langen Brief mit seinen Studienplänen gibt. Sein Vater war Rechtsanwalt, einen jüngeren Bruder namens Rolf, der sein Studium abschloß und Chemiker wurde, gab es auch.
Uli Becher hat die Roda Roda Tochter Dana geheiratet und ist mit ihr durch Europa gezogen, hat viel in der Schweiz, aber auch in Graz und Wien gelebt und muß, da man als Schriftsteller nicht viel verdient, die Eltern um Geld bitten. So daß man immer wieder lesen kann, wie teuer die Zimmer waren und die Quartiere viel teuerer, als erwartet.
Uli Becher scheint auch viel krank gewesen zu sein, da ich mir keine Ferndiagnosen leisten will, schreibe ich nichts von Hypochonder, die Pollenallergie und der Schnupfen scheinen ihn aber sehr geplagt zu haben. So kann man in einem der Briefe lesen, daß er seine Mutter zu einem Arzt in Zürich schickt und ihm ausrichten läßt, daß die Salbe, die er diesmal verschrieben hat, nicht so heilsam, wie die letzte war. Hat in ihr vielleicht das Cocain gefehlt?
Uli Becher scheint auch sehr tierliebend gewesen zu sein und hat seinen Hund auf seine Odysseen mitgenommen. Der war sehr verzogen und folgte nicht, so gab es einen Klaps vom Herrli und einen Aufstand auf der Straße, wo Becher der Tierquälerei bezichtigt wurde und die Polizei holen mußte.
Später ist aus dem Herumflanieren dann das Flüchtlingsschicksal geworden. Becher kam aus dem besetzten Wien gerade noch heraus und hatte Schwierigkeiten mit einem Herrn, der sich als Baron ausgab. Laut Becher aber kein solcher war, so daß er ihn als galizischen Juden beschimpft haben soll. Becher rechtfertigt sich vor seinem Vater ausführlich darüber und gibt auch Prognosen ab, wie lange der Krieg dauern wird.
Da er ihn 1940 für beendet hält, hat er sich sehr geirrt und Wien, das ist auch sehr interessant, wird als fürchterliche Stadt beschrieben.
Dem würde ich nicht so zustimmen, aber von innen sieht man es anders und ich kann es auch erst ab 1953 beurteilen.
In den vierziger Jahren sind die Bechers zuerst nach Brasilien, dann nach New York ausgewandert.
Hier wurde ja auch der Nachtigallenzyklus geschrieben und sehr interessant sind auch die Stellen, wo Becher über die vielen Emigranten schreibt. In Wien hat er Torberg kennengelernt, mit Zuckmayer war er befreundet und in seinen New Yorker Briefen mokiert er sich darüber, daß Oskar Maria Graf seine Bücher in einem Selbstverlag herausgegeben haben soll, weil in New York der europäische Ruhm nichts zählt.
Ihm scheint dann fast dasselbe Schicksal gedroht zu haben. 1945 war der Spuk aber zu Ende. Vorher wurde noch sein Sohn geboren und obwohl Becher einmal geschrieben hat, nicht nach Europa zurückzukehren, hat er das doch getan und ist in der Schweiz gestorben.
Die Briefe enden 1945, denn da konnten die Eltern auch nach New York kommen und ich habe es sehr interessant gefunden, von den Alltagssorgen eines mir einmal völlig unbekannten Schriftstellers erfahren zu haben.
Man mag sich ja die Frage stellen, wie weit solche Briefe für die Öffentlichkeit bestimmt sind? Martin Roda Becher tut das in seinem Vorwort auch und meint, daß sie schon dafür geschrieben wurden, weil man ab einen bestimmten Bekanntheitsgrad mit der späteren Veröffentlichung rechnen muß. Eine Alternative wäre das Verbrennen. Aber heutzutage ist sowieso alles anders, da es durch das Internet kaum noch Originale gibt und die E-Mails druckt man sich wahrscheinlich nicht aus, so daß diese Briefwechseln vielleicht bald der Vergangenheit angehören werden, was die historisch Interessierte natürlich schade findet.

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