Literaturgefluester

2012-12-16

Abzählen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:17

Die 1979 geborene Tamta Melaschwili hat für ihren Debutroman „Abzählen“, 2011 den georgischen Literaturpreis Saba bekommen und ich habe von dem Buch im Frühling durch Ö1 erfahren. Da wurde es in Ex Libris vorgestellt. In Leipzig habe ich dann Tamta Melanschwili gesehen und das Buch auf meine Geburtstagsliste gesetzt. Auf der Buch-Wien war Tamta Melaschwili auch prominent vertreten und die Geschichte der beiden dreizehnjährigen Mädchen Ninzo und Zknapi, die in der Kampfzone leben, dort, wo während des Krieges sich nur noch die Frauen, die Alten und die Kinder aufhalten ist auch sehr expressiv erzählt.
Im Nachwort erzählt die Autorin über ihre Art des Schreibens. Sie hat als Kind ihre eigene Sprache erfunden und in dieser Gedichte geschrieben. Dann hat sie, weil im Krieg Papier und Bleistifte Mangelware, auf alten Schulheften geschrieben. War einige Zeit arbeitslos und ist 2008 nach Deutschland gekommen, da hat sie wieder zu schreiben begonnen, ein kreatives Wrting Seminar besucht und in Georgien in einer leeren Wohnung den Roman geschrieben, in dem es nicht nur um Georgien, sonder über das Leben im Krieg schlechthin geht.
„Den Rhythmus dieser Sprache habe ich jetzt in meine Texte auf Georgisch transportiert. Scheinbar habe ich sie doch nicht ganz vergessen“, schreibt die Autorin und das Buch lebt wohl davon, von der flapsigen Expressivität der beiden Mädchen, die in der Konfliktzone leben und nicht hinauskönnen.
„Sagt Ninzo, sage ich!“, heißt es hier ununderbrochen. Dann werden drei Tage dieser Pubertierenden erzählt, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, abwechselnd und nicht in dieser Reihenfolge, was das Verstehen gar nicht einfach macht.
Aber Krieg ist wahrscheinlich auch nicht zu verstehen, schon gar nicht von zwei halben Kindern, die aber schon viel gesehen haben und noch viel sehen müssen. Rotzfrech und lebenslustig sind sie auch, vor allem Ninzo mit dem großen Busen, die gerne zu demn Soldaten mit den blauen Augen auf die andere Seite geht, in Häuser einbricht und sich die Sachen, die die Emmigranten dort, ohnehin nicht mehr brauchen holt und auch die blauen Kleider von Verstorbenen trägt.
„Ein für alle Mal; Sie sind weg! Und weißt du, warum? Das waren nicht so arme Hunde wie wir, die hatten Geld! Sie haben gezahlt und durften hier raus! Und ich? Und du? Wir krepieren hier, weil wir nicht so dicke Ärsche haben wie die! Die werden leben, weiterleben, und ich Todgeweihte darf mir nicht einmal ihre Lumpen nehmen?“, sagt sie zu Zknapi, die sie davon abhalten will und weil Zknapi, was soviel wie Kleine bedeutet und ein Kosenamen ist, eine Mutter hat, die für ihren Säugling keine Milch mehr hat, soll sie auch in die Apotheke einbrechen und das Milchpulver holen, weil nur sie durch die Stäbe kann.
Ninzo hat eine Großmutter, die sie pflegen und versorgen muß, wofür die Mädchen Spitzwegerich sammeln und die träumt nur von ihren verlorenen Sohn, wie auch das der Großvater tut, für den die Mädchen ein Totengebet abschreiben sollen und der ihnen dafür alte Bobons gibt, die sie an andere Kinder weiterschenken.
Kein Zweifel, die Halbwüchsigen in der Konfliktzone sind überfordert und bekommen trotzdem ihre Monatsblutung, versuchen neugierige Jungens davon abzuhalten in den Graben zu gehen, wo ein Toter der anderen Seite liegt, der schon erbärmlich stinkt, weil niemand da ist, der ihn vergräbt und Zknapi bekommt von einem Mann die Liste der Gefallenen überreicht, die sie übergeben soll, aber nicht hineinsehen, ob vielleicht der Vater auf der Liste steht? Da sitzt sie dann hinter dem Baum mit dem Umschlag und beginnt abzuzählen, ob sie öffnen oder zulassen soll?
Die beiden Mädchen bekommen auch ein Angebot von dem Burschen, der sich doch bereit erklärt, den Toten zu vergraben, sie sollen mit einem Korb Pilze getarnt Drogen schmuggeln. Als sie erwischt werden, markiert Ninzo einen epileptischen Anfall und als eines der Kinder sie Schlampe nennt, weil sie bei dem Wachposten der anderen Seite gesehen wurde, bekommt Zknapi so eine Wut, daß sie es fast erschlägt, während ihre Mutter nicht mehr weiterleben will, weil sowieso alles sinnlos ist.
Am Ende steht Ninzo unbeweglich in der Kampfzone mit ihren großen Busen und die Soldaten haben alle Mühe und wissen nicht, wie sie sie von dort wegbringen sollen?
Wirklich sehr beeindruckend der Debutroman, auf etwas mehr als hundert Seiten wird hier, die Not, das Elend und die Überforderung der rotzfrechen Dreizehnjährigen, die es wirklich überall geben kann, erzählt.
„Der jungen georgischen Erzählerin Tamta Melaschwili ist ein aufsehenserregendes Debut von emotionaler Wucht gelungen“, steht im Klappentext, dem ich mich nur anschließen und das Buch wirklich sehr empfehlen kann.

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