Literaturgefluester

2012-12-22

Tango-Kontinuum

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:56

Jetzt geht es weiter mit meinen Geburtstagsbüchern und ich komme zu denen, die mir die Leser mitgebracht haben und da kommen als Erstes die vierzehn Kurzgeschichten „Tango-Kontinuum“ von „Machos, Malevos und Vermaledeiten“ des 1947 in Argientinien geborenen Arztes Lidio Mosca-Bustamante, den ich vor einigen Jahren bei einer Silvesterfeier bei Hilde Schmölzer kennengelernt habe und von dem ich schon „Blumen für Augustina“ gelesen hatte, noch ehe ich ihn kannte, weil es das einmal in einer Gratisbücherkiste der Zentralbuchhandlung, als die noch existierte, auf dem Volksstimmefest gab.
Seither habe ich mich mit dem Autor einige Male getroffen, war auf seinen Lesungen, er hat, glaube ich, auch einmal am „Tag der Freiheit des Wortes“ und am Volksstimmefest gelesen, liest bei den von Herrn Blaha organisierten Veranstaltungen und auf meinen Geburtstagsfesten. Den Erzählband „Die magische Vihuela“ geschrieben im magischen Realismus, wie in den lateinamerikanischen Ländern üblich, hat er mir auch einmal mitgebracht und jetzt seine Tango-Geschichten und daraus hat er auch beim letzten Fest gelesen.
Das Buch besteht aus einigen Einleitungen. Zuerst kommt unter dem Titel „Über mich“ eine vorgeburtliche Erfahrung des Autors, die er seiner Enkelin Valentina Alicia gewidmet hat. Dann einige Erklärungen zur argentinischen Sprache, da gibt es auch ein Glossar mit den wichtigsten Ausdrücken und interessant, das Buch wurde in Spanisch geschrieben, von Gerhard Giesa übersetzt und ist im Autorenverlag Gergruben mit Verlagsadresse Neusiedl am See erschienen.
Also ganz international. Lidio Mosca Bustamante lebt seit 1975 in Österreich und arbeitet als Schriftsteller, Maler und Filmkritiker. Das Buch handelt aber von Argenitinien. Ist wahrscheinlich eine Liebeserklärung, an das Land und seine Typen und das wird auch in der nächsten Einleitung erklärt, wo man erfährt was Malevos sind, das, was man im österreichischen als Strizzis bezeichnen würde und Lidio Mosca zieht auch einen weiten Bogen, erklärt die Sozialstruktur Arginetinien von gestern und heute und erzählt etwas über Sozialbauten und wohin die Jugendarbeitslosigkeit führen kann.
Das Vorwort, das sich daran schließt, stammt von Juan Navidad und dann geht es in die vierzehn Geschichten, von denen zehn der Abteilung „Fegefeuer“ und vier der „Hölle“ zugeordnet sind.
Lidio Mosca Bustamante hat dazu auch was in seiner Einleitung geschrieben, ich springe aber gleich zu der Geschichte eins, wo die Malevos Cipriano Lopez und Teofilo Hierro bzw. deren Kampfhähne vorgestellt werden. Denn die beiden Strizzis haben zwei Berühmte und die kämpfen gegeneinander, der Kampf endet unentschieden oder doch nicht so ganz, einem fehlt ein Auge, so daß sich die beiden Besitzer duellieren wollen, da bricht sich einer, ach Schande, die Hand und kann nicht das Messer führen. Was tut man da? Die kluge Tante rät, es noch einmal die Hähne tun zu lassen und das endet dann so dramatisch, daß sich die Feinde mit Tränen in den Augen versöhnen.
Dann gehts in Richtung Tango und zu dem schönen Kindermädchen Argentinia, das, war es der Autor selbst?, den kleinen Anvertrauten aus bürgerlicher Familie am Abend in das Theater der Dienstmädchen führte, wo sie sich mit ihren Argentino traf, der gerade dabei war zum Tangostar aufzusteigen und das Kindermädchen konnte ihm dann beim Waschen ihrer Haare im Radio singen hören, während der kleine Ich-Erzähler ihr dabei begierig zusah.
In der dritten Geschichte „Lolita“ geht es um einen vierzigjährigen Malevo, der sich in eine schöne Sechzehnjährige verliebt, seinen Rivalen im Zweikampf tötet, sich dabei eine Schnittwunde zufügt und sie am Ende doch nicht bekommt.
So geht es weiter mit den Geschichten der kleinen oder großen Gauner von Buenos Aires zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Erstaunlich welches Detailwissen, der elegante schlanke Arzt vom Gaunerleben seiner Heimatstadt hat. Die meisten der Geschichten tragen irgendwelche Widmungen. So ist die „Rache von Ruperto Guerro alias „Der Hartherzige“ Andrea Baier-Lillie und Christian Lillie (El Austriaco) gewidmet, die in Wien im „Club Tango Argentino“ Tangotanzen lehren.
In „Zwanzig Pesos – Die Liebschaften des Cirilo Hernandez“ wird der mit dem Alfred aus Horvaths „Geschichten aus dem Wienerwald“ verglichen. Das Argentinische Vorbild kommt aus dem Gefängnis, geht zu seiner Tante Maria Rosa, die schon weiße Löckchen hat, als er die dann wegen einer Jüngeren verläßt, hält sie ihm das Messer entgegen, mit der er dann stolz die Stube verläßt.
Die osteuropäoischen Mädchen, die nach Argentinien in dem Glauben auswandern tolle Stellen in den Haushalten reicher Herrschaften zu finden und dann in den Bordellen landen kommen auch vor und dem Übersetzer Gerhard Giesa ist die Geschichte „Geflügelte Beine gewidmet“, die von einem berühmten Tangotänzer handelt.
In „Vom Fenster aus“ kommt der Malevo, der sechs Jahre wegen Mord oder Totschlag an seiner Esther im Gefängnis gesessen hat in das Cafe des Ramiro Cuestas, der ihn endlos beschwatzt und seine Unschuld beteuert, währenddessen sieht Augusto Remolino aus dem Fenster und versucht sich das Gesicht der Getöteten vorzustellen um am Ende mit dem Messer auf den Sohn des Cafetiers loszugehen, der offenbar der wahre Schuldige war.
„Der Schwarze Emidio Taborda aus dem Mondongo-Viertel“ ist auch ein berühmter Messerstecher und Spieler, legt sich mit den englischen Kolonialherren an, um am Ende seine Schöne, die die Geliebte des Mister Millers ist, doch nicht zu bekommen und Antenor Perenyra mutiert vom Zuhälter zum Leibwächter, während wir ein Stück der dunklen Geschichte Argentiniens erfahren. Da verbietet ein Politiker alle Bordelle, nimmt sich einen Leibwächter, dessen drei Mädchen er offenbar vorher verschwinden ließ und am Schluß der Geschichte, begleitet der Leibwächter seinen Chef in das ihm gehörende Geheimbordell, um dort seine Geliebte zu finden und sich das Messer, nicht den Revolver mit dem er seinen Chef beschützte, in den Bauch zu stechen.
Sehr plastisch wenn auch ein wenig umständlich läßt Lidio Mosca Bustamante das Elend des Vorstadtargentinien mit seinen glänzenden Messerstecher und Bandenkönigen auferstehen, während er, wenn er vom „Fegefeuer“ in die „Hölle“ kommt, vollends blutrünstig wird, wird da doch die Geschichte der „Blutrünstigen Gräfin Erzsebeth Bathory erzält, die in Transalvanien 1560 schon einmal blutreich von einem Arzt auf die Welt geholt wird, sich dann mit Luzifer verbündet und voll Freude Knaben und Mädchen schändet, eine Geschichte, die mir naturgemäß nicht so gefällt. In der zweiten Höllengeschichte geht es dann nach Afrika, wo sich Joao und Jo vor dem „Tor zum Paradies“ treffen, das wahrscheinlich ein Flüchtlingslager ist. Sie wollen nach Europa, der eine um bei der N.B.A zu spielen, der andere um in sein Heimatland die Revolution zu bringen und sie treffen sich dann zwischen vier und halb fünf am frühen Morgen, wenn die Wachen schlafen, um in den Stacheldraht zu springen, der eine schlitzt sich dabei auf und verblutet dabei. Auch eine Art von der Hölle zu erzählen und in der dritten Geschichte wird einer der bei den Tschetniks war Sicario, gedungenen Mörder ausgebildet, für eine Handvoll Dollars muß er dabei ein paar Aufgaben bestehen, eine davon ist, ein zwölfjähriges Mädchen zu zerstückeln, er macht es ohne zu ahnen, daß es die Tochter seiner Geliebten Marta ist.
Kaum zu glauben, welche Ideen aus der Feder des kleinen eleganten argentinischen Arztes entspringen können und er springt auch noch weiter in die Erzählung von den schlechten Erbanlagen, wo die Schweizerin Esther mit dem Argentinier Fredy drei behinderte Kinder hat und während der Neurologe klären soll, ob das wegen des Inzests mit dem Großvater passierte, nimmt die kleine Esperanza schon die Streichhölzer, sagt begierig „Feuer“ und setzt das elterliche Haus in Flammen.
Wirklich kaum zu glauben, wie weit Lidio Mosca Bustamantes „Tango-Kontinuum“ von den Malevos zu den Maledeiten gehen kann.
Nicht alle Geschichten haben mir gefallen. Interessant ist dieses argentinische bzw. weltweite Spekrtum des Bösen aber allemal.

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