Literaturgefluester

2013-01-10

Die literarische Welt

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:00

Jetzt kommt ein Fund aus dem Wortschatz und ein wirkliches Gustostückerl, nämlich Willy Haas, 1957 geschriebene Erinnerungen „Die literarische Welt“.
Willy Haas werden jetzt wahrscheinlich die meisten fragen, wer ist das? Keine Ahnung oder nie gehört! Da bin ich zum Glück ein bißchen weniger unbedarft, habe ich mir doch vor Jahren, als ich noch Psychologie studierte und mich mit meiner Freundin Elfi für Herrn „Novak“ Opernkarten anstellen ging, um, ich glaube fünfzig Schillig, den Briefwechsel zwischen Willy Haas und Hofmanntsthal gekauft. Gekannt habe ich damals nur Hofmannsthal, aber die Johannes Urzidil Bücher folgten bald und Kafkas „Amerika“, das ich auch gelesen habe, muß aber gleich gestehen, daß sich mir das Genie Kafkas noch immer nicht erschlossen hat, vielleicht ist er mir zu sagenumwoben und zu skurril. Ich bin da ja realistischer und halte mich wahrscheinlich eher an das „Mittelmäßigere“, aber das sind nicht meine Worte, sondern schon die von Willy Haas und der war ein Freund Franz Werfels, der mir ein bißchen zugängiger, als Franz Kafka ist und mit beiden in Prag zur Schule gegangen, da war dann noch Max Brod dabei, zudem der Gymnasiast, weil schon in den höheren Klassen und schon veröffentlicht, erfürchtig aufschaute.
Aber ganz unbedarft bin ich nach meiner Matura und als Studentin auch nicht gewesen, habe ich da ja den „Mann ohne Eigenschaften“ gelesen, Franz Werfels „Verdi“ aus dem Bücherkasten meiner Eltern und Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ ebenfalls von dort und da steht ungefähr das drinnen, was auch der 1891 in Prag geborene Willy Haas geschrieben und erlebt hat.
Haas ist in Prag ins Gymnasium gegangen, war mit dem Genie und Lyriker Werfel befreundet, einen Rene Rilke, der ein paar Straßen weiter wohnte, gab es auch, was waren das für Zeiten, wo man die Berühmtheiten in der Schulbank traf und so schreibt Haas in seinen Erinnerungen darüber.
„Die Literarische Welt“ ist eine Literaturzeitschrift, die er erst später für Ernst Rowohlt gegründet hat, zuerst ist er in Prag zur Schule gegangen, hat Jus studiert und das ungeliebte Studium abgebrochen, ist mit einer Frau, die noch mit einem anderen Dichter verliebt und verheiratet war, nach Berlin gegangen und ist dort Filmkritiker geworden.
Das schildert er sehr köstlich, er sitzt in Berlin, hat kein Geld, jemand verschafft ihm eine Stelle an der Zeitung, wo er die Filmkritiken sortieren muß, nach ein paar Tagen geht er zum Redakteur, sagt“Wir haben doch noch eine Freikarte und keinen Kritiker, der hingehen könnte, geben Sie sie doch mir!“
Der Redakteur schaut die Kritik an, Haas, denkt „Uje, nichts!“, da sagt er dann „Hätten Sie mir doch gesagt, daß sie schreiben können!“
Später wird er noch Filmdrehbücher schreiben und Greta Garbo, er für die „Freudlose Gasse“, entdecken und dem gerade aufsteigenden Sternchen schreiben „Ich prophezeie Ihnen, daß sie weltberühmt werden!“
Es kommt keine Antwort, später als man schon vor Hitler flüchtet, erfährt er dann vom Sekretär, daß der den Brief weggeworfen wurde.
In Berlin ist er aber schon als Jugendlicher mit seinen Eltern gewesen und dort auch in Kabarett gegangen, beziehungsweise taten das seine Eltern, die sich auch die Schlagertexte, die damals modern gewesen sind, kauften. Haas gibt ein paar Beispiele „Von der glücklichen Berliner Zeit“: „Ich bin die Josephine von der Heilsarmee“ oder „In der Luft, in der Luft liegt der Paprika, Steigt zum Himmel, Himmel, Himmel mit Hurrah!“, dann kommen zwei Texte über seine „Theaterleidenschaft“ beziehungsweise seine „Begegnungen mit Max Reinhardt“, den er schon als Knabe in Prag sah, dann seinen Aufstieg in Berlin, Wien, Salzburg erlebte und schließlich davon berichtet, wie er in Amerika scheiterte.
Ein Kapitel ist Brecht und seiner „Dreigroschenoper“ gewidmet, den Haas, man glaubt es kaum, durch Hofmannsthal kennengelernt hat und der den beiden „unheimlich“ war, weil der „das Profil eines Jesuiten, die Drahtbrille eines Oberlehrers, das kurzgeschnittene Haar eines Sträflings und die zerschlißene Lederjacke eines alten Parteibolschwiken“ hatte, was Haas nicht gefiel.
Es kam dann am 31. Oktober 1928, ein Jahr bevor die Banken krachten, zur Uraufführung der „Dreigroschenoper“ und auch zu einem „Plagiatsskandal“, da Brecht einige Verse von Villon übernommen hatte und auch zu zitieren vergessen hatte. Interessant die Parallelen. Die „Dreigroschenoper“ wurde dann auch von G. W. Pabst verfilmt und Haas schreibt „glaube ich nicht, daß der Film ganz an das Original heranreicht“.
Im nächsten Kapitel geht es um „Schauspieler und Regisseure“, denn offenbar ist Haas dann auch Theaterkritiker geworden und hat die Inszenierungen aller Theatergrößen der Neunzehnhundertzwanzigerjahre gesehen und bekrittelt. Interessant, daß schon damals, wie ich es nennen möchte, die Originale „vermurkst“ wurden. Haas schreibt vom „Svejk“ und daß es passieren konnte, daß man, wenn man im Altprag Straßenbahn fuhr, die Kondukteure auf das Zwicken und die Passagiere auf das Aussteigen vergaßen, weil der Schaffner so interessant vom „Svejk“ erzählte. In Berlin inzenierte aber außer Reinhardt auch Erwin Piscator und der ließ in Schillers „Räuber“ den Spiegelberg in der „Maske des (damals noch sehr mächtigen) Leo Trotzki mit verbeulten, harten Melonenhut , in einem grauen, schäbien Jacket“ auftreten. Nun ja, nun ja, also auch keine Erfindung unserer Regisseure, aber über das habe ich mich schon als junge Studentin , als ich noch ins Theater ging, geärgert. Der Theaterkritiker Haas tat das in Berlin der Neunzehnzwanzigerjahre sehr oft und hatte auch manchmal seine Eltern dabei, der Papa hat ihm ja bald, nach dem er sein Bankkonto gesehen hat, verziehen, daß er nicht seine gutgehende Rechtsanwaltspraxis übernommen hatte, die Mama war viel kritischer und hat erst gesagt „Du hast doch recht getan, daß du nicht in Prag geblieben bist, mein Junge!“, als sie erlebte, daß ihm die berühmte Henny Porten während einer Premiere aus der Loge zuwinkte.
Dann wird von der „Literarischen Welt“ berichtet, der Zeitschrift die Haas zwischen 1925 und 1933 herausgegeben hat und in der Texte von Hofmannsthal aber auch von James Joyce, Marcel Proust, den damaligen Literaturgrößen und man staune auch Berichte von Hedwig Courths-Mahler über ihre Lehrerin Marlitt, die Haas sehr geschätzt hat, erschienen sind.
Rainer oder Rene Maria Rilke hat er wegen seines „Adelsdünkels“ weniger geschätzt und als die Nazis kamen ging er nach Prag zurück und von dort nach Indien, wo es sehr beeindruckende Beschreibungen von den Nasenringen der Frauen und den heiligen Kühen gab und sich Haas in der Filmwelt betätigte. Des Klimas wegen kam er wieder nach Deutschland zurück, wo er von den Kindern berichtete, die einen Hausbau für eine neue Ruine hielten und Alfred Kerrs Schlaganfall miterlebte.
Ein sehr beeindruckendes Buch eines, wie ich meine, sehr selbstbewußten Mannes, das man um einen Eindruck vom literarischen Leben der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu bekommen, lesen sollte, wenn man es noch bekommt.

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