Literaturgefluester

2013-01-11

Die Entsetzungen des Josef Winkler

Filed under: Uncategorized — jancak @ 21:03

„Seit dreißig Jahren“, sagte Kurt Neumann in seiner Einleitung gestern, „gäbe es wieder ein mehrtägiges wissenschaftliches Symposium in der Alten Schmiede!“, eine Aussage, die mich etwas stutzig machte, war ich da doch 2005 oder 2006 vielleicht bei einer relativ großen Jelinek-Veranstaltung und etwas von der Kramer-Gesellschaft gab es auch einmal, aber vielleicht waren das andere Veranstalter und sich zu Jahresbeginn mit Josef Winklers Werk zu beschäftigen ist sicher interessant.
„Das haben wir“, referierte Kurt Neumann weiter, „der Konsequenz von Alexandra Millner und Christine Ivanovic zu verdanken!“
Alexandra Millner war einmal Praktikantin in der Rahlgasse und hat die Anna in Deutsch unterrichtet und Josef Winkler kenne ich auch ganz gut, seit er 1979 in Klagenfurt wahrscheinlich mit „Menschenkind“, dem ersten Teil der sogenannten Kärntner-Trilogie, ein Verlagsschmäh, wie ich hörte, einen Sonderpreis gewonnen hat, damals habe ich ja noch sehr gerne in Klagenfurt lesen wollen und der Kärntner Autor ist mein Jahrgang, allerdings schon im März geboren, der Sechziger ist also nicht mehr weit und „Menschenkind“, habe ich mir damals, glaube ich, auch gekauft. Zumindest habe ich es in meinen Katalog stehen.
Viel mehr habe ich dann lange nicht von ihm gelesen, aber als ich 1996 auf eigene Faust und eigene Kosten zum Zuhören nach Klagenfurt fuhr, hat er, ein kleines Kind am Arm, ein zweites Mal mit, wie, ich glaube, Ausschnitte aus „Domra“, dort gelesen und ich habe mir gedacht, das ist zwar ein „Reisetext“, aber er wird gewinnen und mich damit geirrt.
Jan Peter Bremer, hat, was mich noch immer wundert, gewonnen und den Indientext „Domra“ habe ich dann vom Karl einmal zum Geburtstag bekommen.
Es drangen aber natürlich Titel von dem Kärntner Wunderkind und Sprachgewaltigen an mein Ohr.
„Der Ackermann aus Kärtnen“, der zweite Teil der Trilogie, dann 1990 „Der Friedhof der bitteren Orangen“, beide Werke habe ich nicht gelesen und die römische Novelle „Natura Morta“, die Donnerstagabend in der Grundbuchreihe vorgestellt wurde, habe ich nur als Oper, ich glaube, im Rahmen der Festwochen gesehen. 2009 hat Winkler im rosa Hemd die berühmte Rede zur Eröffnung des Bachmannslesen gehalten, worin er sich empörte, daß es in Klagenfurt noch immer keine öffentliche Bibliothek gibt und ein Kind ums Leben kam, weil der Landeshauptmann ein Fußballstadium bauen wollte.
2008 bekam er den Büchnerpreis, in diesem Jahr habe ich schon gebloggt und Frankfurt gesurft, wo er groß auftrat und gefragt wurde, ob es sich den Nobelpreis wünscht. Er sagte „nein“, ich würde bekanntlich „ja“ sagen, aber mich fragt ja keiner und ziemlich zeitgleich vor zwei Jahren war er in Ö1 im Gespräch, stellte seine Autobiografie „Die Realität so sagen, als ob sie trotzdem nicht wär“ vor und sagte da, glaube ich, in jeden Satz, daß er so schreiben möchte, wie der große Handke und, daß ihn Texte mit einem Plot und fortschreitender Handlung nicht interessieren.
Dazwischen hat er dann noch eine Laudatio für eine Fried Preis-Trägerin gehalten und ein zweites Indien-Buch, das gleichzeitig ein Requiem auf seinen Vater „Roppongi“ ist, gibt es auch.
So weit in kurzen Worten mein Josef Winkler Wissen, das heißt in dieser Reihe zum Nationalfeiertag „Mit Sprache unterwegs“ war er auch aktiv und wiederholte seine kritischen Einwände auf das Land und die Regierung Kärnten.
Dank Klaus Amann, der das Einleitungsreferat „Attacke und Rettung. Zu einem Grundmuster bei Josef Winkler“ hielt, weiß ich jetzt etwas mehr. Denn Klaus Amann hat Josef Winkler in den Siebzigerjahren kennengelernt, als er noch Schreibkraft an der Kärntner Uni oder Hochschule für Bildungswissenschaft war und beschrieb ihn als schlank, durchsichtig und leicht gebeugt, er hat dann mit ihm auch in einer Wohnung gelebt und dort offenbar die Entstehung der drei ersten Romane, da gibt es dann noch die „Muttersprache“ miterlebt, wo sich Winkler gegen das Kärntner Dorf, die katholische Sozialisierung und den Vater wandte und schrieb und schrieb, um zu überleben.
Dann ging er nach Rom, dort entstand „Der Friedhof der bitteren Orangen“ und die Novelle „Natura Morta“, was etwa „Stilleben“ bedeutet, die Franz Haas, der in Rom Germanistik lehrt auch genauer beschrieb. Es geht um das fotografische Auge und um das Schauen. Winkler ist mit Haas viel auf den römischen Märkten herumgegangen und hat den Fisch- und den Gemüsehändlern mit seiner Füllfeder und den Notizbuch auf die Finger geschaut. Dann ist die Erzählung über den sechzehnjährigen Marktgehilfen Picoletto entstanden, der von seinem Chef, einer „transvestitischen Schwuchtel“ Pizza holen geschickt und dabei überfahren wird. Eine Summe von Eindrücken des römischen Marktlebens, die Winkler, der auch gern ins Kino geht, mit seinem filmischen Auge in allen Farben gezeichnet hat.
Danach kamen, erzählte Klaus Amann weiter, die Indienreisen, das Buch „Domra“ und „Roppongi“, die Versöhnung mit dem Vater und in letzter Zeit die politischen Texte und Reden.
Das Thema des Symposiums waren aber die „Entsetzungen“, ein Ausdruck, den, glaube ich, wenn ich es recht verstanden habe, Ilse Aichinger prägte, die Josef Winkler als den einzigen Gegenwartsschriftsteller schätzt, der für sie Geltung hat.
Der französische Germanist und Winkler-Experte,Bernard Banoun, der auch Winkler übersetzt hat, am Donnerstag ist „Roppongi“ auf Französisch erschienen, sprach über „Entsetzungen und Berunruhigungen.
Dann gab es eine Pause in der auch Josef Winkler in seinem rosa Hemd erschien, Arno Geiger, der damals 1996 in Klagenfurt das erste Mal gelesen hat, war da und Daniela Strigl, die das erste Panel moderierte.
Nach der Pause sprach Christoph Leitgeb an Hand des Textes „Die sterblichen Überreste einer Marionette“ aus „Leichnam, seine Familie belauernd“, über das „Unheimliche“ und zitierte dabei Freud, etc, etwas womit ich mir sehr schwer tat und ich fragte mich was wohl Josef Winkler zu den vielen literaturwissenschaftlichen Interpretationen sagen würde und am Ende verglich Alexandra Millner, das Winklersche Werk mit den Romanen von Gavino Ledda und Carlo Levi, die Winkler sehr schätzen würde.
Dann kam die Grundbuchreihe über „Natura Morta“, die ich wegen meinen neunzehn Uhr Klienten, versäumen mußte.
Am Freitag ging es weiter mit den „Todesartes und Lebensmittel – Winklers reisender Humor“ vorgetragen von dem Schweizer Germanisten Alexander Honold.
Der Tod spielt ja in allen oder vielen Werken Winklers eine Rolle, beginnend mit den Kälberstricken an denen sich die beiden Jugendfreunde Jakob und Robert in dem Dorf erhängten, die Todesrituale in Indien und die vielen Unfälle, denen Winkler fast entgangen ist, der Geisterfahrer in Indien, wo Klaus Aman ihn begleitete und mit ihm im Taxi fuhr und als Winkler von Klagenfurt nach Salzuburg reiste, um Elisas Canetti zu hören, von dem er immer Bücher in seinen Manteltaschen trug, wäre ihm auch fast etwas passiert. Aber das erzählte er erst auf auf Dana Pfeiferovas, der Budweiser Winkler Spezialistin, Frage, wie er zu Canetti stehe und da beantwortete er auch die Frage, wie man die Gebete übersetzen solle? Der französische Übersetzung, hat sich dazu die Gebetbücher eines Pfarrers ausgeborgt und das riet auch Winkler, die einheimischen Gebete zu nehmen und dort, wo es keine katholischen Traditionen gäbe, es anders zu machen.
Das betraf den Japaner Hiroshi Yamamoto, der ein Referat zu „Vermessung der Todeslandschaften“ hielt und da erfuhr ich erst, daß Roppongi in Japan und nicht, wie ich dachte in Indien liegt und dort ist Josef Winkler auch gewesen, als er von dem Tod seines Vaters erfuhr. Dann ist es sich nicht mehr ausgegangen am Begräbnis seines Vaters teilzunehmen und der wollte das offenbar auch nicht, so hat er das „Requiem für seinen Vater“ geschrieben und eigentlich ist „Roppongi“, doch das zweite Indienbuch, denn Winkler hat seine Erinnerungen an Kamering mit den indischen Todesarten verknüpft und damit begonnen, daß es in Indien keine Geier mehr gäbe, seit die Menschen dort Psychopharmaka nehmen, denn das vertragen sie nicht. Vielleicht ist das der feine Humor oder auch Zynismus, den Klaus Amann an Josef Winkler lobte und dann ging es auch um die Genauigkeit oder Ungenauigkeiten in seinen Werken und wie man die übersetzen soll? In einem Buch, vielleicht ist es „Roppongi“, steht, daß dem Vater ein Finger fehlte und einmal war es an der linken ein andermal an der rechten Hand. Der Übersetzer hat es ausgebessert und fragte nun Josef Winkler, was richtig wäre? Der wußte es auch nicht und sagte, er würde seine Geschwister fragen, vielleicht wüßten sie es.
Evelyn Polt-Heinzl und Christine Ivanovic beschäftigten sich in ihren Referaten mit dem Buch „Verschleppung“, in dem Josef Winkler, als er wieder nach Kärnten zurückgekommen ist, sich bei einer Bäuerin einquartierte, die als junges Mädchen von den Nazis zur Zwangsarbeit nach Kärtnten verschleppt wurde und dann den Sohn des Bauern heiratete. Über sie hat er in dem Buch geschrieben, das die Rezeption nicht gut aufgenommen hat und und die Bauern, die Bäuerin, die schon gut integriert war, nach dem Erscheinen wieder zur „Russin“ machten. Darüber wurde diskutiert und Christine Ivanovic verband ihr Referat auch noch mit der „Verschleppung Europas“ und den verlorenen Söhnen.
Das erschien mir ein bißchen zu weit hergeholt. Aber das Buch ist interessant und das habe ich genauso wenig gekannt, wie „Wenn es so weit ist“, das einzige Buch Winklers, das einen anderen als einen Ich-Erzähler hat und das von Klaus Amann als das beste Winkler-Buch bezeichnet wurde. Vielleicht findet sich mal was in den Kästen und am Schluß gab es eine Winkler Lesung, nämlich mit einem frühen und einem späten Werk, die beide im Frühjahr bei Suhrkamp erscheinen werden.
Das frühe Werk „Wortschatz der Nacht“ erschien 1978 in den Manuskripten und wurde, wie Josef Winkler erzählte, in vier wortrauschigen Nächten in Klagenfurt in der Wohnung Klaus Amanns mit der Kugelkopfschreibmaschine geschrieben und handelt von toten Kindern und toten Tieren, „der Gott meiner Kindheit“, kommt mehrmals vor. Nach meinem Geschmack ist zu „wortrauschig und zu abgehoben“, möglicherweise würde ich auch (oder hatte ich schon) mit „Menschenkind“ Schwierigkeiten haben. Da tat ich mich mit dem neuen Werk „Mutter und der Bleistift“ leichter, denn das ist „realistischer“ und leichter zu verstehen, erzählt wieder von der Kindheit im Dorf, wie er dem Onkel oder Großvater Briefmarken stiehlt und sie dann am Herd verbrennt, „der Kopf des Bundespräsidenten geht in Flammen auf“ und als er das der Mutter beichtet, schlägt sie ihm den Hintern blutig und begonnen hat der Text, was ich interessant fand, wie ein Bisinger-Gedicht.
„Mit meiner ledernen Umhängetasche saß ich in Benares und dachte an meine Mutter“ oder so ähnlich. Dann gibt es einen zweiten Teil, wo er der Mutter Weihwasser zum Trinken bringt, bis sie diese durch Psychopharmaka ersetzt und im dritten Teil ist Winkler in einer Kirche in Kiew, wohnt dem mehrstündigen Gottesdienst bei und schaut den Leuten beim Weihwassertrinken zu.
Kurt Neumann lobte den Bogen in der Winklerschen Schreibweise, seine „waag- und senkrechten Querbalken“ und verwies auf das Leseerlebnis, das man nach Erscheinen der neuen Texte haben wird.

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