Literaturgefluester

2013-01-18

Vergessener Superstar

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:24

Ich bin ja in einem sozialistischen Arbeiterhaushalt mit dem berühmten Bücherkasten im Wohn-Schlafzimmer, etwa dreihundert meist Büchergilde Gutenberg Bücher, aufgewachsen, war der Vater doch dort Funktionär und hat die Bücher und die Kataloge nach Hause gebracht, von denen ich immer noch einen Stapel herausgerissener Seiten in Harland liegen haben, der Name Rudolf Brunngraber und sein charakteristisches Foto tauchte dort immer auf. War der 1901 in einem Wiener Arbeiterhaushalt in Favoriten geborene und 1960 gestorbene Rudolf Brunngraber, der vergessene Superstar, der inzwischen von Milena, wie auch andere, wieder aufgelegt wird (Ich finde es sehr schade, daß der Wiener Frauenverlag Männer verlegt) wurde, doch in der Zwischenkriegszeit und auch bei den Nazis ein Bestsellerautor, der dann bis in die Sechzigerjahre die Bibliotheken füllte und zum Beispiel über die Büchergilde Gutenberg sehr viel gelesen wurde, bevor er von der Bildfläche verschwand.
Mir war sein „Zucker aus Cuba“, noch bevor Ruth Aspöck das Buch in ihrer „Edition die Donau hinunter“ wiederauflegte, ein Begriff, befand es sich doch im Bücherkasten und dann noch „Radium“ und „Heroin“ und dieser Bücherkasten hatte für mich wahrscheinlich ab meiner Studentenzeit eine große Anziehungskraft und in den vorhandenen Katalogseiten habe ich auch immer wieder geblättert.
Die Valerie vom Arbeitskreis schreibender Frau, die Witwe Wilhelm Szabos, hatte die Büchergilde Gutenberg Ausgabe des „Karl und das zwanzigste Jahrhundert“ und mir das Buch einmal geborgt. Ich habe es ihr zurückgegeben, so daß es mir der Alfred, da es damals vergriffen war, 2009 antiquarisch kaufte, als ich es für meine „Sophie Hungers Studien“ nochmals lesen wollte.
Damals habe ich den Zeitungs- und Statikstikstil etwas schwierig und das Buch für eigentlich unlesbar gefunden, Milena hat es inzwischen wieder aufgelegt und noch eines, ein mir bisher unbekanntes Werk „Prozeß auf Leben und Tod“, wo es um einen historischen ungarischen Ritualmord aus dem neunzehnten Jahrhundert geht.
Ich habe die Gutenberg-Ausgabe von „Zucker aus Cuba“ vor einigen Jahren gelesen und dann noch „Heroin“ einen sogenannten Rohstoffdokumentarroman über den ich das gleiche aussagen würde, wie über den „Karl“. „Radium“ noch nicht, das muß noch auf meine Leseliste, hat Klaus Kastberger das Buch ja sehr gelobt, als am Donnerstag in der Reihe „Autorenlexikon“, der vergessene Superstar und die zwei neu erschienenen Bücher in der Gesellschaft für Literatur vorgestellt wurden.
Erika Brunngraber, die Brunngraber Tochter, die ich auf unserer Donauradkarawane 2007 kennengelernt habe, war nicht da und auch nicht Ruth Aspöck, die sich in ihrem Verlag sehr für Brunngraber eingesetzt hat und, glaube ich, auch einmal im Literaturhaus über den vergessenen Dichter referiert hat und viel von ihm weiß.
Jetzt haben Klaus Kastberger, der Kritiker vom österreichischen Literaturarchiv und Peter Zimmermann vom Ex Libris referiert, beziehungsweise die beiden Bücher vorgestellt, Manfred Müller hat eingeleitet.
„Karl und das zwanzigste Jahrhundert“, 1933 geschrieben, ist das Buch mit dem Rudolf Brunngraber berühmt wurde. Ein Dokumentarroman, verknüpft er ja das Schicksal Karl Lakners mit der Philosophie von Otto Neurath.
Von den Nazis und den Austrofaschisten wurde das Buch verboten, trotzdem ist es Brunngraber gelungen mit seinen späteren Romanen „Radium“ und „Opiumkrieg“ die Aufmerksamkeit Goebbels zu erlangen, erzählte Klaus Kastberger und meinte, daß er sich durch Anekdoten über die Pistole des Sekretärs, die er während der Audienz, die ganze Zeit angeschaut hatte, durch den Krieg laviert hätte und später trotz der großen Auflagenhöhe, nahtlos als Schriftsteller der Sozialdemokraten angeschlossen hätte.
Da gab es auch den Film zur Wiedergutmachung mit Josef Meinrad „1. April 2000“, wo Brunngraber mit Jörg Mauthe das Drehbuch geschrieben hat und der Film „Der Prozeß“, über den ungarischen Rutualmord, gemeinsam mit G.W. Papst, aus dem dann der Roman wurde oder umgekehrt, hatte offenbar einen ähnlichen Zweck. Klaus Kastberger witzelte darüber, daß in dem Buch Österreich nicht vorkam bzw. durch Nichtanwesenheit rein gewaschen wurde, denn schuld waren nur die Deutschen, etc., Brunngraber hatte auch Ambitionen sozialistischer Kulturminister zu werden, dürfte aber ein Alkoholproblem gehabt haben und in einer Doppelbeziehung gelebt haben, wie Klaus Kastberger andeutete.
Den Film „1 April“ lobte er ebenfalls sehr und riet allen ihn sich anzuschauen. Ich habe, als vor ein paar Jahren die Buchhandlung Kolisch zugesperrt wurde und man sich dort ein paar Bücher nehmen konnte, das Filmdrehbuch (und das erste Buch der Melinda Nadj Abonji) und auch den Film gesehen und mir jetzt, wie schon erwähnt vorgenommen „Radium“ das dritte Buch im Bücherkasten meiner Eltern zu lesen.
Klaus Kastberger erwähnte noch etwas von einer Pension der Fünfzigerjahre am Weissensee, wo Brunngraber offenbar mit seiner Freundin Urlaub machte und sich dort mit den Sozialdemokraten traf, daß es den Nachlaß im Literaturhaus in der Seidengasse gäbe und forderte die Verlagsfrauen auf, „Radium“ zu verlegen. Warum nicht dieses Buch?, fragte er. Wenn man auf den eher spärlichen Wikipediaeintrag geht, findet man noch ein paar andere Brunngraber-Bücher und ich halte auch immer in den Bücherkästen nach verborgenen Schätzen Ausschau.
Brunngrabers Biografie scheint, wahrscheinlich wegen seiner großen Auflagenhöhe in der NS-Zeit auch etwas umstritten zu sein. Jedenfalls kann ich mich erinnern, als ich in der Wien Bibliothek war, als es um den neuen Kanon der Zwanzigerjahre ging, wo auch Brunngraber und der „Karl“ vorgestellt wurde, Dieter Bandhauer sagen gehört zu haben, daß es in seiner elterlichen Bibliothek auch einige Brunngraber Bücher gegeben hätte, um die er aber einen Bogen machte.
eine Frau im Publikum verglich Brunngrabers „Karl“ mit Döblins „Alexanderplatz, Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Doderers „Strudlhofstiege“ und Brochs „Die Schlafwandler“.
Für so hochliterarisch würde ich Brunngraber gar nicht halten, es scheint aber einen Briefwechsel Broch-Brunngraber zu geben und war auf jeden Fall ein sehr spannender Abend, von dem zuerst gar nicht sicher war, ob ich hingehen konnte und eine große Konkurrenz mit vielen interessanten Veranstaltungen gab es am Donnerstag auch.

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