Literaturgefluester

2013-01-20

Andere Wege

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:28

H. G. Adlers gesammelte Werke, zum hundertsten Geburtstag herausgegeben von der Edition Milo im Drava Verlag für die Helmuth A. Niederle, den ich von der Gesellschaft für Literatur kenne, habe ich vor zwei Jahren auch durch die Poetry Fix Gewinnspiele bekommen.
Ein sehr umfangreiches Buch über eintausendeinhundert Seiten und eintausendeinhundert Gedichte des, wie er es 1981 selber nannte, deutschen Schriftstellers jüdischer Nation, der aus der Tscheoslowakei kommt, dem österreichischen Kulturkreis angehört und loyaler britischer Staatsbürger ist.
H. G. oder Hans Günther Adler wurde 1910 in Prag geworden und gilt, wie ich dem Klappentext entnehme als großer Lyriker des zwanzigsten Jahrhunders. Ich muß gleich gestehen, ich habe noch nie etwas von ihm gehört und auch sein Werk über das KZ Theresienstadt, das als Standardwerk gilt, ist mir bisher entgangen, obwohl ich mich ja sehr dafür interessiere, das Filmfragment einmal im Filmmuseum auch auf You Tube gesehen habe.
Ein ganz besonderes Gustostückerl also, das ich da neben den mir eher unbekannten ost und westdeutschen Gegenwartslyrikern, die ich sonst bekommen habe, gewonnen habe.
Das Buch ist von Katrin Kohl und Franz Hocheneder unter Mitwirkung des Sohnes Jeremy Adler herausgegeben worden, H.C. Adler ist 1988 in London gestorben, hat ein Nachwort von Michael Krüger „Leb wohl, verlorene Welt, leb wohl“ und einen umfangreichen Anhang mit Erklärungen von Kathrin Kohl mit einem Lebenslauf des Autors und ist in neun Abteilungen gegliedert, die die Gedichte aus der Jugendzeit bis Gedichte aus England 1987 umfassen und das Leben des mir bisher unbekannten Adlers ist mehr als interessant, studierte er doch von 1930 bis 1935 an der deutschen Universität in Prag Musik Kunst Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie, war als Lehrer, Sekretär und am tschecholowakischen Rundfunk für Sendungen in deutscher Sprache tätig. Ab August 1941 war er in einem Zwangsarbeiterlager interniert, kam dann nach Theresienstadt, Auschwitz, Buchenwald etc und wurde 1945 befreit. Seine Familie, Frau und Eltern sind in den Lagern umgekommen, um sich von dem Sturmbandführer Hans Günther zu distanzieren, nannte er sich nur mehr H.G. Nach dem Krieg kehrte er nach Prag zurück, hatte dort als Deutschsprachiger Schwierigkeiten, so daß er 1947 nach England emigrierte, dort wieder heiratete, sein Buch „Theresienstadt 1941-1945, etliche Romane und auch seine Gedichte weiterschrieb, von denen viele bisher unveröffentlicht waren.
Interessant ist auch, daß sich Oleg Jurjew, von dem ich ja auch ein Buch gewonnen habe, mit dem Roman „Panorama“ beschäftigt hat. Eine Prosaarbeit „Unser Georg und andere Geschichten“ ist 1961 bei Bergland herausgekommen, ein Buch das ich gerne finden würde. Verschiedene Preise, wie das österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst hat er 1985 auch bekommen und so habe ich mich sehr interessiert durch die tausendeinhundert Gedichte gelesen, die, wie erwähnt mit den „Gedichten aus der Jugendzeit 1927 bis 1932“ beginnen, wo das „Sommerspiel im Böhmerwald“ „Ein Fräulein singt am Bach, der Herr Doktor liegt auf der Wiese und liest Die Mutter ruft „Daß ihr net obi fall!“ und „Die Sage von Dörrstein“, geschrieben im Juli 1930 besonders beeindruckend waren. Der „Abschied“ ist Franz Weiss, ermordet in Auschwitz 1943 gewidmet, die Abteilung endet mit „Kurzen Sprüchen“ und geht in die „Frühen Gedichte“ von 1934-1940 weiter, die trotz Kriegsbeginn teilweise immer noch sehr idyllisch sind, dann aber vom „Schicksal und Gesetz“ „Machthabern“ und „Volk in Unterjochung“ erzählen.
„Der Zwingsherr hat große Gewalt, Doch er vermag nichts. Der Volk hat große Möglichkeit, Aber es hat nicht Gewalt. – Es wechselt der Zwingherr. Unglückliches Volk!“
Das Gedicht „Gehäuse“ ist Elias Canetti gewidmet, „In dieser Zeit“ F. H. Fuchs zum Gedenken, „der 1942 in Lodsch verhungerte“, die letzten Gedichte widmen sich dem Kriegsbeginn 1939.
Dann geht es weiter mit Theresienstadt 1942-1944, wo auch der „Thersienstädter Bilderbogen 1942“, meist auf der Schreibmaschine geschrieben und später immer wieder umgearbeitet entstanden ist. Im Anhang kann man genau über die Entstehungsweise der Gedichte lesen, wo zuerst in fast Rilkescher Manier die Lagerimpressionen wiedergegeben werden, wie „Totenfeier Dann werden die Särge stolpernd getragen Hinunter die hallenden Stufen zur Nacht Dort harrt ungeduldig der Lieferwagen, Es werden Ölfunzeln gebracht.“, bis zu „Vorfrühling“, das den Nachsatz hat „Als ich am 9. 3. 1943 den ersten Amselschlag im Jahre hörte.“
Der Frau Geraldine oder Gertrud, die in Auschwitz umgekommen ist werden mehrere Gesänge gewidmet, es gibt einen Jahreszeitenzyklus und zwölf Bilder „Der Mensch und sein Tag“, die er für den gleichfalls internierten Komponisten Viktor Ullmann geschrieben hat und natürlich viele Fragen, Verstörungen und Bewältigungsversuche, die beispielsweise so ausgedrückt werden „oft fühl ich Ängste jagen Durch den verwirrten Sinn, So viel hab ich zu tragen, Da ich ein Wanderer bin.“
Dann kommen die Nachkriegsgedichte zwischen 1945 und 1946 geschrieben, wo er auch seine zweite Frau Bettina kennenlernt und die England-Gedichte, die in mehrere zeitliche Abteilungen gegliedert sind, bis 1987 gehen. Siebenhundert Seiten Gedichte nach dem Holocaust. H. G. Adler zeigt, daß das man das kann, tut es in seiner Sprachen, seinen Anklagen, Elegien und Balladen, bezieht sich natürlich immer wieder auf das grauenvoll Erlebte, beispielsweise in „Auferstehung“: „Noch einmal sei es gesagt, Was aus dem Meer des Schweigens Seine Leidenschaft zum Tage wirft: Flammen des Bösen! Gewalten von gestern! Doch gestern ist nicht mehr, Gestern ist Wahn, ist nicht zu glauben, Gestern – ein Mördern der Seelen.“
Widmet seine Gedichte Rudolf Felmyer, Hermann Broch oder Venezia Canetti, „Grüsse“ sind Günther Eich“, „Kieselstern“: „Hart das Lich gestreut Auf die Hand, Ein trüber begehrlicher Schatten Wedelt den Fuchsschwanz“, dessen Sohn Clemens Eich gewidmet und schreibt so viel, daß ich gar nicht auf alles eingehen kann. So nur ein paar Beispiele, bzw die Heinrich Böll gewidmeten Gedichte „An die Vergangenheit“, „Aufblick im Alter“ und Eingewöhnung“, der ja auch schon ein fast vergessener Literaturnobelpreisträger ist
Später wird es auch moderner. In den neun-Gesängen aus den Englandgedichten 1970-1979 geht es um die Umweltverschmutzung, die Parade am 1. Mai, es wird auch mal „gerockt und angerichtet wird mit „Badesalz und Sonnenöl.“ Und während Jandl „Laut und Luise“ reimte, gibt es bei Adler in den späten Englandgedichten „Laut und Leise“ und „Tschechische Erinnerungen“ gibt es, Eva Mikulasova gewidmet, übersetzt von Eva Adler, gleich zweisprachig, deutsch und tschechisch, war Adler ja ein deutschsprachiger Dichter. Dann geht es in diesem umfangreichen Gedichtkonvolut langsam zu den „Letzten Gedichten“, die mit „Heimkehr verwürfelter Welt“ ausklingen. Im Buch geht es dann zurück, nämlich zu den Abbildungen, wo man unter anderen Adlers Hochzeitsfoto Prag 30. 10. 1941 die Ärztin Gertrud Klepetar und H. G. Adler mit Judenensternen sehen kann.
Helmuth A. Niederle ist für die Herausgabe einer mir sonst vielleicht unbekannten großen Stimme, die einen Teil der Gewalt des vorigen Jahrhunderts hautnah erlebte, sehr zu danken, wie ich mich auch noch einmal bei Julietta Fix für den Gewinn und ihre Gewinnspiele, die sie mir einige Jahre so getreulich schickte, bedanken will, die „Anderen Wege“ sehr empfehle und gerne auch die „Theresienstädter Studien“ lesen würde.

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