Literaturgefluester

2013-01-23

Schwere Flügel

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:57

Jetzt kommt ein kleiner China-Schwerpunkt, gab es doch im September 2011 eine kleine Diskussion mit Ju Sophie und Sara Wipauer über Dai Sijie „Balzak und die kleine chinesische Schneiderin“, das Buch, das 2010 von der Stadt Wien vergeben wurde und zu dem ich irgendwie keinen Zugang hatte.
Wahrscheinlich hätte ich mehr politische Diskussion erwartet und war durch die Liebesannäherungen und die Lektüre der beiden chinesischen Umerziehlinge ein wenig verwirrt. Zum Glück gibts aber manchmal „Chinesisches“ in den Bücherkästen, so habe ich „Selbstkritik“ an mir geübt, daß mir die chinesische Literatur fremd erscheint und die Bücher flugs auf die Leseliste gesetzt. Allerdings ist es erst die von 2013 geworden.
„China Geheim“ habe ich aber schon 2012 gelesen und 2010 gab es auch schon mal etwas Modernes.
Jetzt also hinein in Zhang Jies „Schwere Flügel“ und wenn einem die chinesische Literatur fremd erscheint und man sich in ihr nicht gut auskennt, liest man zuerst natürlich den Klappentext und da steht etwas, daß „Schwere Flügel“ das erste größere Prosawerk der chinesischen Gegenwartsliteratur über die Zeit nach dem Sturz der „Viererbande“ ist, das in einer Übersetzung erscheint.“
Das Buch ist 1985 bei Hanser erschienen und Zhang Jie wurde 1938 in Liaoning geboren und arbeitete nach dem Studium der Volkswirtschaft im Industrie-Ministerium in Peking.
„Schwere Flügel“ löste im Herbst 1981 heftige Kontroversen aus und brachte die Autorin in Schwierigkeiten.
Heute gilt der Roman als Höhepunkt der „Reformliteratur“, steht weiter im Klappentext und Wikipedia kann entnehmen, daß sie 1985 Teilnehmerin des Berliner Horizonte-Festivals war und 1987 einen sechsmonatigen Wien-Schreibeaufenthalt hatte und anschließend viel durch Europa reiste, deshalb gibt es in dem Buch auch eine Stelle, wo wegen eines Auftrags im Schwerindustrieministerium ein Anruf aus Österreich kommt.
Dem Buch ist, offenbar finden auch andere, die chinesische Literatur fremd und mit den Namen gibt es wahrscheinlich auch Schwierigkeiten, dankeswerter Weise ein Blatt beigelegt, das, wie es Prospekt aussieht, aber die auftretenden Personen in alphabetischer Reihenfolge enthält und Anmerkungen zum Roman gibt es im Anhang auch.
Im Klappentext wird noch angeführt, daß die Szenerie von „Schwere Flügel“ eher „schäbig“ sei „winzige Wohnungen in schlecht gebauten Neubauviertel, die schon kurz nach dem Bezug so aussehen, als seien sie seit Jahrzehnten bewohnt oder nie renoviert worden.“
Vielleicht ist es das, was mich von dem Buch eingenommen hat, Daj Sijies mir schwer verständliche Poesie fällt weg und es beginnt sehr „modern“, wenn auch ein wenig verwirrend, da ich mich in der chinesischen Politik der Mao Zeit, der Kulturrevolution und der „Viererbanden“ ja nicht wirklich auskenne, aber wenn man davon absieht, behandelt es eigentlich dieselben Themen.
So beginnt es in der Wohnung der Journalistin Ye Zhiqui, die ist „alt und häßlich“ und hat einen Adoptivsohn, dessen Eltern bei der Kulturrevolution umkamen, er wurde auch als Dieb gebrandtmarkt und eingesperrt, jetzt kocht er für sie und sie ermutigt ihn, seine französischen Bücher weiterzulesen. Er hat einen französischen Victor Hugo nach Ende der Kulturrevolution zurückbekommen. Das ist auch die Parallele zu Daj Siejie.
Der Sohn ist sehr kritisch und erzählt von dem Paar das über ihnen wohnt, die Frau ist Friseuse, der Mann schlägt sie und es gibt auch oft Streit.
Im zweiten Kapitel sind wir im Salon der „Frisiermeisterin“ Liu Yuying, die ist erschöpft, denn es ist ein großer Andrang, ein Hochzeitspärchen will sich die Zöpfe abschneiden lassen und die Frau des ersten Vizeministers des Schwerindustrieminieriums kommt auch zu ihr.
Die scheint seltsamerweise ein ziemliches Luxusgeschöpf zu sein, hat ein Dienstmädchen und einen Posten, wo sie nie hingegen muß, ist auf ihren Mann eifersüchtig und will ihre Tochter Zheng Yuanyuan mit den besten Kadern verheiraten.
Dann geht es ins Schwermetallministerium, das hat einen Minister, drei Vizeminister und eine Reihe von Abteilungs- und Unterabteilungsleiter, sämtliche Kader und natürlich auch jede Menge von Intrigen.
Der erste Vizeminister Zheng Ziyun scheint ein aufrechter Mann zu sein, schon ziemlich alt, sehr belesen, der sich eigentlich auch mehr für Literatur interessiert, sich aber wegen seiner schlechten Ehe in die Arbeit verkriecht, dann gibt es noch He Ting, eine Unterabteilungsleiterin, die einen Posten für ihre Tochter sucht, Karriere machen will und die Kunst der Intrigen gut versteht und He Jabin einen Sachbearbeiter, der mit Ye Zinqui befreundet ist, kritische Fragen stellt, trotzdem Parteimitglied werden will und auch Wan Qun, eine alleinerziehende Mutter, deren Mann bei der Konterrevolution ums Leben gekommen ist, unterstützt.
Die Shunguang-Automobilwerke spielen auch eine große Rolle, sie sind dem Ministerium unterstellt und der neue Direktor versucht mit A dem Bau einer Wohnanlage die Motivation der Arbeiter zu steigern. Er führt auch neue Regeln ein, so zum Beispiel, daß man einen Yuan zahlen muß, wenn man auf den Boden spukt, was zwar alle tun. Zu Silvester feiert ein Teil seiner Arbeit in einem Restaurant bei einem guten Essen und lernen dabei vizeminister Zheng Ziyun kennen, der sich um die Silvesterfeier bei seiner Frau drückt und stattdessen mit einem Maler, der ihm ein Bild schenkte, essen geht.
Tochter Yuanyuan freundet sich mit dem Adoptivsohn der Journalistin an, läßt sich von ihm küssen und macht, weil sie Bildreporterin, darüber Fotos, die ihre Mutter zur Verzweiflung bringen. Sie verläßt darauf die Wohnung, zieht zu Mo Zheng und Ye Zhiqu und am Ende, das Buch spielt im Jahr 1980 von Silvester zu Silvester, will Zheng Ziyun, sie besuchen und erleidet dabei einen Schwächeanfall, was seinen Vorgesetzten, den Minister, sehr erleichtert, denn Zheng Ziyun hat zuvor einige Mißstände aufgedeckt und ihn daher fast zu Fall gebracht.
Ein sehr interessantes Buch, das mir in seiner Realistik sehr gefallen hat, wenn ich auch nicht alles verstanden habe und mich, wie beschrieben weder in der Literatur noch in der Politik Chinas sehr auskenne.
Wir haben aber inzwischen einen chinesischen Nobelpreisträger, der glaube ich, wegen seiner Regietreuheit sehr umstritten ist und einen eher kritischen Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels bekommen, von denen man vielleicht auch etwas lesen sollte und Sara Wipauer und Cornelia Travnicek, die ja Sinologie studierten, berichten auf ihren Blogs auch immer wieder über chinesische Literatur und Gastland war China 2009 in Frankfurt auch.

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