Literaturgefluester

2013-01-26

Das gesprengte Grab

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:45

Weiter geht es mit den Erzählungen aus China, ist da nämlich eine DDR-Ausgabe von 1989, Verlag Neues Leben, Berlin, „Das gesprengte Grab“, herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ernst Schwarz zu mir gekommen.
Und passt auch ganz gut zur Lektüre von Zhang Jies „Schwere Flügel“, setzen die sechs ausgewählten Geschichten ja bei der Kulturrevolution an und Ernst Schwarz erzählt in seinem Nachwort auch ein bißchen über die chinesische Literatur nach 1942, wo Mao mit einer Rede einen „Markstein für die neue Literatur setzte“ und sie von der bisherigen „gestelzten Intellektuellensprache“ sehr absetzte.
Zhang Jie kommt in Schwarz Literaturgeschichte nicht vor und Ernst Schwarz ist auch besonders interessant, habe ich beim Googlen, im Buch gibt es keine biografische Angaben über ihn, herausgefunden, daß er ein 1916 in Wien geborener Österreicher ist, der Ägyptologie und Medizin studierte. Nach dem Anschluß mit seinem Bruder nach Shanghai gehen mußte, dort im Selbststudium Chinesisch lernte und 1960 in die DDR kam. Dort war er Lektor an der ostasiatischen Abteilung des Humboldt Instituts. 1993 kam er nach Wien zurück, wo sich seine Tätigkeit für die Stasi herausstellte, 2003 ist er im Waldviertel gestorben. Außer dem „Gesprengten Grab“ hat noch viele andere Anthologien und Übersetzungen herausgegeben und 1992 die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold erhalten.
Interessant, interessant, hätte ich den Herausgeber doch eher für einen Verlagsmitarbeiter gehalten.
Ernst Schwarz hat sechs Autoren für seine „Erzählungen aus China“ ausgewählt, die erste „Die Witwe“ stammt von dem 1934 in Hangzhou geborenen Zhang Xian, über dem ich im Internet nichts finden konnte und die Geschichte ist ein Brief einer Witwe an ihren offenbar bei der Kulturrevolution umgekommenen Mann Weiming. Inzwischen sind die beiden Kinder erwachsen geworden, heiraten oder studieren, Weiming wurde rehabilitiert, seine Witwe ist zur Frau Direktor und in Amt und Würden bestellt worden. Nur rührt sich jetzt der Liebestrieb und sie will nicht eine jener alten Witwen werden, „die jeden Abend einen Sack Münzen verschütten und ihn wieder aufsammeln, um in Ruhe schlafen zu können.“ Sie hat sich in den Postboten verliebt, der ihr solange und getreulich die Zeitungen brachte. Sie möchte ihn auch heiraten, aber das geht doch nicht, daß sie die Ehre des rehabilitierten Genossen damit schändet, seine Mutter hält auch nichts davon und die Kinder drohen ihr, dann nicht mehr mit ihr zu reden.
Auch über den 1957 ebenfalls in Hangzhou geborenen Li Hangyu von dem die Titelgeschichte stammt, konnte ich im Internet nichts finden und seine Geschichte handelt von einem Grabraub. Das Grab von Shen Futai, einem ehemaligen Kaptialisten, der es mit den jüngsten Mädchen trieb, soll von Studenten zur „Beseitigung der vier alten Übel“ gesprengt werden. Da schaltet sichder „Knoblauchbruder“ Asan, der alter Grabräuber ein, verbindet sich mit den Bootsleuten, die vom Fäkalien beseitigen leben, sie mieten sich ein Boot, gehen noch einmal in den ehemaligen Hof des Kapitalisten, der jetzt eine Kontaktstation der roten Garden ist, Mittagessen, dann machen sie sich zum Grab auf, offenbar wurden den chinesischen Gräber große Schätze beigegeben, die sie nicht den Studenten überlassen wollen. Das Ganze wird sehr interessant, spannend und witzig erzählt und am Ende finden sie natürlich nichts.
Von dem 1928 geborenen und 2005 verstorbenen Lu Wenfu findet sich etwas in Wikepedia und sein „Brunnen“ ist eine erstaunlich aktuell und berührend klingende Geschichte einer Frau die zwischen Reaktion und Revolution zerreiben wird und schließlich trotz aller Emanzipation und Tüchtigkeit ins Wasser gehen muß, weil der Klatsch und die Intrigen sie nicht hochkommen lassen. So heißt das erste Kaptiel auch „Aktuelles aus der Zentralestelle für Neuigkeiten“ und das ist ein Brunnen in der Dong-Huija-Gasse zu deren die Frauen und Mädchen Wasserholen kommen, weil die Häuser noch nicht an die Leitungen angeschlossen sind. Sie tauschen sich über alle Neuigkeiten aus und da gibt es das Haus von Zhu Sheng, der eigentlich aus einer Gelehrtenfamilie kommt, aber das Kunststück zusammenbringt nach der Revolution als arm und aus der Arbeiter eingestuft zu werden. Jetzt sucht er eine Frau, die sowohl schön und gebildet ist, als sich auch als billige Sklavin verwenden läßt und die ist Xu Lisha. Hochschulabsolventin aber aus der Bourgeoisie stammend, so bekommt sie nur einen untergeordneten Posten in einer kleinen Fabrik im Bezirk und muß dort, weil der Leiter sie abhärten will, die Flaschen waschen. Da nimmt Sekretär Zhu Sheng sich ihrer an, verschafft ihr eine bessere Stelle, einen guten Sessel und eine Kochplatte, weil zur Zeit des „großen Sprunges“ Hungersnot in China herrschte und macht ihr von seiner Mutter unterstützt, einen Heiratsantrag, weil man bei „der Liebe zu einem Fräulein so vorgehen soll, wie man Tauben zu füttern pflegt. Zuerst locken und dann im richtigen Moment zupacken und den Hals umdrehen.“
So wartet zuerst ein schönes Vorstellungsessen, dann soll Xu Lisha, ihren Lohn abgeben, für die Mutter einkaufen, kochen, etc, sie wehrt sich mit allen Kräften trotz aller Ratschläge, der Frauen von der „Zentralstelle“ und bekommt einen Prügel nach dem anderen vor die Füße geworfen. Schafft es trotzdem sich hochzuarbeiten, ein Medikament zu entwickeln, soll auch ins Ausland fahren, etc. Da kommen dann wieder der Ehemann, die Intrigen und die alte chinesische Moral ins Spiel und am Schluß landet Xu Lisha im Brunnen und die Zentralstelle für Nachrichten wird verlegt.
Die 1953 geborene Rgisseurin Wang Zhebin, die offenbar auch bei der Verfilmung von „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ mitgewirkt hat, erzählt in „Die Wahrheit über einen Liebesbrief“ über die Aufregung die ein Liebesbrief bei einer Bergbaubrigade auslöst, er soll kritisiert werden. Am Schluß stellt sich heraus, daß Marx selbst ihn geschrieben hat.
Der 1934 in Beijing geborene Wang Meng war Kulturminister, hat ein paar berühmte Romane geschrieben und ist auch 2009 in Frankfurt aufgetreten. In „Spiel der Verwandlungen“ erzählt er die Geschichte einer Gutsherrenfamilie nach 1949. Der Vater Ni Wucheng war Schuldirketor und jongliert sich dann bis zu seinem Tod als eine Art chinesischer Don Quijotte oder Bockerer durch die Kulturrevolutionen. Zitiert immer Marx und Engels und will alles revolutionieren, nur stellt er sich schrecklich ungeschickt dabei an und will auch ständig in den Restaurants essen, was als verboten oder unschicklich galt. Die Großmutter sagt „Euer Gnaden“ zu den Rotgardisten und muß dafür ihr schmutziges Fußwaschwasser austrinken und der Sohn der die Geschichte miterlebt, kommt auch nicht ungeschoren davon.
Feng Jicai, 1942 in Tianjin geboren, erzählt in „Abschied im Nebel“, die Geschichte von Jian Mei, der er „Fräulein“ nennt, obwohl sie verheiratet ist. Ein Schriftsteller kommt zu einem offiziellen Aufenthalt nach London, hat eine Betreuerin und einen Terminplan, nützt aber die erste Gelegenheit Jian Mei anzurufen, die er kennenlernte, als er ein vierundzwanzigjähriger Journalist und sie ein vierzehnjähriges aufstrebendes Klariertalent, Tochter eines Musikprofessor und einer berühmten Pianistin, war. Sie spielte ihm vor, erklärte selbstbewußt „Ich werde besser als meine Mutter“, er schrieb einen Artikel über sie. Dann kam die Kulturrevolution. Die Mutter nahm sich das Leben, das Klavier wurde versiegelt, nach der Reform bat der Bruder den Journalisten sie zu heiraten, damit er sie los würde. Jang Mei, die nicht mehr Klavier spielt, lehnte ab, verlobte sich mit einem Jungen, den sie in der Brigade kennenlernte, der sie aber sitzen ließ, um die Tochter eines Ministers zu heiraten, so daß sie mit einem um fünfzehn Jahre älteren Mann, den sie erst einen Monat kannte, zuerst nach Hong Kong, dann nach London kam. Jetzt lebt sie allein in China Town, ist Kellnerin, hat ihren Boß im Bett, nennt den Journalisten zynisch „mein kleiner Marx“, verspielt ihr Geld in Pferdewetten und packt einen Koffer mit Geschenken für ihre Familie, obwohl sie nur ein schäbiges Zimmer und wahrscheinlich keine eigenen Möbel hat und einen Engländer muß sie demnächst auch heiraten, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten.
Als der Aufenthalt des Schriftstellers vorüber ist verabschieden sie sich im Nebel. Am Flugplatz hört er noch, daß sie einen Autounfall hatte und in Peking denkt er daran, was alles anders geworden wäre, wenn sie dort geblieben wäre? Ja, denke ich 2013, ohne Kulturrevolution wäre sie wahrscheinlich Pianistin geworden, aber höchstwahrscheinlich frustriert, weil doch nicht an die Spitze gekommen, medikamentensüchtig, depressiv u u u, aber das hat Feng Jicai 1989 vor der Wende höchstwahrscheinlich nicht gemeint.
Ein sehr interessantes Buch von dem ich viel gelernt habe und das ich jeden nur empfehlen kann, höchstwahrscheinlich wird es aber nicht mehr zu bekommen sein, hat man ja, wie ich hörte, 1989 all die Aufbau und Neue Welt Bücher in die Erde gesteckt und verderben lassen.
Inzwischen habe ich im Bücherschrank auch ein englischsprachiges Penguin Büchlein „The chinese Literatur Szene“ mit lauter fröhlich dreinschauenden Chinesen in den blauen Mao-Anzügen Helmen und Mützen, die begeistert die kleine rote Bibel in der Hand halten, gefunden, Glück muß man haben und kann mich, wenn ich will, noch ein bißchen weiter mit der chinesischen Literatur beschäftigen. Pearl S. Buck, die ich bisher nicht erwähnte gibt es in den offenen und in den Schränken meiner Eltern auch und da kommt ja bald das „Über allem die Liebe“ daran.

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