Literaturgefluester

2013-01-28

Atomstation

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:13

Nun kommt mein Nachtrag zum Islandschwerpunkt von 2011, nämlich Halldor Laxness „Atomstation“, Band 162, der schönen rororo TB-Reihe mit dem Leinenbändchen und dem ästhetischen Titelbild, hier ein blondes Mädchen mit brauner Bluse, blauen Rock, einem Koffer und einem Blumenstrauß das in Richtung Berge geht, das ich irgendwann in den Bücherschränken gefunden habe, anläßlich der Buchmesse herauszog und auf die Leseliste setzte.
Eigentlich habe ich gedacht, es wäre schwer zu lesen, das war es dann auch irgendwie und irgendwie auch wieder nicht. Der Expressionismus des Nobelpreisträgers von 1955 ist zu erkennen, dann ist es wieder klar und einfach, der Gegensatz zwischen Stadt und Land, der unverbrauchten Natur und dem dekantenten Großstädtertum Reykjaviks. Ein Bauernmädchen kommt vom Land in die Stadt und tritt als Dienstmädchen in das Haus des Abgeordneten Bui Arland ein, der hat drei Kinder, eine Frau, die Ugla vor dem Kommunismus warnt, eine Köchin die einer amerikanischen Kirche verfallen ist, die Elektrizität im Haus und die Kinder haben ihre schönen isländischen Namen auch abgelegt, werden Dudu, Bobo und Bubu genannt und beginnen zu lachen, als Ugla ihnen erklärt, daß sie Organistin werden will.
Ugla wird von ihnen für sehr ungebildet gehalten, sie bezeichnet sich selbst auch so, war sie ja nur auf einer Haushaltsschule, sie benimmt sich aber äußerst selbstbewußt, sucht das Haus eines Organisten auf, wo sie auch einige interessante Bekanntschaften macht. Die Brotverkäuferin führt sie in eine kommunistische Zelle ein und verkauft ihr Lose für eine „Jugenburg“, die sie dann auch ihrer Familie während des Mittagessen anbietet, die beginnt ein zweites Mal zu lachen, die Frau zerreißt die Lose, der Abgeordnete gibt ihr das Geld dafür, hundert statt der erforderlichen fünfzig Kronen, da fragt Ugla ihn, ob sie ihm noch einmal Lose bringen soll?.
Der ältesteste Sohn wird am Abend betrunken von der Polizei nach Hause gebracht und in den Gang gelegt, der jüngere stiehlt Marder und die Tochter, von Ugla „Apfelblut“ genannt, wird zu Silvester schwanger, da ist die Mutter schon in Amerika, der Vater hat Ugla die Aufsicht über die Kinder übergeben, die feiern dann wilde Partys, um die Dekadenz zu zeigen und außerdem geht es auch um den Ausverkauf des Landes, heißt das Buch ja „Atomstation“ und wurde zwischen 1946 und 1947 unter den Einfluß des Abwurfs der Atombombe geschrieben und Island war 1941 auch von den Amerikaner besetzt, die für neunundneunzig Jahre einen Stützpunkt errichten wollen, so kommen Amerikaner in das Haus des Abgeordneten, er ist der Schwager des Ministerpräsidenten und verhandeln mit diesen, die Frau sagt Ugla, sie soll sich ihnen gegenüber benehmen und nicht „Guten Tag“ zu ihnen zu sagen, obwohl die dann sehr freundlich zu ihr sind und ihr Kaugummi schenken.
Auf der Straße gibt es Kundgebungen, die gegen den Ausverkauf des Landes und gegen den Bau einer Atomstation demonstrieren.
Ugla wird ebenfalls bald schwanger und kehrt aufs Land zurück, um dort ihre Gudrun zur Welt zu bringen, kommt dann aber wieder in die Stadt, will sich zur Kinderpflegerin ausbilden lassen und steht, wie in Wikipedia steht, „vor der Wahl zwischen einem Leben mit dem reichen Abgeordneten und dem einfachen Abgedordneten von dem sie das Kind bekommen hat“
Das Buch ist manchmal etwas surrealistisch, spricht von Atomdichtern, zitiert die Edda, die isländischen Götter, wechselt von der einen in die anderen Welt und am Schluß macht es Rowohlt noch vollends surreal, steht da doch auf der letzten Seite, wir erinnern uns die Rowohlt Taschenbücher der Fünfzigerjahre, hatten Werbungen, meistens ging es um Pfandleihen, hier um Lavendlwasser, „über Atomen sollten wir nicht vergessen, daß unser Leben auch noch von anderen Dingen beeinflußt wird, z. B. von einer guten, stilvollen Körperpflege mit Mouson Lavendl.“
Halldor Laxness hat für diesen Roman den Nobelpreis bekommen und mir hat die Figur der selbstbewußten Ugla natürlich sehr gefallen, vor allem am Beginn, später wurde es mir ein wenig zu surreal, sie ist vielleicht auch ein bißchen zu selbstbewußt, nämlich mit der Brille des Dichters, gezeichnet, die echten isländischen Bauernmädchen werden bei ihren Herrschatsfamilien vielleicht nicht so aufgetreten sein und werden sich ihrer auch nicht erwehren haben können. Einen klaren Eindruck vom sagenhaften Island der Fünfzigerjahre habe ich aber trotzdem bekommen und auch einen über den von 1902 bis 1988 lebenden Dichter.

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