Literaturgefluester

2013-02-02

Sansibar oder der letzte Grund

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:04

Alfreds Andersch berühmter Roman, die Abrechung mit dem Nationalsozialismus, der auch, wie ich zufällig in dem dazu enthaltenen Begleitbuch gelesen habe, auch in deutschen Schulen gern gelesen wird, beginnt ganz einfach.
An einem Tag im Oktober 1937 sitzt ein Junge in dem kleinen ostdeutschen Fischerstädtchen Rerik in seinem Versteck, liest Huckleberry Finn, träumt, wie er in den Weiten des Missisippis verschwinden könnten und denkt an die drei Gründe aus Rerik wegzugehen. Erstens es ist nichts los, zweitens haßt er alle, seit sein Vater, offenbar ein Alkoholiker im Meer ertrunken ist, der dritte Grund fällt ihm vorerst nicht ein. Seine Mutter läßt ihn ohnehin nicht weg und sagt, er muß noch zweieinhalb Jahre beim Fischer Knudsen lernen und dann zur Marine gehen. Daß in dem Jahr und in dem Örtchen ohnehin gerade viel passiert, scheint dem Fünzehnjährigen nicht aufzufallen.
Da ist doch nämlich der Fischer Knudsen, offenbar ein ehemaliger Kommunist, aber das gibt es ohnehin nicht mehr, seit die „Anderen“ kamen, deutlicher spricht es Andersch nicht aus und der Fischer hat offenbar eine behinderte oder geistesgestörte Frau, auch das wird nicht klarer, nur über den Witz, den sie ständig allen erzählt angedeutet und soll in die Anstalt und irgendwie weiß man schon, daß dort nichts Gutes passiert. Dann gibt es noch den Pfarrer Helander mit der Beinprotese vom World War one und die Kirche mit den Türmen, in der sich die Skulptur des lesenden Klosterschülers befindet, die, weil entartete Kunst, abeholt werden soll und dann gibt es noch einen ehemaligen Kommunisten, einen der sich auch schon entfernt hat, obwohl er einstens in Leningrad an der Parteiakademie studierte und der soll sich mit Knudsen treffen, um sich zu erkundigen, ob es noch eine Parteizelle gibt und der Pfarrer will Knudsen veranlassen den „Klosterschüler“ nach Schweden zu schmuggeln. Ja und Judith gibt es auch, das ist ein katholisch getauftes Mädchen mit stark jüdischen Aussehen und einem ebensolchen Paß aus wohlhabenden Haus und die Mama hat ihr geraten, in das kleine Hafenstädtchen zu fahren, weil das romantisch ist und sie einmal dort war und zu den schwedischen Booten zu gehen und sich für Geld hinüberfahren lassen.
„Das tue ich nicht, ich lasse dich nicht allein!“, sagt Judith zur gelähmten Mutter und geht in die Küche. Als sie zurückkommt ist die Mutter tot, hat sich vergiftet und Judith packt den Koffer, fährt los, quartiert sich im „Wappen von Wismar“ ein, bestellt im Gastraum ein Wurstbrot und hat Schwierigkeiten mit dem Wirt, der ihren Paß sehen will.
Das ist eigentlich die ganze Handlung. Man könnte noch hinzufügen, daß Knudsen am Ende Judith und die Skulptur nach drüben bringt, daß der Junge, der tausendmal vorhatte, abzuhauen und nach Amerika oder besser nach Sansibar, dem Sehnsuchtsort aufzubrechen, denn das ist der letzte Grund, wieder zurückfährt um, wahrscheinlich bald ein Hitlerjunge oder Soldat zu werden und um Knudsen nicht allein zu lassen und den braucht seine Berta. Gregor ist gar nicht mitgefahren, sondern fährt mit dem Fahhrad in den unsicheren Nationalsozialismus könnte man vermuten und der Pfarrer, dessen schlecht amputiertes Bein ohnehin schon brennt und fault, nimmt die Pistole und richtet sie am nächsten Morgen auf die, die den „Klosterschüler“ abholen wollen, die erschießen ihn natürlich sofort. So hat er sich die Folter erspart, vor der er sich fürchtete, denn Gott hat ihn ohnehin schon lang alleingelassen.
Es ist eine Parabel könnte man sagen, der 1957 geschriebene Roman, des 1914 in Münchchen geborenen Alfred Andersch, der 1980 in der Schweiz starb, der in Dachau interniert und Kommunist war. Redakteur ist er auch gewesen.
Wegen der einfachen und klaren Sprache und der überschaubaren Handlung schreibt Fred Müller in den „Oldenbourger Interpretationen“, die ich mir um einen Euro wohl einmal in einer der „Buchlandungen“ kaufte, wird er oft in der Schule verwendet und erklärt auf hundert Seiten die Handlung, die Personen, die Erzählperspektiven, den Nationalsozialismus,etc. Unterrichtshilfen und ein Bild von der Barlach-Figur, die die Vorlage zum Klosterschüler stellte und der Wismarer Georgenkirche, die Andersch nach Rerik verlegte, gibt es auch.
Das Buch ist auch wirklich interessant durch seine Andeutungen, den Zweifel, die die Personen auf den hundertsiebzig Seiten haben, die immer und immer wieder sagen, daß sie nicht tun werden, was sie später ganz selbstverständlich machen, den inneren Monologen und den sechs Erzählstimmen, der Klosterschüler hat glaube ich auch eine eigene. Das Buch ist in Kapitel gegliedert und trägt die Überschriften der handelnden Personen.
Den Klassenunterschied gibt es auch und die Mißverständnisse, so gehören Judith und der Pfarrer dem Bürgertum an, Gregor ist ein kommunistischer Arbeiter und traut sich nicht Judith zu küssen, der namenlose Junge steht mit seinem Huckleberry Finn überhaupt außerhalb, der Kommunismus ist zerbrochen und die „Anderen“ sind eigentlich auch noch nicht da, zumindestens in Österreich sind sie das zu dieser Zeit noch nicht gewesen.
Interessant diese verhaltene symbolhafte Abrechnung mit dem Nationalsozialismus und ein berühmtes Buch, von dem ich immer nur in Andeutungen hörte, bis ich es, einmal auf der Wiedner Hauptstraße in einer der zwei Buchhandlungen, die es damals dort gab, um wahrscheinlich einen Euro fünfzig kaufte.
Gregor Sanders hat glaube ich einen Erzählband geschrieben, der sich auf den Roman und auf Rerik bezieht, was ich, glaube ich, einmal beim Leipziger Buchmessen Surfen hörte.
Ich habe den Roman eigentlich für schwer lesbar gehalten, aber wahrscheinlich habe ich, das passiert mir manchmal Alfred Andersch mit Günther Anders verwechselt, über den ich einmal ein Seminar hörte und ein paar ungelesene Bücher in meinen Regalen habe.
„Sansibar oder der letzte Grund“ habe ich also jetzt gelesen und mit dem stillen leisen Buch eine Entdeckung gemacht, so daß es, von dem ich gar nicht weiß, ob es noch erhältlich ist, sehr empfehlen kann. Ich habe ich Fischer TB-Ausgabe von 1960 gelesen.

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