Literaturgefluester

2013-02-04

Sag, daß Jerusalem ist

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:19

Ilana Shmuelis Buch „Über Paul Celan – Oktober 1969 – April 1970“, wie am Titelbild des 2010 wiederaufgelegten Bandes steht, habe ich 2011 von Christel Fallenstein zu meinem Geburtstag bekommen. Eine Woche nach dem Fest, am 11. November 2011 ist Ilana Shumeli gestorben, die 2009 den Theodor Kramer Preis bekommen hat und nun habe ich das Büchlein gelesen, das ein Nachwort von Matthias Fallenstein, Christel Fallensteins Mann, offenbar Literaturwissenschaftler, hat. Leider habe ich über ihn nicht sehr viel in Wikipedia gefunden und auch im Buch gibt es keine Angaben.
Ilana Shmueli wurde 1924, Paul Celan 1920 in Czernowitz geboren, die beiden haben sich seit der Kindheit gekannt, wo sie in bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen sind. Nach der Okkupation 1941 wurde Celan in ein Arbeitslager eingezogen. Seine Mutter wurde deportiert und bei einem der Todesmärsche erschossen. Celan konnte sich retten und traf sich manchmal mit der Freundin.
„Es waren verboteene, eigentlich gefährliche Zusammenkünfte, gestohlene erfüllte Stunden mit Spinoza und Nietzsche, Bücher, Rilke, Trakl, George, Karl Kraus und… Wir hörten Beethoven-Symphonien auf dem alten Grammaphon, lasen und sprachen stundenlang bei Jakob Silbermann im großen, schönen Raum, in dem es noch immer viele wunderbare Bücher und Kunstmappen gab.“
1944, bevor Czernowitz wieder von den Sowets besetzt wurde, wanderte Ilana Shmueli mit ihrer Familie nach Israel aus, begann in Palästina Musik zu studieren, wurde 1948 ins Militär eingezogen, nahm am Befreiungskrieg teil, heiratete, studierte Sozialarbeit und Kriminologie und war auf diesen Gebiet bis zur ihrer Pensionierung tätig, während Paul Celan oder Antschel, wie er noch immer hieß, nach Bukarest, nach Wien und 1948 nach Paris ging.
Er heiratete Gisele Lestrange, wurde ein berühmter Dichter, litt sehr an der Welt, seinen Traumen und verschiedenen Ungerechtigkeiten und Benachteilungen, wie unter „Claire Golls Hetzereien, die ihn des Plagiats an ihrem Mann, dem Dichter Yan Goll, bezichtigte.“
Aus diesen Grund dürfte er auch nach seinen Czernowitzer Wurzeln gesucht haben, so daß er sich mit einem Brief nach ihren Schicksalen erkundigte. Dieser Brief kam Ilana Shmueli in die Hände, so daß sie ihn 1965 nach einundzwanzig Jahren in Paris wiedertraf. Es kam zu einem Briefwechsel, beziehungsweise Gedichten, die Celan Ilana Shmueli schickte.
Anfang Oktober 1969 kam Paul Celan nach Israel, wo sich auch der Israel Zyklus „Sag, daß Jerusalem ist“, anschloß. Es gibt das Gedicht „Mandeline“ und andere 26 Gedichte, die Celan, der sich über seine Gedichte zu sprechen weigerte „Ich habe Gedichte geschrieben, was kann ich noch sagen“, an die Freundin sandte, die in dem Bändchen mit dem genauen Entstehungsdatum abgedruckt sind.
Zu Weihnachten 1969 kam Ilana Shmueli noch einmal nach Paris, der Briefwechsel wurde bis April 1970 fortgesetzt, wo er sich dann das Leben nahm. Im letzten Brief, am Sonntag den 12. April schrieb er „Ich schreibe dir diese Zeilen in Dankbarkeit, Ilana. In Dankbarkeit für dein An-mich-Denken, Dein Zu-mir-Fühlen, dein Zu-mir-Stehen. Du weißt, ich habe die Zeilen geschrieben „Was zu Dir stand/ an jedem der Ufer/ es tritt/ gemäht in ein anderes Bild“ Mach diese Zeilen unwahr Ilana. Du weiß, was meine Gedichte sind – lies sie, das spüre ich dann. Paul“
Die Eindringlichkeit berunruhigte Ilana Shmueli „Es klang mir wie Abschied. Ich fuhr nach Paris. Die Freunde suchten ihn schon.“
Mit Sechzig ist Ilana Shmueli in Frühpension gegangen, weil sie „die Klischees, den professionellen Jargon, die klinischen, psychologischen, pathologischen und psychiatrischen Definitionen im Unterreicht, die Abgrenzungen zwischen normal und anormal, die schematischen Diagnosen und Abstempelungen“ nicht mehr aushielt.
„Niemals durfte, so fühlte ich, zu einem „Fall“ werden.“
So begann sie ihr Hebräisch zu vertiefen, einen Übersetzerkurs zu machen, begann auch Paul Celans Gedichte zu übersetzen, selbst zu schreiben und schließlich, ihren Briefwechsel mit Celan und das Buch auf Hebräisch herauszugeben.
„Als „Sag, daß Jerusalem ist“, zunächst auf Hebräisch, herauskam, war ich an die 65 Jahre alt.“
Das Buch verfasste sie zur Zeit des Golfkrieges 1991, als sich Celans Witwe mit der Bitte an sie wandte, die Briefe, Gedichte, Handschriften, dem Deutschen Literaturarchiv in Marburg zu überlassen, damit nichts verloren geht.
Das Buch ist in der ersten Auflage in der Edition Isele und in der zweiten 2010 im Rimbaud Verlag erschienen und es war sehr interessant sich wiedereinmal mit Paul Celan, der ja ein sehr eifriger Briefschreiber gewesen sein muß, zu beschäftigen.
Seinen Bachmann-Briefwechsel habe ich 2009 gelesen und die „Todesfuge“, das Taschenbuch mitgenommen als ich in den Siebzigerjahren nach Hamburg gefahren bin. Ein Symposium über Paul Celans Todesfuge, habe ich im Wiener Radio Kulturhaus, ungefähr 2000 auch einmal besucht und Ilana Shumeli in Krems kennengelernt.

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