Literaturgefluester

2013-02-09

Tag und Nacht und auch im Sommer

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:00

Jetzt zu einem anderen Geschichtenerzähler, nämlich Frank Mc Courts drittes Buch aus seinem Leben, das erste habe ich ja 2011 zweisprachig gelesen und es wird vom Writers Studio auch immer als besonders gelungenes Beispiel für die amerikanische Literaturgattung des“Memoirs“ angeführt.
Der kleine irische Junge, dessen Buch über seine entbehrungsreiche irische Jugend mit der ständig gebärenden Mutter und dem trinkenden Vater, der betrunken seine Jungs auf Irland schwören läßt, ist erwachsen geworden, bzw. zuerst mit Neunzehn und einem Koffer alter Kleider und einem Band Sheakespeare noch einmal nach Amerika und nach ein paar Jahren Arbeit an den Docks Lehrer geworden.
Dann geht er in Pension, beginnt zu schreiben, denkt sich, ist das schön mein Buch im Buchladen stehen zu sehen und es wird ein Welterfolg, die Königin lädt ihn ein, der Papst und die Herzogin von York meint, er sei ihr erster Dichter. Da schreibt er natürlich weiter.
„Ein rundherum tolles Land“, Band zwei seiner Memoiren, das ich leider noch nicht im Schrank gefunden habe, dafür aber den dritten Band und der berichtet von seinen Erfahrungen als Lehrer und McCourth tut das wieder in seinen brillanten Stil, der eine Mischung zwischen Komik und Sarkasmus ist.
David Sedaris scheint mit seinen Büchern auch so etwas zu probieren.
Die Geschichte, wie da einer schreibt, wie er mit den von seiner Mutter beim Antiquar heruntergehandelten Kleidern, die immer den Traum von einem schönen Leben in Amerika hatte und den „noch unerfüllt träumen würde, wenn sie nicht gestorben wäre“, nach Amerika kommt, bzw. beginnt es nach der Einleitung mit dem Tag, wie er das erste Mal in einer Klasse steht, in einer Schule mit Kindern von italienischen oder irischen Einwanderern, in den Fünfzigerjahren, die später die Handwerker oder Sekretärinnen Amerikas werden dürften und fast entlassen worden wäre, weil er das Jausenbrot eines Schülers ißt.
„Hey Mister, nicht um neun vor den Schülern Mittagessen, das senkt die Schulmoral!“.
Es war aber ganz anders, das Brot wurde durch den Raum geworfen, es wäre zu einer Keilerei gekommen, hätte sich Frankie nicht mit dieser Einlage eingemischt und die Aufmerksamkeit der Schüler auf sich gezogen und so geht es weiter. Der irische Einwanderer, der selber Jahre am Hafen gearbeitet hat „Hey Mister, haben Sie schon mal was gearbeitet!“ und wegen seines irischen Akzents fast keine Anstellung bekommen hätte, behauptet locker, er hätte in seinem dreißig Jahren Lehrerleben mit seinen ca zwölftausend Schülern nichts anderes getan, als ihnen die Geschichte seiner Kindheit und von Irland zu erzählen.
„Angelas Ashes!“, war da noch nicht geschrieben. Er erzählte es vorher offenbar seinen Schülern und schrieb das Jahrzehnte später nochmals auf, wiederholt „Angelas Ashes“, vor dem Lehrerpult und lehrt den Schülern die Grammatik in dem er sie rätseln läßt, was passiert, wenn „John in einen Laden geht“.
Die amerikanischen Schüler der Fünfzigerjahre waren offenbar genauso keine Waserln, wie die irischen Kinder in McCourths Schulzeit von ihren Lehrern geprügelt wurden. Sie schrieben sich ihre Entschuldigungen selbst. McCourth hat schon einen ganzen Stapel auf seinem Schreibtisch. Da fällt ihm auf, daß die Entschuldigungen viel phantasievoller sind, als das, was die Schüler sonst so schreiben. So kommt ihm die Idee, sie Entschuldigungsbriefe schreiben zu lassen „Eva an Adam“ beispiesweise. Hitler kann man nicht entschuldigen, aber sonst geht viel. Das macht Spaß, aber leider kommt gerade die Inspektion in die Klase. Frankie glaubt schon, er würde gefeuert, aber der Inspektor sagt ihm nur „Wir brauchen Lehrer, wie Sie!“.
Etwas was für die Fünfzigerjahre im Mc Carthy Amerika ganz schön unglaublich klingt und man sich sowas in den heutigen Schlulen wahrscheinlich vergeblich wünscht und so geht es weiter in dem typischen McCourth-Charme.
Vorher kommt noch die Geschichte von dem Professor, der den Studenten vorschwafelte, was sie als Lehrer alles theoretisch beachten müßen, aber nie in einer Schule stand. Ein Studentin fragt ihn das und geht dann nicht nur mit dem Professor, sondern auch mit sämtlichen Studenten ins Bett, um den Professor nachher brühwarm von ihrem Verhalten zu erzählen.
Auch recht unglaubhaft in Zeiten, wo die Lehramtskanditaten unterschreiben mußten, daß sie niemals Kommunisten waren und das auch nicht werden würden, aber Frank McCourth ist ein begnadeter Erzähler und schafft es offenbar nicht nur seinen Schülern die richtige Mischung zwischen Grammatik und Psychologie beizubringen.
Im zweiten Teil der Erinnerungen wirds dann depressiver, McCourth verläßt die High school, um Lehrbeauftragter für Literatur und kreatives Schreiben zu werden, seine Schüler sind Feuerwehrleute, die hart arbeiten und statt Englisch zu lernen oder eine Facharbeit zu schreiben, von der sie gar nicht wissen, was das ist, lieber zu einem Footballspiel gehen, so probiert er es an einer Modeschule, unterrichtet neundundzwanzig frühreife schwarze Mädchen mit großen Klappen, die nur über Sex reden und zwei puertoricanische Jungs, die sich vor ihnen fürchten, Küchengehilfen soll er englische Worte beibringen und er hat auch eine Frau, namens Alberta, die unzufrieden mit ihm ist, ihm zuerst zu einem Analytiker und ihn dann zum Schreiben einer Doktorarbeit nach Dublin in das berühmte Trinity College schickt, woran der Protestant jämmerlich scheitert und einige so gar nicht ethisch korrekte Sachen über sich erzählt.
Dann geht er an eine der Eliteschulen des Landes, dort, wo die späteren Nobel- oder Pulitzerpreisträger herkommen und bringt den Schülern, obwohl er das nicht gelernt und auch keine Ahnung von Satzdiagrammen hat, das kreative Schreiben bei, das heißt, er läßt sich von ihnen zuerst trösten, weil sie nichts über das Elend der französischen Revolution hören haben wollen, weil sie schon mit der Überforderung ihrer koreanischen oder schwarzen Eltern, denen es gelungen ist, ihren Kindern die Aufnahmsprüfung zu ermöglichen, zu tun haben. Läßt sie Kochrezepte vorlesen, veranstaltet mit ihnen ein Picknick auf der Straße und bringt ihnen das Gedichtelesen und wahrscheinlich auch das Schreiben auf höchst ungewöhnliche und unterhaltsame Art und Weise bei, bis eben seit letzter Schultag gekommen ist und die Schüler ihm raten, selbst ein Buch zu schreiben.
„Ich probiers!“, ist der einzige Satz von Kapitiel achtzehn. Das Resultat habe ich schon gelesen und oben beschrieben.
„Tag und Nacht und auch im Sommer“, der Titel ist offenbar eine Anspielung, daß ein Lehrer ständig in Bereitschaft ist, kann wahrscheinlich an „Angelas Ashes“ nicht anknüpfen, das Buch ist auch von Rudolf Hermstein und nicht von Harry Rohwolt übersetzt, einen sehr realistischen Einblick in den Lehreralltag bis zur Jetztzeit kann man trotzdem daraus zu bekommen.
Interessant, daß McCourth keine Angst vor Mißerfolgen und den negativen Dingen hat. Frei heraus plaudert er über Sex und Alkohol und das, was nicht so gut gelingt und wird auch gelobt dafür „Es lebe, verdammt noch mal und wieder und noch lange, Frank Mc Courth“, schreibt so die „WElt“, am Buchrücken.
2009 ist der US-amerikanische Dicher irischer Abstammung gestorben.

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