Literaturgefluester

2013-02-10

Die Grenzen der Sprache

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:41

Weiter geht es mit dem literarischen Essay, diesmal mit einem der sicher erhältlich ist, ist Anna Migutschs „Die Grenzen der Sprache“ – „An den Rändern des Schweigens“, aus der Residenz-Reihe „Unruhe bewahren“ ja erst diese Woche erschienen und diese Reihe, entnehme ich dem Klappentext, „antwortet auf eine Gegenwartstendenz, die immer ungemütlicher wird. Dem Fortschritt der Moderne wohnt eine Verschleißunruhe inne, während die Vergangenheit zunehmend entwertet und die Zukunft ihrer Substanz beraubt wird“.
Da wäre wir wieder bei dem „Langsamer“, das ich ja auch nicht so unbedingt einhalte, bin ich ja eine eher Schnelle, die fast manisch voranhastet und auch so viele Bücher liest, daß sich JuSophie und die Blogger darüber wundern, aber Innehalten in Form eines Essybändchen kann ein guter Ruhepunkt sein und da gibt es nun das Anna Migutsch Buch mit drei Texten zur Sprache an der Grenze und den schweigenden Rändern. Peter Bierl hat in einem anderen Band die Frage „Wie wollen wir leben?“ beantwortet und „Die Kunst des Zwitschern“ von Helwig Brunner, Katrin Passig und Franz Schuh gibt es in der Reihe auch.
Die 1948 in Linz geborene Autorin, die dort bzw. in Amerika lebt, kenne ich, glaube ich, seit dem ich schreibe, bzw. mich mit Literatur beschäftige. Gab es da ja die große Trilogie „Die Züchtigung“, „Das andere Gesicht“, „Ausgrenzung“, wo sie sich unter anderem mit ihrem autistischen Sohn beschäftigte.
Vorstandsmitglied oder Vizepräsidentin der IG Autoren war oder ist sie auch und als Günther Nenning vor Jahren diesen „Österreichkoffer“ herausgeben wollte, war sie, glaube ich, bei denen, die aufgeschrieen habe, „Ich lasse mir meine Werke doch nicht stehlen!“
Der Koffer ist in anderer Form, ebenfalls bei Residenz unter Leitung von Robert Schindel et al erschienen und darin möglicherweise auch eines der frühen Migutsch-Bücher.
Das „Familienfest“ gab es einmal bei „Buchlandung“ um einen Euro, da wird die Autorin vielleicht auch aufschreien, ich freue mich aber über billige Bücher. Dann gibt es die Amerika-Aufenthalte, unterrichtet sie ja Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und amerikanischen Universitäten und hat sich in „Zwei Leben und ein Tag“ auch mit Mobby Dick beschäftigt.
Deshalb das Interesse und die Beschäftigung mit der amerikanischen Literatur, in der ich mich nicht sehr gut auskenne und das kann man an der „Welt, die Rätsel bleibt“, dem ersten Text, auch gut merken.
Geht es da ja, um den Horizont, um die Weiten und die Grenzen und da ist Anna Migutsch gleich bei der großen amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson, 1830 – 1886, die ich nur vom Namen her kenne und beginnt ihre Gedichte zu zitieren.
Sie tut es zweisprachig, erst Englisch, dann Deutsch, bei den daranfolgenden Begründungen, verwendet sie aber nur mehr die englischen Titel und Zitate, womit ich mir ein bißchen schwer tat, da ich, obwohl ich ja um die Übersetzungsprobleme Bescheid weiß, mich gern an meine Muttersprache halte.
Es ist aber auch so ein guter Eindruck von der Dichterin zu bekommen, die über „den einsamen Gipfelgang“, dichtete und wie Migutsch schreibt, „weißgegkleidet durch ihr weitläufiges Elternhaus huschte, ihr Haus in den letzten Lebensjahren nicht mehr verließ und auch keine Besuche empfing oder sich ihnen nicht mehr zeigte“. Sie hat sich in ihren Gedichten, die zu Zeit ihres Lebens kaum veröffentlicht waren, sehr mit ihrem Tod beschäftigt, damit eine Grenze überschritten und, wie tut man das?
Wie kann der Dichter über den eigenen Tod erzählen oder seine Protagonisten diesen schildern lassen? Anna Migutsch führt ein bißchen in die Kunstgriffe der Literaten ein und verläßt dann kurz Amerika, geht zu Kaspar David Friedrichs „Mönch am Meer“, der zuerst in Seitenansicht gemalt wurde, dann aber indem er in „Rückenansicht gezeigt wird, den Blick auf die Unendlichkeit des Horizonts mit ihrem Sog ins Jenseitige oder auch in die absolute Leere zwingt.“
Der mir ebenfalls unbekannte amerikanische Lyriker Robert Frost schließt sich an der Wende des 20. Jahrhundert in seinem „neither out far nor in deep“ daran an und schreibt „Sie kehren dem Land den Rücken. sie schauen immer aufs Meer“ und wir haben sie wieder die Grenze und die Unendlichkeit, was eigentlich ein Widerspruch ist.
Melville wird in dem Essay natürlich auch zitiert, die „Sehnsucht nach dem Verborgenen und die religiöse Erwartung der Erlösung, der Utopie und dem Prinzip Hoffnung“ und enden tut es mit dem Fortschritt, dem diese Reihe Grenzen zeigen soll.
Dann gehts in den „Weltinnenraum“ und weiter auf die Suche nach dem Horizont, nämlich zu Ludwig Wittgenstein, der sich ja in seinem „Tractatus“ ganz besonders mit dem Schweigen und dem Unaussprechlichen beschäftigt hat.
Anna Migutsch kann aber auch bei Rilkes „Duineser Eligen“, die „Sprache der Dichtung, als unzulängliches Instrument der Erkenntnis“ erkennen. Etwas, wo ich ihr zugegebener Weise nicht ganz folgen kann und mich lieber an der Schönheit der Worte berausche, als nach der christlichen Mystik im „Stundenbuch“ zu suchen, aber ich bin nicht religiös und auch eher literarisch als philosophisch interessiert, also weiter auf die Suche nach den Horizonten, wo Migutsch Borges „Bibliothek von Babel“ und natürlich Walter Benjamin zitiert.
„Sämtliche Bücher, wie verschieden sie auch sein mögen, bestehen aus denselben Elementen“, hat Luis Borges über die Bibliothek von Babel geschrieben und, daß „das Wort in der Dichtung nie ein bloßes Kommunikationsmittel ist“ habe ich mir auch schon gedacht, auch wenn ich üblicherweise vom psychologisch realistischen Schreiben ausgehe und da treffe ich im dritten Teil, dem „Abgrund“, Bekanntes, wenn auch nicht gleich, beschäftigt sich Anna Migutsch da zuerst mit Vladimir und Estragon und „Warten auf Godot“, sie nennt es „Waiting for“ und zitiert auf Englisch, was bei mir den schon beschriebenen Widerstand auslöste, in einem deutschsprachigen Buch keine englische Zitate lesen zu wollen, so daß ich weiter hastete und da sehr bald zu Paul Celan, mit dem ich mich vor kurzem ja auch beschäftigte und zur „Todesfuge“ kam.
„Bei Paul Celan entspringt das metaphorische Sprechen einer anderen Bewußtseinslage“, schreibt Anna Migutsch.
„Sein lyrisches Werk steht von Anfang an unter dem Vorzeichen der Vernichtung, die nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch die Sprache bedroht“, da kann sich nun die Psychologin und die an den menschlichen Krisen und Traumen sehr interessierte wiederfinden, obwohl ich die „Todesfuge“ sicher ganz anders und nicht philosophisch interpretiere.
Man kann es aber auch so versuchen und über den Tellerrand hinüberschauen, muß es vielleicht, wenn man sich, wie ich, die Bücher dem bekannten Autorennamen nach und ohne weiter hinzusehen bestellt.
Da erlebt man Überraschungen, lernt mit Rilke zu philosophieren, erfährt ein bißchen was über Religion und Mystik und wird von Anna Migutsch immer wieder dazu aufgefordert, sich Gedanken über die Grenzen der Sprache und das Unaussprechliche zu machen, weil die Welt ja ein Rätsel ist und bleibt und ich mir die Shoah und andere Grausamkeiten des Lebens eigentlich weder mit der Philosophie noch mit der Psychologie wirklich erklären kann.

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