Literaturgefluester

2013-02-18

Ich aber habe leben müssen…

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:01

Jetzt kommt ein ganz besonderes Schmankerl auf dem Bücherfundus meiner Eltern Guido Kopps „Passion eines Menschen des 20. Jahrhunderts, 1946 im Ried-Verlag, Salzburg erschienen. Ein Mann im KZ-Anzug mit roten Winkel vor dem Lager und schematisierten Leichenbergen.
„Gewidmet in tiefer Liebe meiner durch die SS-Banditen geschiedenen Frau Antonia, Anna, Maria,Kopp.“
Auf der Rückseite sind erstaunlich für die Jahreszahl Besprechungen der „Salzburger Nachrichten, des „Demokratischen Volksblatts, des „Salzburger Tagblatts“, der „Volksstimme“ und von Thomas Ludwig aufgedruckt, die beispielsweise schreiben „Was das Buch besonders interessant macht, ist die Person des Autors“.
Darüber gibt es außer im Text, aber kein Wort zu finden, so schaute ich im Internett und da fand ich nur antiquarische Hinweise zu dem Buch, das bis achtundzwanzig Euro kostet, wenn es noch vorhanden ist und aus dem Stadtarchiv Rosenheim die Biografie und das Bild eines Mannes mit Bart und runder Brille, „der 1896 in Ruderting geboren wurde, im ersten Weltkrieg Gefreiter war, 1918 in den Arbeiter und Soldatenrat gewählt wurde, bis 1919 mit großen rhetorischen und agitatorischen Talent eine revolutionäre Tätigkeit entwickelte, dann floh, 1919 zum Tod verurteilt wurde, er verbüßte acht Jahre Festungshaft in Straubing, lebte in Wien, Prag und Barcelona, wo er im spanischen Bürgerkrieg mitkämpfte, 1937 wurde er in Salzburg verhaftet und an die Münchner Gestapo ausgeliefert, von dort kam er nach Dachau und nach Buchenwald, wo er 1945 befreit wurde und bis zu seinem Tod 1971 in Salzburg lebte.“
Über das Buch kein Wort, das mit einem in Salzburg, vom 25. August 1945 datierten Vorwort beginnt.
Da springt Kopp, der seine Passion in direkter Rede, an das „Du“ der Menschheit, die nichts versteht, richtet, in die Tragödie, die damit beginnt, daß er „Im Jahre 1937, am 5. Mai in Österreich von der Polizeidirektion Salzburg, an die Gestapo München ausgeliefert wurde“ und man liest, wie auch in den Besprechungstexten steht, ein Buch, das sich von den „Anderen Büchern und Berichten aus den Konzentrationslagern durch die bemerkenswerte Problemstellung, mit welcher der Verfasser sich mit den furchtbaren Attentaten auf Menschenwürde, Freiheit und Recht auseinandersetzt, unterscheidet“, merkt man dem Buch doch seine Umittelbarkeit und seine Authentizität an, wie einer da nach dem Krieg sich mit all dem auseinanderzusetzen versucht. Hitlers „Mein Kampf“ zitiert, betont, daß er es seiner Würde schuldig war, niemals mit dem Hitlergruß zu grüßen und sich fragt, wie es möglich ist, daß das einer Kulturnation passieren konnte?
„Im zwanzigsten Jahrhundert an Ketten gelegt. In einem christlichen Staat aus Liebe zur Menschheit geächtet und geschändet, wie der bissige Köter eines starsinnigen Bauern. Im Land eines Goethes und Schillers, eines Kants und Engels, eines Beethovens und Bachs – es war einfach Wahnsinn, es konnte doch nicht sein!“
„Und zehn Millionen Marxisten im Reich schwiegen da, wo war denn da der Verstand? Schön, der Führer hatte Autobahnen gebaut und Stadione und Geld gesamelt für Winterhilfe und Volkswagen und alle hatten Arbeit. Deutschland hatten sie gejubelt, wird schön!“
Es kommt in den Bunker von Dachau und wird dort ständig mit dem Tod bedroht, von Scheinerschießungen und Aufforderungen sich die Pulsadern aufzuschneiden oder den Strick, der in die Zelle gelegt wurde, zu verwenden, scheint es gewimmelt zu haben. Kopp wird zu seinen Erlebnissen im spanischen Bürgerkrieg befragt und soll aussagen,“wie Bäumer von Dachau geflohen ist“, aber er verrät keine Kameraden, kommt in Dunkelhaft, muß seine Zelle putzen und bekommt, weil er sich mit einer Stecknadel, die Fingenägel putzt vierzehn Tage nichts zu essen oder eine Zeitlang nur jeden sechsten Tag etwas, so daß bei einszweiundsiebzig und fünfundvierzig oder fünfzig Kilo hinunterhungert, sein schönes „Leninbärtchen“ wird ihm auch gestutzt. Daß Österreich und die Tschechoslowakei eingenommen wurde, erfährt er bei den Verhören,auch, daß es zu einem „Nichtangriffspakt zwischen der Sowet-Union und Deutschland“ gekommen ist.
Halt, gibt ihm bei all dem der Gedanke an seine Frau Toni, die ihm Briefe schreibt, die er manchmal bekommt und manchmal nicht und die ihm, bevor er verhaftet wurde, angeboten hat, sich gemeinsam umzubringen, was er ausgeschlagen hat. Jetzt wird Toni zur Scheidung gezwungen, bzw. passiert das, wie ihm im Gericht in das er gebracht wurde, ein Richter sagte, automatisch, wenn die Eheleute einige Zeit von Tisch und Bett getrennt sind, wie das in seiner Ehe passierte, da er ja zweiunddreißig Monate in Dachau war und er sich nur fragt, daß da ja auch alle Ehen der Soldaten geschieden werden müßte. Zu Weihnachten wartet er auf ein Paket und auf ein Äpfelchen, das nicht kommt und im Gerichtskorridor hört er, daß der Krieg begonnen hat.
„Hier,“ sagte dann der eine, „bei Byalistok war ich im letzten Krieg und jetzt sind sie auch schon bald dort. Warschau wird morgen fallen und dann teilen wir das Ganze in zwei Hälften. Siehst du, da hinter Warschau herunter, da haben wir eine ganz gerade Hälfte, die andere Hälfte nimmt dann der Russe und der Krieg im Osten ist fertig!
„So dachten die Narren!“, setzt Kopp hinzu.
Dann wird er nach Buchenwald, ein Lager von dem niemand etwas wußte und es vorher Gerüchte gab, daß sie nach Mauthausen, wo es die berühmte Todenstieg gibt und das berüchtig war, weil „Fünfhundert Häftlinge, sagte man, wären vor wenigen Wochen hingekommen und dreißig davon lebten noch“, kommen sollten, während Bucenhwald, das in der Nähe von Weimar liegt, versöhnte.
„Denn ich dachte an Goethe und Schiller und an die Gründung der Republik und hätte beinahe gejubelt“
Aber natürlich ist es in dem Bunker dort nicht schön, obwohl er viele Bekanntschaften macht, einen Zigeunerjungen trifft er, der es Hunger wegens „geschwult“ hätte und einen anderen, der täglich verprügelt wird, weil er nicht weiß, warum er sich hier befindet. Den Domherrn von Bromberg trifft er an, der sich seine Gedanken darüber machen muß, warum Gott sowas zuläßt und auch den Herrn von Bechinie, den ehemaligen Sicherheitsdirektor von Salzburg, der ihn 1937 ausgeliefert hat, der wird , wie im Nachwort steht, das am 5. Jänner 1946 in Salzburg geschrieben wurde „ein paar Monate später, gleichfalls aus dem Bunker entlassen.
„Doch nicht so munter wie ich, sondern mit geschwollenen Beinen und etwa zwanzig Jahren mehr als ich, das heißt schon beinahe als Greis“, während das Buch mit den Worten endet: „Am fünften April 1940 habe ich den Bunker von Buchenwald verlassen. Und acht Tage kam ich dann ins Revier, und da wußte ich schon, daß ich von der Indivudualmordanstalt in die Massenmordarena gekommen war, doch davon erzähle ich ein andermal.Denn ich kann nicht alles aufeinmal nochmal erleben, ich brauche jetzt ein bißchen Erholung, denn noch habe ich nicht mehr als 52 Kilo. Und das ist nicht genug, sagen die Ärzte, bei 1.72 Meter in der jetzigen demokratischen Zeit. Und dagegen kann ich nichts sagen, denn ich bin selbst ein Demokrat.“
Wahrscheinlich ist es der Humor, bzw. Sarkasmus, das das Buch, wenn man es noch bekommt, lesenswert macht und es stellt natürlich viele Fragen auf, die noch immer nicht beantworten wurden, wie so etwas passieren konnte, in einer Zeit, wo es hunderte, tausende vielleicht sogar zehntausende Bücher über den Holocaust gibt, die das Schreckliche erzählen und erklären wollen und es heute in unserer schönen, neoliberalen Welt natürlich ganz anders und viel besser ist.
Und trotzdem schwirrt gerade ein Video durch das Internet, das aufzeigt, wie Amazon sein Weihnachtsgeschäft, um uns all die schönen Pakerln, zeitgerecht zu liefern, durch Leiharbeiter aus Spanien, Ungarn, Rumänien etc, erledigt, die in ihren arbeitslosen Ländern froh über den Dreimonatejob waren, an einen Lotteriegewinn glaubten, dann in leerstehende Freizeitparks einquartiert wurden und von einem Securitydienst, der mit Rechtsradikalen in Verbindung stand, schwarze Jacken, Stiefeln und Tätowierungen trug, Tag und Nacht in ihren Bungalows kontrolliert und gefilmt wurden, die auch ihre Taschen nach Brötchen durchsuchten, die sie vielleicht vom Frühstückstisch mitgenommen hatten.
Ein Kleinigkeit zu alldem natürlich, man sieht aber trotzdem, sehr viel haben wir nicht daraus gelernt und soll man sich jetzt das Buch, wenn es noch zu bekommen ist, bei Amazon bestellen oder es doch besser bei Anna Jeller versuchen?

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