Literaturgefluester

2013-03-16

Schnee

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:08

„Schnee“, der 2002 erschienene Roman des 1952 in Istanbul geborenen Orhan Pamuk, der 2005 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis bekommen hat, ist ein Monster Buch von fünfhundertdreizehn Seiten, an dem ich jetzt über eine Woche gelesen habe und eine politische Farce, in dem man sehr viel über die politische Situation der Türkei, erfährt und Anspielungen auf die deutsche Literatur gibt es dabei natürlich auch, so könnte der Dichter Ka ja an Franz Kafka erinnern und dieser Ka, der in Frankfurt Asyl bekommen hat, zum Begräbnis seiner Mutter aber nach Istanbul kommt und von dort weiter in das anatolische Provinzstädtchen Kars fährt, bleibt dort im Schneegestöber stecken, was auf Türkisch Kar heißt, wobei wir bei den sprechenden Namen wären, die man ja angeblich nicht verwenden soll, das Buch ist nicht ganz leicht zu lesen, hat mein Türkeibild, das ich ja durch die österreichische Brille sehe, aber vollständiger gemacht. Ka fährt also im Schneefall nach Kars, weil er für eine Zeitung über die Wahlen, die dort stattfinden werden, berichten soll und außerdem haben sich dort auch noch ein paar junge Mädchen umgebracht, in Wahrheit will Ka aber die schöne Ipek bewegen mit ihm nach Frankfurt zu kommen und er quartiert sich in das Hotel „Schneepalast“, das ihrem Vater gehört, ein und die Geschichte beginnt, die eigentlich von einem Dichter namens Orhan, der einen Roman über das „Museum der Unschuld“ schreibt, vier Jahre nach Kas Tod erzählt wird.
Zuerst recherchiert Ka in den Familien der Mädchen, die sich umbrachten, weil sie unglückliche waren, einige auch, weil sie mit Kopftuch nicht auf die pädagische Hochschule gehen konnten, weil das in der Türkei ja verboten ist, die Islamisten bzw. die Wohlfahrtspartei versucht aber die Wahl zu gewinnen und Ka besucht zuerst den Inhaber der Provinzzeitung, der die Nachrichten der Einfachheit alle schon im Vorraus bringt, der empfiehlt ihm sich dem Polizeichef vorzustellen, dann wird er noch zu einem Scheich gebracht, der ihm von seinem Atheismus befreeien will und zu einem alten Revolutionär, der auch gegen das Kopftuchverbot ist, aber eine junge Geliebte hat.
Ka soll am Abend im Volkstheater ein Gedicht aufsagen und trifft sich mit Ipek in einer Konditorei, vor ihren Augen wird der Direktor der Pädagogischen Hochschule erschoßen und am Abend beginnt im Theater die Revolution, bzw. ein Putsch, der von einem Schauspieler organisert wird. Es werden dabei aber einige Leute erschossen, was die Bewohner von Kars, die ständig mexikanische Fernsehserien sehen, auch nur im Fernsehen mitbekommen und dann die Realität von der Schow nicht unterscheiden können.
In den Teehäuser hängen Plakate von Schweizer Bergen, Ka wird von Spitzeln verfolgt und Kadife, Ipeks Schwester, die inzwischen wieder Kopftuch trägt und die heimliche Geliebte des alten Lapislazulli ist, soll in einem Theaterstück ihr Haar entblößen, inzwischen wird Ka bedroht und von den Polizisten zusammengeschlagen, er soll auch eine Botschaft der Islamisten in die Frankfurter Rundschau bringen, dessen angeblicher Redakteur Hans Hansen heißt und blonde Haare hat, wie halt alle Deutschen, so erzählt es Ka Lapislazullis und den Koranschülern, in Wahrheit ist Hans Hansen aber ein Verkäufer, der ihm den Mantel verkaufte, den Ka in Kars trägt.
Inzwischen schläft auch Ipek mit Ka und verspricht ihm mit ihm nach Frankfurt zu gehen. Ka soll Kadife dann wieder davon abringen, ihr Haar zu entblößen und am Schluß erschießt sie den Schauspieler auf der Bühne, obwohl in ihrer Pistole nur Platzpatronen gewesen sein sollen.
Ka wird von den Polizisten zum Bahnhof gebracht, Ipek soll ihm mit dem Koffer folgen, kehrt aber wieder ins Hotel zurück, Kadife verbringt ein paar Jahre im Gefängnis, heiratet dann einen Koranschüler und Ka wird einige Jahre später in Frankfurt am Bahnhof, wo er sich bei den Pornokinos herumtrieb, erschoßen.
Orhan, der all das penibel recherchierte, kommt in seine armselige Wohnung, um sie aufzulösen und sucht auch nach den Gedichten, die Ka in der Zeit seines Aufenthalts ins Kars geschrieben hat. Schneegedichte in ein grünes Buch, neunzehn an der Zahl, sie sind am Schluß des Buches angeführt, aber verschwunden und Orhan vermutet, daß der Mörder Kas auf der Suche nach diesen Gedichten war.
Ein äußerst interessanter Roman, der sich über alles lustig und trotzdem ein scharfes Türkeibild entwirf und das dritte Buch, das ich von Orhan Pamuk gelesen habe.
Den Essayband „Der Blick aus meinem Fenster“, habe ich mir 2005 gekauft, als ich den Thalia-Gutschein bei der Festwochen-Büchereilesung gewonnen habe und das „Stille Haus“ vor zwei Jahren in der Osterwoche.
Beide Bücher sind ganz anders und so bin ich auch auf die anderen Pamuk-Romane sehr neugierig und gespannt, ob und wann ich wieder einmal einen finde.

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