Literaturgefluester

2013-03-27

Gebürtig

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:15

Jetzt kommt wieder ein Gustostückerl aud dem Bücherschrank und das Schließen einer Bildungslücke, ziemlich zeitgleich mit Robert Schindels neuen Roman „Der Kalte“, den ich auf der Leseliste habe, den ich aber, weil kein Rezensionsexemplar, erst lesen werde, wenn er beim linearen Herunterlesen an die Reihe gekommt, im September oder Oktober vielleicht, wenn er dann schon auf der Longlist zum deutschen Buchpreis steht?
Und „Gebürtig“, 1992 erschienen, ist wahrlich ein Kanonbuch, der neueren österreichischen Literatur und das, weil ich mir um diese Zeit ja keine Bücher mehr kaufte, an mir vorbeigegangen ist. Obwohl ich natürlich ehrfurchtsvoll von diesem wichtigen Roman gehört habe, als ich 1996 in Klagenfurt zuschauen war, kann ich mich erinnern, daß ich bevor ich zu den Lesungen ging, den Fernseher im Hotelzimmer aufgedreht habe, da saß dann Robert Schindel in der 3 Sat-Sendung und wurde wahrscheinlich zu „Gebürtig“, interviewt, dann bin ich in die Sponheimerstraße gegangen und habe Robert Schindel in der Kantine getroffen, ein paar Jahre später war er dann Bachmann-Juror.
Kennengelernt habe ich ihn, ich weiß nicht wo, kann mich aber an ein Poetenfestival in Hainburg erinnern, wo ich mit der kleinen Anna hingefahren bin und dort habe ich ihn auch in einer Kantine getroffen und er hat mir dann die Hand gegeben. Als er den von Günter Nenning initierten Österreich-Koffer gerettet hat und ich zur Präsentation in den Volksgarten gegangen bin, habe ich ihn, glaube ich, eines meiner Bücher gezeigt, das ich, seit 2002 immer in der Handtasche mit mir herumtrage.
„Schön!“, hat er wahrscheinlich gesagt oder „Ist das selbstgemacht?“
Er war auch einige Zeit Juror bei dem Siemens Technik Preis, wo ich immer hinschickte, aber nie etwas gewonnen habe, dann Juror beim Priessnitzpreis, Professor und Initiator des Hochschulstudiums für Sprachkunst und und und, eine literarische Institution Wiens, und wie ich behauptet, mit Gustav Ernst das, was Hans Weigel und Hermann Hakel in den Fünfzigerjahren für die Nachwuchsautoren waren und er hat „Gebürtig“ geschrieben und das ist an mir, obwohl ich mich ja sehr für Holocaustromane interessiere, an mir vorbeigegangen, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, einen Gedichtband habe ich aber, glaube ich, mich zu erinnern, einmal aus einer Abverkaufskiste gezogen, ob ich ihn gelesen habe, weiß ich nicht.
Nun denn, dank der Bücherschränke und der bibliophilen Margaretens oder von wem auch immer „Gebürtig“ gelesen, den Nachkriegsroman über den Holocaust oder über die erste Generation danach, die Opfer oder Täterkinder, die Achtundsechziger, das Buch spielt in den frühen Achtzigerjahren, als man schon alles und dann offensichtlich wieder noch nicht soviel wußte, den wahrscheinlich nur Robert Schindel schreiben konnte und der eine Farce aus diesem Thema macht, mit der Sprache spielt, sie neu erfindet und in wahrer Nestroyscher Manier „Die ganze Welt ist ein Fußboden!,, ist ein mir unbekanntes Nestroy Zitat, das dem Buch vorangestellt ist und das schon viel über dieses gigantische Weltgebilde, des Wiens der Neunzehnachtzigerjahre aussagt.
Es gibt einen Prolog, einen Epilog und sieben Kapitel, die Titel, wie „Enge“, „Weite“, „Hitze“ aber auch „Gebürtig“ tagen und, wie im Beschreibungstext steht, ein „kunstvoll breites episches Personengeflecht voll stiller Dramatik und bezwingender Dialogdramaturgie ist, dem Melancholie, sarkastischer Schmäh und Gedankenschärfe den unverkennbaren Sprachstil verleiht!“
Da gibt es ein Zwillingspaar, die Brüder Sascha und Danny Demant, der eine Lektor, der andere, ich weiß nicht was, zeitweilig ist er der allwissende Erzähler, der in das Hirnkasterl der anderen hinsieht, dann übernimmt wieder Danny diese Rolle, die beiden haben Freundinnen, Sascha eine Mascha Singer, eine Soziologin, die sich irgendwie hinunterhungert, Danny die Ärztin Christiane Kalteisen, die zwei kleine Kinder hat, aber Danny hat zu Beginn auch eine Freundin, namens Wilma, mit der er und seinen Freunden Weihnachten feiert, sie schmiert die Brote und will mit ihm nach Venedig fahren. Sie tun das auch, es wird aber nichts rechts daraus, spukt dem Danny doch schon die Christiane im Kopf herum, so fährt er zurück und dann nach Lilienfeld an der Traisen, von dort ist die Christiane her. Er flüchtet aber auch vor ihr, bzw. hält er ihre Kinder nicht aus und als Lektor betreut der den Dichter Emmanuel Katz, bzw. dessen Manuskript. Dann gibt es einen Konrad Sachs und das ist eine tragische Figur, ein Journalist und ein Täterkind, sein Vater war der Generalgouverneur von Polen und hat den Kleinen, den er in die „Kazetts“ mitnahm, „Prinz“ genannt und das spukt ihm nun im Kopf herum, windet sich in Schuldgefühlen, verläßt deshalb seine Frau, die Else und geht zu einer Hure ins Buff beichten, die aber entsetzt vor seiner Geschichte flieht, dann bietet er Katz zweitausend Mark an, wenn er ihm die Absolution erteilt. Der schickt ihm Danny und Christiane gibt sie ihm dann, in dem sie rät, doch ein Buch darüber zu schreiben. So wird er seinen Komplex los und dann gibt es Hermann Gebirtig, den Titelhelden, einen berühmten Dichter, Thomas Bernhard nicht ganz unähnlich, in Wien geboren, ein paar Jahre Häftling in Ebensee, dann nach New York emigriert, wo er die deutsche Sprache ablehnte, ein berühmter Dichter wurde und sich schwur, nie mehr nach Wien zurückzukommen. Es gibt aber auch einen ehemaligen Nazi, der den Häftlingen die Schädel blutig schlug und einen ehemaligen Schutzbündler, das scheint überhaupt Robert Schindels Spezialität zu sein, konnte ich doch am blauen Sofa hören, daß es eine solche Konstellation auch im neuen Buch geben wird, der Schutzbündler geht mit seiner Tochter auf die Rax, sieht dort den ehemaligen KZ-Aufseher und erleidet einen Schlaganfall. Vorher holt er noch die Polizei, damit Alois Egger aber verurteilt werden kann, braucht es einen Zeugen und der kann nur Hermann Gebirtig sein. So fliegt seine Tochter nach Amerika, um ihn zu holen. Er kommt schließlich auch und dann passiert wieder ein Schelmenstück, das, wie ich der Lesung im Literaturhaus entnommen habe, so ähnlich auch im „Kalten“ vorkommen könnte, vielleicht trägt der Bürgermeister sogar den selben Namen. Gebirtig will kein Aufsehen, der Kulturreferent redet dem Bürgermeister aber eine Ehrenfeier ein und hetzt die Journalisten auf ihn, der sich in kleinen Hotels versteckt. Dann fährt er mit der Straßenbahn, verliebt sich in das moderen Wien, läßt sich ehren, sucht sein Geburtshaus auf, geht in die Traffik, wo sein Vater früher seine „Doanu“, kaufte und will sogar bleiben, als Alois Egger aber freigesprochen wird, überlegt er es sich wieder und reist nach New York und in die Arme seiner Geliebten zurück und Danny Demant fährt mit einem Bus und mit neununddreißig anderen Juden, in ein slowenisches Dorf, wo Theresienstadt nachgebildet und ein Film darüber gedreht werden soll.
Eine Farce und ein sehr beeindruckender Holocaustroman in beeindruckenster wienerischer Manier und ich kann nur wiederholen, es ist sehr gut, daß es die offenen Bücherkästen gibt, so konnte ich diese Bildungslücke schließen und der „Kalte“, auf den ich mich sehr freue, ist ohnehin schon zu mir gekommen..
Robert Schindel wurde 1944 in Bad Hall als Kind jüdischer Kommunisten geboren, aber das steht in Wikipedia und läßt sich dort nachlesen.
Und weil ich bei der Lesung im Sommer dachte, so politisch realistisch wie Schindel könnte ich auch schreiben, muß ich jetzt revidieren, so, wie in „Gebürtig“, kann ich es nicht. Jetzt bin ich nur gespannt, ob der „Kalte“ auch so einschlägt und ein ebenso erfolgreicher Roman werden wird.

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