Literaturgefluester

2013-04-04

Maramba

Filed under: Uncategorized — jancak @ 09:24

Der nächste Fund aus dem „Wortschatz“, wo sich ja manchmal literarische Schätze finden lassen, ist besonders interessant „Maramba“, der aus dem Nachlaß herausgegebenen Erzählband, der 2003 bei einem Bergunfall verstorbenen, 1981 in Bregenz geborenen Paula Köhlmeier.
Herausgegeben wurden die sehr poetischen Texte über Liebe, Beziehungen und andere Mißstände von ihren Eltern dem Schriftstellerpaar Michael Köhlmeier und Monika Helfer 2004, die im Vorwort schrieben, daß ihre Tochter, die das Gymnasium in Dornbirn besuchte und nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Mexiko, in Wien an der Filmakademie studierte, bei ihrem letzten gemeinsamen Spaziergang von zwei Romanprojekten erzählte, an denen sie mit schlechten Gewissen, gleichzeitig schrieb. Sie plante auch einen Erzählband, der „Mein Talent zum Glück“, heißen sollte, die Eltern haben sich für „Maramba“, entschieden“, weil eine der Geschichten diesen Titel trägt und Maramba ein Zauberwort ist und die Beziehungsgeschichten, der neunzehn bis einundzwanzigjährigen, die jetzt auch schon über Dreißig wäre, haben wirklich einen eigenen unverwechselbaren Ton, der mich manchmal an Anna Weidenholzer erinnert, die in ihren realistischen Geschichten auch manchmal sehr skurrilen Einfälle, wie eine Kaulquappe in ein Tiefkühlfach zu legen, hat. Paula Köhlmeier läßt ihre Maramba eine Zeichnung ins Eisfach legen und Protagonisten auf Sachen aufpassen, obwohl sie eigentlich besitzlos sind und beginnen tut es im „Tagebuch einer Verrückten“, sehr alltäglich, obwohl uns allbald die Schauer des Grusel herunterrinnen wird, können wir solche Geschichten doch fast täglich in Zeitungen wie „Heute“, lesen. Paula Köhlmeier erzählt es die Geschichte von der Frau, die einmal im Monat das Türschild als Beitrag zu Ehe putzt, viel poetischer. Der Mann bringt eine Geliebte, eine Lehrerin, die die Kinder, die über den Rand hinaus zeichnen zum Psychologen schickt nach Haus, bespricht mit dem Arzt, welche Tabletten die Frau nehmen soll, bestimmt, daß sie die Wohnung behalten darf, während er zur Geliebten zieht. Dann nimmt sie das Messer, ersticht den Mann und die auf ihm liegende Geliebte und gibt das Ganze dann sehr ungerührt ins Polizeiprotokoll.
Vom einem ganz ähnlichen Alltagswahnsinn, wo die Frauen ihre Männer beim Lampenwechseln ermorden wollen oder die Lebensgefährten mit Hackbeilen umbringen, habe ich ja erst bei Zdenka Becker gelesen.
Paula Köhlmeiers Geschichten sind aber ganz kurz und gehen gleich zum nächsten Inhalt weiter, da wird dann von einer „Gräfin“, erzählt, die einmal eine berühmte Schauspielerin war, jetzt obdachlos ist und sich in dem Kaffeehaus von den zwei Studetinnen, an deren Tisch sie Platz genommen hat, ein Bier bestellen läßt, obwohl sie lieber Wein trinkt.
Es werden in den Texten überhaupt sehr viele Geschichten erzählt, die vielleicht die Filmcutterin erahnen lassen. Leo Lionni schlägt das dem Mann mit dem unbekannten Namen vor. Renata Theobaldi, die vierunddreißig ist und ihre Haare zu Zöpfen trägt, die sie jeden zweiten Mittwoch rostrot färbt, muß sie ihrer Mutter „von ihr als einer komischen Person erzählen.“
In manchen Texten treffen wir die gleichen Protagonisten, wie zum Beispiel Rutha, immer wieder, es geht um „Pyjamawelten voller Schulverkäuferinnen“, da wird eine Frau von ihrem Geliebten verlassen und zieht sich offenbar in diese Welt zurück, bzw. entwickelt sie, wie ihre Freundin sagt, eine Paranoia. Ich habe ja, viel älter, einen ähnlichen Inhalt in den „Zwillingswelten“, viel alltäglicher beschrieben.
Im „Talent zum Glück“, geht es um ein Dorf, das einen Bahnhof und ein Bordell besitzt. Der Fahrdienstleiter heißt Bruno und „übersetzt die Zugansagen ins Französische und Englische.“ Im Bordell gibt es eine Lilli,die Bruno am Tag warmes Essen bringt und mit ihm ein neues Leben riskieren will. Er tut das aber mit einer Frau, die auf französisch nach der nächsten Stadt fragt, so bleibt Lili als neue Fahrtdienstleiterin übrig, die fortan am Schalter sitzt, eine rote Mütze und die blaue Uniform trägt und den Damen vom Bordell „Kaffee, Schokolade, Kaugummi und Taschentücher, Cola und Kondome verkauft.“
Rutha begegnen wir dann auch in zwei Texten, die in Mexiko spielen, in „Der mit den schwarzen Haaren und den vielen Tätowirenen“, sitzt sie in Zipolite in einem Cafe in dem Kerzenhalter in Form von Madonnen auf den Tischen stehen und der Kaffee so viel kostet wie bei uns ein Kaugumm“ und hat ein Buch sich, in dem sie schreibt, „damit sie nicht fragen. Ich darf schreiben. Ich habe eine unausgesprochene Erlaubnis dafür ich gebe mehr Trinkgeld als nötig. Ich muß nichts reden.“ Trotzdem lernt sie Mann mit den schwarzen Haaren kennen, den sie dann in San Christobal nochmals begegnet und in „Pablo“, führt sie der, der Glasfiguren an die Touristen verkauft, weil sie Deutsch spricht zu seiner Familie, sie soll dort einen Vertrag übersetzen, den sie nicht versteht. Dafür erzählt sie Pablo dann eine Geschichte, die er nicht versteht. „Schöne Geschichte!“, sagt er trotzdem.
Dann ist Rutha Zivildienerin im Hohenemser Krankenhaus und hat den heroinabhängigen Manuel Farber zu betreuen, sie setzt ihn in den Rollstuhl und geht mit ihm in den Park und als er nicht essen will, füllt sie seinen Knödel und die Tomatensauce in einen Plastiksack und wirft ihn beim Verlassen des Krankenhauses in den Müll, skurrile Alltagsgeschichten fein erzählt und als Rutha mit Jacob, Marie und Augustin zwischen dem Amacord in der Schleifmühlgasse und dem Hotel Ananas in der rechten Wienzeile hin und her pendeln wird es vollends makaber. Jacob ist Lastkraftfahrer und arbeitet in Berlin, Marie ist seine Schwester und verbringt die Nächtee gern mit Augustin im Hotel Ananas, der sie zu allerhinand Mutproben aufstachelt.
„Ich habe dich zum Fressen gern, wollen wir uns vergiften?“
Dann bekommt Marie Krebs, AIDS oder eine andere heil bzw. unheilbare Krankheit und Rutha Jacobs neue Freundin schlägt ihm beim großen Frühstück im Cafe Amacord vor, Augustin mit einem Kissen zu ersticken, nachdem sie mit ihm geschlafen hat.
Erstaunliche längere aber auch ganz kurze Geschichten, die vom „Alter“, Nieren“, „Schlechten Zähnen“, u. u. u., einer sehr jungen Frau und Schriftstellertochter handeln, Michael Köhlmeier habe ich übrigens vor wahrscheinlich mehr als zehn Jahren ein paar Mal in der Nähe der rechten Wienzeile und der Kettenbrückengasse getroffen, das zu einem möglichen Autobiografiebezug und interessant ist auch, daß das 2005, bei Zsolnay erschienene Buch offenbar noch immer gelesen wird. So hörte ich beim letzten Leipzigsurfen eine junge Frau, die bei der Leipziger-Lesenacht aufspielte „Maramaba“, sagen, als sie nach dem Buch das sie gerade liest, befragt wurde.

5 Kommentare »

  1. Ich bin die Mama von Paula Köhlmeier, und es gefällt mir, wie Sie über Paula schreiben – sie wird ja ewig einundzwanzig sein. Wenn ich mir vorstelle, wie sie heute schreiben würde, zehn Jahre später, dann sehe ich ihre Personen vor mir. Es ist ein schönes Gefühl für mich, Paual in Maramba weitergelebt zu wissen

    Kommentar von Monika Helfer — 2013-04-14 @ 11:28 | Antworten

    • Vielen Dank, daß Sie mich gefunden haben, war ein tolles Buch, das mich schon bei seinem Erscheinen sehr interessierte, ich wünsche alles Gute und freue mich schon auf das Lesen von zwei Köhlmeier-Büchern, die auf meiner Leseliste stehen!

      Kommentar von jancak — 2013-04-14 @ 15:06 | Antworten

  2. Ich bin ebenfalls ein stolzer Besitzer und Leser des Buches mit dem Titel „Maramba“ von Paula Köhlmeier. Dieses Buch hat die Signaturnummer „81XKOE-E1linksmitte“ in meiner Privatbibliothek. Ergänzend möchte ich über den Titel dieses Buches hiermit informieren, dass im BrockhauslexikonAtlas dies der afrikanische Name für Livingstone in Sambia ist. Die Autorin Paula Köhlmeier war eine außerordentlich begabte Schriftstellerin, oder Dichterin. Es ist sehr traurig, dass Sie so jung sterben musste. Sie möge Ruhen in Frieden. Amen.

    Kommentar von Manfred Lagler-Regall — 2014-02-27 @ 12:28 | Antworten

  3. Fein, von Ihnen wieder was zu hören! Kommen Sie zum Osterspaziergang?

    Kommentar von jancak — 2014-02-27 @ 13:07 | Antworten

    • Liebe Frau Jancak, ich weiß noch nicht genau, ob ich heuer wieder zum Osterspaziergang von Litges St. Pölten kommen kann! Alles Gute und viel Schaffensfreude wünsche ich Ihnen Frau Jancak!

      Kommentar von Manfred Lagler-Regall — 2014-03-05 @ 12:52 | Antworten


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