Literaturgefluester

2013-04-14

Literatur und Wein

Filed under: Uncategorized — jancak @ 15:19
Christoph W. Bauer

Christoph W. Bauer

Simone Schönett

Simone Schönett

Seit fünfzehn Jahren gibt es das vom niederösterreichischen Literaturhaus bzw. Sylvia Treudl organisierte Festival „Literatur und Wein“, das im April in Krems bzw. in Stift Göttweig stattfindet für das ich immer das Programm zugeschickt bekomme, aber nie dort gewesen bin, weil man dafür Eintritt zahlen muß.
Jetzt hat der Alfred aber zwei Festivalpässe bestellt, so daß wir vier Tage zwischen Wien, St. Pölten, Krems und Göttweig hin und herpendeln werden und ich am Donnerstag früher vom H.C.Artmann Symposium weggegangen bin, weil derzeit ja ein sehr dichtes Programm.
Da die Theodor Kramer-Preisverleihungen auch vom ULNÖ veranstaltet wurden und es dort freien Eintritt gibt, bin ich schon ein paar Mal im ULNÖ gewesen und habe mich, obwohl die Adressenangabe im Programm fehlte, schon ein bißchen ausgekannt, als wir das Literaturhaus in Krems Stein, um halb acht erreichten.
Es lagen ein paar Hochglanz-Genußzeitschriften und der „Volltext“ zur freien Entnahme auf, die Weinbons mußte man dagegen kaufen, am Büchertisch gab es die Weinwander-Bücher, die in der Eröffnungsveranstaltung präsentiert wurden.
Das heißt, es wurde die dritte Anthologie „Ein literarischer Verführer durch die die Wachau und Kamptal vorgestellt“ und die Idee ist, glaube ich, daß die Autoren mit den Weingütern zusammengebracht wurden und darüber Texte schrieben.

Clemens Berger

Clemens Berger

Alfred Komarek

Alfred Komarek

Zuerst eröffnete aber Sylvia Treudl im feierlichen schwarzen Kleid, bzw. ganz am Anfang gab es eine Präsentation der Literaturgruppe Onophon, die ich schon einmal in Wien bei einer GAV-Neumitgliederlesung hörte, die den Abend begleitete und eine ganz erstaunhliche literarische Stimmperformance bot.
Dann stellte der Herausgeber die Anthologie vor und Clemens Berger, Alfred Komarek, Christoph. W. Bauer und Simone Schönett, mit der ich schon einmal am Volksstimmefest gelesen habe, lasen ihre Texte daraus vor, die von Weinen, Lebensfreude, den Schwiergkeiten beim Wandern und davon, daß die burgenländischen Kinder angeblich mit dem Weinglaserl zur Welt kommen, handelten.
Ich hatte da schon ganz zufällig den Folgetext in der Handtasche, den ich aber beim anschließenden Trinken, wo auch ein ein paar Schulklassen gekommen waren, niemanden zeigen konnte.
Am Freitag ging es im feudalen Rahmen in Stift Göttweig weiter, ein riesiger Saal mit lauter Leuten, von denen ich nur Ditha Brickwell kannte, eintausendzweihundert angemeldete Besucher, ausverkaufte Veranstaltungen und andere Erfolgsmeldungen, so daß ich nur verwundert feststellen konnte, daß Literatur auch so funktionieren kann, der „Standard“, soll aber, wie mir der Alfred sagte „Lesen und weitertrinken“, geschrieben haben.

Anna Weidenholzer

Anna Weidenholzer

Roland Neuwirth

Roland Neuwirth

Begrüßung des Abtes, der eine schöne Zeit wünschte und die Zusammenhänge von Literatur und Religion zitierte, den Wein ließ er aus, das tat dann ein Winzer vom Loisium, der mit Sylvia Treudl durch das Programm führte, die Weingüter vorstellte und zum Verkosten aufforderte. Es wurde der sogenannte Patenwein auf den Tisch gestellt, eingeschenkt und die Lesung begann mit Christian Futschers Gurkengedichte, ein paar Sprüchen zu Büchern, denn da hat er einmal vierhundertvier Werbetexte schreiben wollen, es kamen auch jede Art von Getränken vor, wobei mich nur wieder etwas störte, daß die Leute bei Stellen lachten, die meiner Meinung nach so gar nicht lustig waren.

Paul Nizon

Paul Nizon

Antonio Fian

Antonio Fian

Anna Weidenholzer, die in allen drei Wein-Wander-Anthologien vertreten ist, folgte mit Ausschnitten aus ihrem neuen Roman, dann kam ein Konzert von Roland Neuwirths Extremschrammeln in drei Tranchen und in den Pausen die Gelegenheit zur Weinverkostung, Bücherkaufen und sonstigen Konsumationsakten.

Ilija Trojanow, Klaus Zeyringer, Barbara Coudenhove-Kalergi

Ilija Trojanow, Klaus Zeyringer, Barbara Coudenhove-Kalergi

Rosa Pock

Rosa Pock

György Dalos folgte mit dem „Fall des Ökonomen“, der glaube ich, dieselben Stellen, wie in der Alten Schmiede las, vom Thema her zu Anna Weidenholzers „Fischen“, passend, der Wein wurde vom Weingut „Rabl“ präsentert, für den arbeitslosen Ökonomen vielleicht nicht ganz leistbar, die Literatur ging aber ohnehin mit dem Staatspreisträger Paul Nizon weiter, der Ausschnitte aus seinem Roman „Der Nagel im Kopf“ und seinen berühmten Journalen brachte, wo ein junger Mann an seinen Vater denkt, seine Sehnsucht nach Frauen schildert und mit KZ-Erinnerungen endete.

Barbara Frischmuth

Barbara Frischmuth

Josef Winkler

Josef Winkler

Danach wurde es mit Antonio Fians „Dramoletten“, wieder lustiger, die Extremschrammeln sangen den „Leberzirrhosen Blues“, veränderten den Radetzkymarsch und sorgten allgemein für gute Stimmung.
Samstagvormittag ging es im ULNÖ mit einem meiner Meinung nach sehr interessanten Programm weiter, nämlich Transflair: „Geistesblitze versus Medienzirkus“, das ist eine inzwischen etablierte Reihe, der Literaturwissenschaftler Klaus Zeyringer interviewte die Ex-Journalistin und aus adeligem Haus entstammende Barbara Coudenhove-Kalergi und Weltensammler Ilija Trojanow und fragte zu Beginn gleich nach den Intellektuellen, denn da wäre kürzlich behauptet worden, es gäbe sie nicht mehr.

Harri Stojka

Harri Stojka

Wilhelm Genazino

Wilhelm Genazino

Es gibt sie an den beiden und wahrscheinlich noch an anderen Beispielen und die 1945 als Prager Deutsche aus ihrer Heimat Vertriebene hat ein Buch geschrieben „Zuhause ist überall“ und Ilija Trojanow, in Bulgarien aufgewachsen, in Nairobi, Kapstadt, etc gelebt habend, wurde gleich nach diesem Begriff gefragt.
Trojanow meinte, daß er ab dem sechsten Lebensjahr in verschiedenen Ländern gelebt und verschiedene Sprachen gesprochen hätte, so daß Vielseitigkeit für ihn normaler als das ewig Gleiche wäre, da würde die Psychologin zwar ein wenig widersprechen, die Asylsuchenden können sich das meistens aber nicht aussuchen und Barbara Coudenhove erzählte von dem Prag, das sie als Kind an Hand des Fräuleins erkundet hatte, den adeligen Eltern und dem Deutsch als Mutter- oder Vatersprache, die Großmutter war Japanerin und dem Kuchel-Böhmisch, das man von den Dienstboten lernte, im Salon aber nicht sprechen durfte.
Das sind Erfahrungen, wie sie vielleicht auch bei Willy Haas zu finden sind. Rhea Krcmarova bedient sich dagegen jetzt wieder des Kuchel-Böhmischs.

Nora Gomringer

Nora Gomringer

Sylvia Treudl

Sylvia Treudl

Barbara Coudehove-Kalergi las ein Stück aus ihrem Buch, Ilija Trojanow zwei Geschichten über Bulgarien, die im Sommer erscheinen werden, weil ihn das jetzt beschäftigt und ist auch im „Album“ des Wochenend-Standards enthalten.
Im Gegensatz zu Göttweig, gab es Orangensaft und Striezel ohne dafür ein paar Euro zahlen zu müssen und um dreiviertel eins ist Vea Kaiser durch Krems-Stein gewandert.
Der Alfred mußte aber mit seiner Mutter einkaufen fahren und durch Krems-Stein bin ich schon vor Jahren gewandert, als ich dort mit den kostenlosen Busreisen, die es in dieser Form nicht mehr gibt, öfter hingekommen bin und Einladungen zu den Kunsthaus-Vernissagen hatte ich früher auch.
Am Nachmittag ging es in Stift Göttweig mit Rosa Pock weiter, die ich schon am Mittwoch, Donnerstag und Freitag gesehen habe und deren Lesung in der Wien-Bibliothek ich leider versäumte, weiter. Sylvia Treudl stellte sie als Artmann-Witwe und eigenständige Autorin vor, die viel im Sinne Artmanns an der Sprache arbeitet und die Lesung aus dem Droschl-Buch „wir sind idioten“, in konsequenter Kleinschreibung war auch sehr beeindruckend.
Barbara Frischmuth folgte mit ihrem Dreigenerationenroman „Woher wir kommen“, aus dem ich auch schon in der Alten Schmiede und bei „Rund um die Burg“, hörte.
Die Musiker des Abends waren Harri Stojka mit seiner Band und nach der Pause folgte, wie Sylvia Treudl betonte, etwas ganz Besonderes nämlich zwei Büchner-Preisträger, wo bekommt man die schon hintereinander zu hören?
Josef Winkler habe ich im Jänner in der Alten Schmiede, bei seinem Symposium gehört und Wilhelm Genazino, den Büchnerpreisträger von 2004, Winkler hat ihn, glaube ich, 2009 bekommen, habe ich schon einmal im Literaturhaus gehört und ein Buch von ihm gelesen. Er las das dritte Kapitel aus „Wenn wir Tiere wären“, was sehr interessant gewesen wäre, wenn die Leute nur nicht so viel gelacht hätten, was ich, ganz ehrlich, sehr störend fand, weil es mich am Zuhören hinderte.
Ich habe auch nachgedacht woran das gelegen ist, denn so lustig habe ich die Geschichte von dem Mann, der nicht auf Urlaub fahren will, eigentlich nicht gefunden. Vielleicht lag es am Vortragston oder auch am Publikum habe ich gedacht und den Autor am Büchertisch gefragt, ob die Leute immer bei seinen Lesungen soviel lachen würden?

Radek Knapp

Radek Knapp

Jaroslav Rudis

Jaroslav Rudis

„Nö!“, hat er lapidar geantwortet, ich habe aber auch bei der Studentenlesung das Lachen zitiert.
Während ich also die meisten Autoren des Festivals schon mehr oder weniger kannte, war der letzte Star, die Slammerin und „Powerfrau der Poesie“, Nora Gomringer für mich eine Überraschung, denn da habe ich nur den Namen aus dem Internet gekannt und Nora Gomringer ging es auch sehr poetisch mit „Was ich mit der Sprache mache“ an. Eine interessante Entdeckung und ein weitgestreutes Programm, das man da in Krems und Göttweig erleben konnte und wenn ich schon ein Resumee ziehen kann, komme ich nicht umhin meine Überraschung zu wiederholen, daß Literatur auch so funktionieren kann.
Ein vollgefülltes Haus, ein Streifzug durch die Gegenwartsliteratur, Werbung für die Weinregionen.
„Essen, trinken, sich gehen lassen!“, hat Harry Stojka die Zuschauer vor den Pausen auch immer passend aufgefordert.
Sylvia Treudl wird für diese gekonnte Mischung vielleicht einen Wirtschaftspreis bekommen. Wem das aber, weil arbeitslos, nur grundgesichert, abstinent, etc, zu teuer und vielleicht auch zu kapitalistisch ist, dem kann ich den Besuch der Alten Schmiede sehr empfehlen, wer dort regelmäßig hingeht, kann sich das Festival ersparen und Wein gibts im Literaturhaus im Anschluß ebenfalls, wenn auch nicht in dieser Auswahl und mit dieser Präsentation.

Reinhard P. Gruber

Reinhard P. Gruber

20130414-111626

Am Sonntag gings im ausverkauften Literatuhaus mit einer Matinee zum Thema Stadt Land weiter. Diesmal war es schwierig einen Parkplatz zu finden, obwohl wir extra früh losgefahren sind, um einen guten Platz zu bekommen, denn entgegen meinen Erfahrungen bei anderen Monsterveranstaltungen, wie beispielsweise „Literatur im Herbst“ oder „Rund um die Burg“, war es wieder sehr voll. Es gab Sekt zu kaufen, ich unterhielt mich mit einem Mann der ein Gläschen trank und mir erzählte, keine Karten bekommen zu haben, Sylvia Treudl erschien mit einer Reisetasche, die sich später aus dem Off melden sollte, die Strottern probten im Saal, Gerhard Jaschke und andere kamen und dann begann es mit den melancholischen Wienerliedern dargeboten von Klemens Lendl und David Müller, gefolgt von einer Lesung aus Radek Knapps „Reise nach Kalino“, der in seiner ironischen Art eine Detektivgeschichte von einer Stadt erzählt, wo alle glücklich sind und niemand sterben will.
Jaroslav Rudis, ein mir bisher unbekannter Erfolgsautor und derzeit Gast im Literaturhaus ist, kommt aus Prag, hat Germanistik studiert, ein Comic namens „Alois Nebel“ geschrieben und aus seinem letzten Roman „Die Stille in Prag gelesen“, das das existentielle Lebensgefühl Prags zu Beginn der Neunzehnneunzigerjahre schildert und sehr interessant sein dürfte.
Reinhard P. Gruber, der offenbar das „schräge Land“ verkörperte, ist natürlich kein Unbekannter, sondern mit seinem „Hödlmoser“ und dem „Schilcher ABC“, ein Kultautor. Die ganze Welt ist steirisch, etc, ein Pendant zu der gestrigen Matinee und sehr lustig, was ich diesmal besser ausgehalten habe.
Aber auch die Strottern waren schaurig traurig mit ihren makabren Wienerliedern und der Kreis dieses vier Tagesfestivals hat sich, mit möglicherweise einem weiteren Gläschen Sekt und einem Stück Nussbrot geschlossen.

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