Literaturgefluester

2013-05-01

Fahr zur Hölle, Jonny

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:37

Ein weiteres Buch aus dem Bücherschrank meiner Eltern, das in der Büchergilde Gutenberg, Prag, Zürich 1936 erschienene „Fahr zu Hölle,Jonny“ und ich lese über den 1908 in Berlin geborenen, 1985 in Dänemark verstorbenen Autor Jonny G. Rieger, das er der Bruderschaft der Vagabunden, um Gregor Gog angehörte und von der Illustrierten Arbeiterzeitung eine Weltreise gewonnen hat.
Im Netz findet man ein bißchen was über den inzwischen fast vergessenen Autor, dessen Vagabundroman 1984 im Rotbuchverlag wieder aufgelegt wurde und der auch noch viele andere Bücher geschrieben hat.
Es beginnt in einer einer Hamburger Hafenkneipe, wo der Erzähler Jonny über das Leben, den Tod und noch vieles andere resumiert.
Orje ist der Wirt, der als Geschirrwäscher angefangen hat, jetzt hält er sich Mädchen zum Geschirrwaschen, denen er „nur fünfunddreißig Pfennig“ pro Stunde gibt, denn „sie sind jung und können nach Feierabend noch ihre Chancen haben und außerdem die Reste in der Küche aufzehren.“
Ted schmeißt eine Runde und freundet sich mit Detje an, Hannes mit Lisa, an der Wand steht auf einem Schild zu lesen „Nur Lumpen pumpen, Wer betrügt, fliegt!“
Drei Damen kommen herein um für die gefallenen Mädchen zu sammeln.
„Ich gebe direkt!“, sagt der Ich-Erzähler.
„Ich kassiere selbst!“, erklärt Lisa.“
Der Kettensprenger versucht Geld für sich zu sammeln und ein arbeitsloser Seemann spricht vom „einig Volk und Brüdern“
Wegen einer Puderdose, schlägt Ted auf Hannes ein und muß mit Detje, die „Komm auf die Schaukel, Luise“, summt, das Lokal verlassen. Hannes ist dann nur leicht angeschrammt, weil aber der Affe in Detjes Wohnung, wo Ted und der Erzähler übernachten, dem Papagei, der alles mit seinen schönen Sprüchen begleitet, die Federn rupft, bekommt Ted nochmals einen Wutanfall und fordert Jonny auf zur Hölle zu gehen.
Dann befinden wir uns in Antwerpen, wo Jonny, nach einem Lob auf das Vagabundentum, den ewigen Studenten und Säufer trifft, der ihn auf eine Schiffsreise nach Mexiko mitnimmt, dort lernen wir die Typen kennen, die ausreisen wollen, erfahren, daß die französischen alleinreisenden Mädchen nicht nach „Habana“ einreisen dürfen. Warner verschwindet von Bord und läßt Jonny seinen Geldkoffer zurück, der das Schiff in Veracruz verläßt und uns von der schönen Inez erzählt, die alle Männer, die ihr hörig sind, um ihr Geld bringen will.
In Tampico trifft er in einer Cantina, Mac, das ist einer, der sich ebenfalls als Spaziergänger in Richtung Hölle bezeichnet und der heuert ihn zum Goldschürfen in Mazatlan an, aber vorher fahren sie noch mit dem Taxi zur Union, das ist dort, wo sich nicht nur Spielbuden und der Straßenhandel, sondern auch die Mädchen befinden, die es, wenn ihnen die Signores gefallen für zwei Pesos und viel Liebe machen.
Dort rettet Jonny eine vierzehnjährige Schöne, die das Bild der Madonna überm Bett hat, vor einem Brutalo und muß beim Kartenspielen zuhören, wie nebenan eine Weiße ausgepeitscht wird, weil sie ihr Handgeld nicht abzahlen wollte. In Mexiko-City kleidet Mac ihn für die Tour ein und verabredet sich mit ihm in einem so berüchtigten Lokal, daß sogar die fünfundzwanzigjährige Polizistin erschrickt, als er sie nach dem Weg dorthin fragt und sich entrüstet abwendet.
Er kommt hin, allein Mac trifft er dort nicht, so kommt er am ersten Mai am berühmten Zocalo, dem Hauptplatz von Mexiko City, wo ich auch schon einmal war, wo die Arbeiterinnen, die nur fundzwanzig Centavos pro Tag verdienen zum Palast des Präsidenten ziehen, der auch gefährlich lebt und oft ermordet wird, so daß in den Amtstuben die Bilder der Präsidenten oft übereinander hängen. Jonny entscheidet sich aber für die Freiheit und bleibt ein Vagabund, Mac bleibt verschwunden, so daß Jonny sich eine Fahrharte nach Manzanillo kauft, dort Mac wiederfindet, beide haben ihr Geld verloren, so daß sie sich bei einem Chinesen einmieten und auf Pump in den Tag hineinleben, immer wieder Chips unterschreiben, bis sie daraufkommen, daß sie sich dafür auf ein Schiffsheuer verpflichtet haben.
Im zweiten Teil geht es dann nach Antwerpen zurück und auf die Straße, in Berlin mokiert sich Jonny über die Beamten, die ihre Butterbrote im Aktenkoffer tragen, alle wollen Beamten werden, Jonny nicht, so geht es weiter auf der Walz nach Italien, Spanien und schildert uns die Schattenseiten dieses Lebens in allen Farben, denn die Vorsteher der Asyle sind dick und ausgefressen, haben für die Vagabunden nichts über und in den Schlafsälen trifft er die Bettlerkönige, ein paar Tage schließt er sich ihnen an, dann entscheidet er sich wieder für die Freiheit und wandert weiter. Ein paar Mal hat er eine Frau dabei und die weiblichen Vagabunden der Dreißigerjahre des vorigen Jahrhunderts waren sehr kaputte Typen, da gibt es Gatty, die sogar Medizin studiert hat und Mary, „eine der auffälligsten Typen eigentlich, von der niemand wußte, woher sie kam“.
Sie nimmt ein schlimmes Ende und Jonny bringt sich auch manchmal als Feldarbeiter durch und einmal zeichnet er in einem Elendsgässchen von Bacelona, teilt sein Zimmer mit einem Chemiestudentin, der vom Kommunismus schwärmt, weil er eigentlich gerne Lokführer werden will, das aber nicht kann, weil das so schlecht bezahlt wird und hat ein Mädchen, das er mit vielen anderen teilt, das ihm aber gerne ihr Geld gibt, wenn er Hunger hat.
Im kurzen letzten Teil befindet sich Jonny dann in Shanghai und hält eine Abhandlung über das Elend dieser Stadt, wo die Menschen sterben, weil kein Platz und keine Nahrung für sie vorhanden ist und sich die Lebenden nur durch Erpressung und Resignation über die Runden bringen, erzählt zwei Frauenschicksale, die der reichen Rose, die zu essen hat, aber unglücklich liebt und die der Chinesin Chung-lan, die nach Amerika ging, um dort zu studieren, weil das die Frauen in China vor 1918 nicht tun durften, dort hungerte sie sich durch, wurde von ihrer Familie verachtet, tut es um ihren Land zu dienen und wird dann hingerichtet.
Mit diesen Erkenntnissen trifft Jonny dann auf Warner, den wir schon von Teil eins kennen, um mit ihm offenbar endgültig „zur Hölle zu fahren!“
Ein sehr interessantes Buch, dem nach den heutigen Maßstäben wohl die Struktur fehlt und lektoriert werden würde, mehr eine Materialsammlung, als ein Roman, aber sehr ungewöhnlich von den Vagabunden, die in Deutschland und auch sonst auf der Welt, vor 1936 lebten, in deftigen Worten, mit vielen Gedankenblitzen und Einfällen zu erfahren. Ein Buch das sicher zum heutigen ersten Mai passt, eines das ich empfehlen könnte, obwohl es wahrscheinlich schwer zu bekommen ist.

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