Literaturgefluester

2013-05-05

Das Jahr vierundzwanzig

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:42

„Das Jahr vierundzwanzig“ von Patrik Ourednik, einem 1957 geborenen Tschechen, der 1985 nach Paris emigrierte, von Michael Stavaric übersetzt, der es auch einmal im Standard als Beispiel für nicht lineare Literatur, die man unbedingt lesen sollte, ist ein sogenanntes Erinnerungsbuch und stammt von von den Büchertürmen der „Literatur im März“. Da war mir der Name Ourednik völlig unbekannt, so ist das dünne Czernin-Bändchen erstmals in meinen Bücherregalen verschwunden. Dann war ich einmal bei einer Stavaric-Lesung im Literaturhaus, dort lag es am Büchertisch auf.
„Das muß ich lesen!“, habe ich gedacht und es dann wahrscheinlich im Februar 2012, als ich den Krisenartikel schrieb, auf die Leseliste gesetzt. Dabei hätte ich es wahrscheinlich schon 2011, als ich die „Wiedergeborenen“, schrieb und daher über Prax und die Besetzung etc recherchierte, lesen sollen, es jetzt erst getan und hatte durch den Stavaric-Artikel auch den Eindruck, daß mich etwas Experimentelles, schwer lesbares erwarten würde.
Was aber nur für die Zahlenangaben stimmt, denn das könnte man vielleicht mit Herbert J. Wimmer vergleichen. Ansonsten ist es erstaunlich realistisch, wenn uns auch das Nachwort von Vlastimil Harl belehrt, daß man nicht alles, was darinsteht glauben soll, so wären schon mindestens drei der vier Eingangszitate falsch „Brutus: Das ist nicht die Wahrheit“, Jago:“Es ist eine Lüge“, Hamlet: Was ist Wahrheit“,“So ist die historische Wahrheit Rotes Recht“.
Dann beginnen die kurzen Absätzem die von I/2 bis XXIII/2 gehen, jeweils mit dem Satz „Ich erinnere mich..“
Vlastimil Harl erklärt, daß das Spiel mit der Erinnerung 1970 vom Amerikaner Joe Brainard in die Literatur eingeführt wurde. Der hat seine „I remember-Sätze“, sehr persönlich gehalten und wären dann wahrscheinlich als bloß experimentell bald vergessen worden. Dann kam aber George Perec, 1978 und meinte, daß diese Sätze Erinnerungen enthalten müssen, die für die ganze Gesellschaft relevant sein sollen und Patrik Oudrenik scheint das Ganze zu mischen.
„CSSR 1965 1989“, steht am Umschlag. Da hätten wir das Jahr vierundzwanzig. Was das bedeuten soll habe ich aber nicht ganz verstanden, denn das Buch wurde laut Wikipedia 1995 geschrieben und ist 2003 auf Deutsch herausgekommen.
1968 spielt natürlich eine große Rolle und Ourednnik erinnert sich auch an viel. An seine Mitschüler, daran, daß Pavel Kohout, als er 1968 nach Wien ausreistem nicht mehr einreisten konnte, an seinen ersten Sex, an seinen Vater, an die Witze, an Sprüche, an die Filme, die er sich im Fernsehen und Kino angesehen hat u.u.u.
Eine Frau hatte eine Liste mit der Höhe der Bestechungsgelder, die man auf den verschiedenen Ämtern in verschiedener Höhe geben mußte, in ihrer Wohnung hängen, daß er die Worte „unzugänglich“ mit unzulässig“ verwechselte, wie er mit seinen Vater „über die Heldenstraße und den Friedensplatz ging“, „Wie er den „Scherz“ sah und sich langweilte“, „daß er in der Musikstunde nicht die russische Hymne singen wollte und, daß das das ein Nachspiel hatte.“
„KP bedeutet klares Problem“ und das Sprichwort, daß „Wer nicht den Staat bestiehlt, bestiehlt die Familie“, habe ich erst kürzlich bei Zdenka Becker gelesen.
Er erinnert sich an die Charta 77 und die Unterzeichner, daran, daß „Sachalin die größte sowetische Insel war.“ An die „Polinnen, die sich angeblich von jeden für Strümpfe und Parfum, auch für russisches…“, daran, daß „Hrabal ins Gasthaus „Zum Tiger“ ging und wirft die Frage auf, ob „Gorbatschow seinen Fleck vom Wodka-Trinken habe“.
Der letzte Eintrag lautet „Ich erinnere mich an Scha-la-la-la-li-yea (?)
Dann gibts acht Seiten Anmerkungen und Erklärungen zum besseren Verständnis und das schon erwähnte Nachwort.
Ich muß meinen Eindruck über nicht lineare Literatur wieder einmal revidieren und kann mich nur Michael Stavarics Buchempfehlung anschließen. Lesen, falls das Buch noch zu bekommen ist, ansonsten hat Michael Stavaric noch drei weitere Bücher von Parik Ourednik übersetzt.

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