Literaturgefluester

2013-05-10

Schlafes Bruder

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:24

Nun kommt ein weiteres Fundstück aus dem offenen Bücherschrank, in dem man ja wahre Schätze findet, die sonst an mir vorbeigegangen wären, nämlich „Schlafes Bruder“, des 1961 in Bregenz geborenen Robert Scheiders, Erstling, das von dreiundzwanzig Verlagen abgelehnt wurde, bevor es „Reclam“ entdeckte und zu einem Bestseller machte, der in vierundzwanzig Sprachen übersetzt, verfilmt und vertonte wurde, etc.
„Dieser Roman wird wie eine Droge wirken“, meint so etwa der „Spiegel“, „Ein unvergeßliches Buch“, schreibt Gerard Mendal von „Liberation“, etc und einen von Rainer Moritz herausgegebenen Materalienband gibt es dazu auch.
So euphorisch würde ich den ersten Teil einer Vorarlberger Trilogie, für den Robert Schneider, der sicher ein Ausnahmetalent ist, der dafür, glaube ich, auch Stipendien bekommen hat, gar nicht bewerten, beeindruckend ist die Geschichte des Naturtalentes Johannes Elias Alder, der sich mit zweiundzwanzig Jahren aus unerfüllter Liebe durch Schlafentzug das Leben nimmt, aber allemal und auch in einem scheinbar sehr altmodischen Ton geschrireben, der den Verlagen 1992 wahrscheinlich unliterarisch erschien.
Das Buch spielt aber zu Beginn des neunzehnten Jahrhundert in einem kleinen Vorarlberger Dörfchen, wo alle untereinander durch Inzucht verbunden sind und auch alle den gleichen Namen tragen.
Eigentlich beginnt es schon lange vor Elias Alders Geburt, es endet auch viel später und Schneider kommuniziert auch, was zeitgenössischer ist, immer wieder mit dem Leser und breitet so ein sehr eindruckvolles Bild des Lebens der Vorarlberger Bauern aus, obwohl ich nicht weiß, ob die wirklich alle so behindert sind.
In Robert Schneiders eindrucksvoller Erzählung gebiert die Seffin, die Frau des Seff Alders, aber lauter Idioten, im Buch wird es noch „Mongoloide“ genannt, einer davon ist Johannes Elias, der mit gelben Augen und einer Baßstimme zur Welt kommt, dafür drei Jahre von seiner Mutter eingesperrt wird, bevor er sich selbst die Kopfstimme beibringt und zum Naturtalent wird. Er ist außerdem in seine um fünf Jahre jüngere Cousine Elsbeth unsterblich verliebt, traut sich das aber nicht zu sagen, denn „der Voralberger spricht nicht über seine Gefühle und hoffen kann er auch erst, wenn er ihre Sinnlosigkeit erkannt hat.“
So wird er von seinem Onkel, dem Lehrer Oskar Alder unterrichtet, das Orgelspielen und das Notenlesen verwehrt ihm aber dieser, so muß es sich Elias selbst beibringen und bringt die schönsten Choräle und Konzerte auch ohne Notenlesen zusammen. Sein Freund und Blutsbruder Peter quält indessen die Tiere, bringt seinen Vater um sein Amt, verheiratet seine Schwester Elsbeth mit einem Lukas Alder, der die Kühe melkt und keine Tiere quält und Elias darf die Brautmesse spielen, obwohl er aus verschmähter Liebe fast wahnsinnig wird und Gottesercheinungen hat.
Da kommt ein Organist aus Feldberg daher, hört das Genie spielen und lädt ihn zu den Feldberger Orgelwochen ein, im Nachhinein bereut er das zwar, könnte er sich dadurch ja einen Konkurrenten erschaffen. Peter und Elias erscheinen aber barfuß im Dom und Elias spielt alle in Trance, die feinen Damen stecken ihm Erdbeeren und Geldscheine zu. Er bekommt die Organistenstelle zwar nicht, dafür aber ein Stipendium, das er aber nicht in Anspruch nehmen kann, ist er zu dieser Zeit doch schon tot, ist in dem Dörfchen doch einmal ein Scharlatan und Wanderprediger aufgetreten, der den Staunenden verkündete, daß der, der schläft nicht lieben kann und Schlaf daher Sünde ist und Elisas Aufgabe bei dem Orgelfest war über den Tod des „Schlafes Bruder“ zu improvisieren.
So geht er, statt nach Hause zurückzukehren, zu einer bestimmten Stelle, vielleicht war es die, wo er sich einmal die Kopfstimme beibrachte, läßt sich von Peter festbinden und Tollkirschensaft einflößen, so daß er an dessen Wirkung nach stirbt und die Lukasin kehrt nach neun Jahren, obwohl abgezerrt von vielen Schwangerschaften, noch immer ein sehr schönes Weib, mit ihren sechs Kindern an diese Stelle, um ihnen von dem seltsamen Naturtalent, der an der Liebe starb, zu erzählen.
Man kann es wahrscheinlich auch als Parodie auffassen, mich hat der Ton an Stifter erinnert und habe daher bisher wahrscheinlich das Lesen vermieden, weil ich es als eher „fad“ eingestuft hatte.
Es war aber spannend zu lesen und Robert Schneider sicher ein Außenseiter des Literaturbetriebs, der ja von der Kritik, als er ein paar Jahre später mit dem zweiten Teil der Trilogie, der „Luftgängerin“ aufgetreten ist, zerrissen und fallen gelassen wurde. Dieses Buch habe ich gelesen und es hat mir ganz gut gefallen, weil es ja auch in der Gegenwart spielt. Robert Schneider hat inzwischen noch einige Romane und auch Theaterstücke geschrieben und, wie ich Wikipedia entnehme, sich vom Literaturbetrieb zurückgezogen, was ich verstehen kann.
Ich habe schon über einige Beispiele anderer Autoren, die zuerst von der Kritik hochgejubelt und dann fallengelassen wurden, wie etwa Brigitte Schwaiger oder Karin Struck geschrieben und ich habe zu diesem Hochjubeln und Fallenlassen, wie auch zum Ignoriertwerden, das ich ja bei mir orten würde, sowieso ein sehr distanziertes Verhältnis, freue mich aber über die offenen Bücherschränke, die mich meine Bildungslücken schließen lassen und habe auch noch einige andere Gustostückerln auf meinen Listen, bzw. schon gelesen.

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