Literaturgefluester

2013-05-25

Liebe Schmerz und das ganze verdammte Zeug

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:29

„Vier großartige, liebevoll, traurige, grausame Geschichten. Geschichten voll befreiender Frische“, steht auf der Rückseite des 1989 erschienenen Diogenes Bändchen, offenbar der erste Erzählband der 1955 geborenen Regisseurin, Schriftstellerin und Produzentin Doris Dörrie, deren Namen ich in den späten Achtzigerjahren ich in München kennenlernte, als ich dort mit dem Alfred mehrmals einen Kurzurlaub verbrachte.
Gelesen habe ich noch nichts von ihr, wohl aber die eine oder andere Geschichte im Radio oder als Hörbuchprobe gehört, so daß ich zugegriffen habe, als ich das Bändchen in einem der Bücherkästen fand und würde die Geschichte eher abgehoben nennen oder ungewöhnlich und auch nicht sehr realistisch.
„Mitten ins Herz“ heißt die erste, da verbannt eine Frau nach dem Tod eines, ihres Mannes alle Elektrogeräte aus dem Haus und zeigt ihrem kleinen Sohn, als der an ihrem Pullover einen elektrischen Schlag bekommt, alte Fotos aus einer Schachtel. Und erzählt dann ihre Geschichte. Sie wollte Musik studieren, wurde an der Musikhochschule nicht aufgenommen, so färbt sie sich die Haare blau und spielt Saxophon im englischen Garten, wo ihr ein Zahnarzt zuhört, der ihr ein Brieflein vor die Wohnungstüre legt, sie in ein Restaurant einlädt und ihr das Angebot macht, ihr in seinem Haus zwei Zimmer zur Verfügung zu stellen und 1500 Mark im Monat, sie handelt das Geld auf 2000 hinauf und als er ihr später erzählt, auch einer Malerin ein solches Angebot gemacht zu haben, täuscht sie eine Schwangerschaft vor, vertreibt die Rivalin, isst Butter um zuzunehmen und stiehlt dann ein Kind. Als der Mann der davon in der Zeitung liest, von ihr verlangt das Kind zurückzugeben, schmeißt sie ihm einen Fön in die Badewanne und lebt fortan mit dem Kind bescheiden weiter, die monatliche Rate hat sie mit ihm ja vorher vertraglich ausgehandelt.
In „Männer“ gerät ein erfolgreicher Verpackungsspezialist aus der Bahn, als ihm seine Frau mit einem Künstlertypen betrügt. Er erzählt seine Geschichte einer Sekretärin, als er wieder in die Bahn zurückgefunden, sprich den Nebenbuhler vertrieben hat. Vorher täuscht er einen Kongreßbesuch vor, schafft es nicht seine Frau zu betrügen, läßt sich aber ein Liebesbriefchen schreiben und schickt es nach Hause, dann läßt er sich einen Bart und seine Haare wachsen, quartiert sich in einer billigen Pension ein, seine Firma arbeitet offenbar weiter ohne hin, er verfolgt den Liebhaber und zieht zu ihm, als der seine Freundin hinausschmeißt und einen WG-Genossen sucht. Er ist ein erfolgloser Künstler, so verschafft er ihn einen Job bei der Konkurrenzfirma und kauft ihm einen Maßanzug. Als er Karriere macht ist der Weg zu seiner Frau wieder frei, so läßt er sich den Bart abrasieren und alles geht den gewohnten Weg.
Die dritte Geschichte „Geld“ ist zwar auch nicht realistischer, verläßt aber die Mittelschicht, die Reichen und die Intellektuellen und interessierte mich wahrscheinlich deshalb mehr. Da ist Carmen Müller, fünunddreißig, Putzfrau mit zwei halbwüchsigen sehr verwöhnten Kindern, einem Eigenheim, Auto, sowie vielen Schulden und am Morgen funktioniert die Waschmaschine nicht, der Mann vergißt die Aktentasche, sie bringt sie ihm in die Firma, eine Spielwarenfabrik, nach, erfährt, er ist schon seit zwei Monaten entlassen, weil die Spielzeugpistolen, die erzeugt werden, nicht gehen, bekommt zwei geschenkt und von einer Kosmetikerin eine neue Frisur aufgebrummt, mit der überfällt sie ihre Bank, nimmt eine Geisel, bezahlt alle ihre Schulden, bevor sie sich mit der Geisel und dem Ehemann auf Flucht begibt. Die Geisel überfällt dann noch mehr Banken und verbindet sich mit einer Programmiererin, die alle Losungsworte weiß. So wird er mit ihr ein Paar, Carmen bekommt die Spielzeugfabrik, erzeugt in dieser fortan Puppen und alles ist wieder gut.
Die vierte Geschichte begibt sich in die Literatur des neunzehnten Jahrhunderts. Da ist ein Ehepaar, er Zoologe, sie Lektorin oder so und eine Freundin vom Land, die Flau-bert, so ausgesprochen, liest, gibt es auch. Er stellt ihr nach, beobachtet sie tagelang, sie will nämlich keinen Sex von ihm, dann nimmt Angelika sie mit nach Hause, der Mann schläft auf der Couch und überrascht Lotte einmal in der Badewanne, so schmeißt Angelika ihn hinaus. Er sucht Lotte, verkommt dabei und findet sie schließlich am Strich, sie bezahlt ihm alles, Sex will sie aber immer noch nicht von ihm, so daß ihm schließlich nichts anderes überbleibt, als zu dem Laden, wo alles begonnen hat, hinauszufahren, Angelika umzubringen und Flaubert zu lesen, bis die Polizei ihn holen kann.
Man erkennt wahrscheinlich die Schnitttechnik der Filmemacherin, mir sind die Geschichten wie erwähnt zu abgehoben, zu unrealistisch und zu gestellt, obwohl ich die von der dicken Carmen schon sehr originell gefunden habe, frage mich bei allem aber natürlich, wann kommt jetzt die Polizei, wieso fällt nicht auf, daß sie plötzlich so viel Geld haben, wie lebt man, wenn man wochenlang nicht in seine Firma geht und halte von der schönen Welt der Träume, in die die Lesenden sich flüchten sollen, wahrscheinlich nicht so viel.

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