Literaturgefluester

2013-07-19

Der Fall des Ökonomen

Filed under: Uncategorized — jancak @ 17:19

Das dritte Buch des viereinhalb Tage Lesemarathon führte mich nach Ungarn, in das Budapest von 1962 bis 2006 und mit dem Fahrrad an der Traisen bis zu den Seen, den Naturlehrpfad und damTraisencenter.  György Dalos „Der Fall des Ökonomen“ kannte ich auch schon ein bißchen, habe ich von dem Buch doch, glaube ich, auf der Buch-Wien und oder in Leipzig etwas gehört, war bei einer Lesung in der „Alten Schmiede“ und bei „Literatur und Wein“ in Göttweig und da hat es mir der Alfred auch gekauft.
Ein interessantes Buch berührt es ja viele Themen, die mich auch beschäftigen und über die ich mehr oder weniger dicht und spannend, der 1943 in Budapest geborene und in Berlin lebende Autor, der glaube ich, auch mit Ditha Brickwell befreundet ist, hat ja eine eigene unverwechselbare Sprache, auch schon geschrieben habe.
Es geht um Gabor Kolozs und beginnt 2001 mit dem Tod des Vaters, bei dem und von dem der Ökonom, er hat nach dem Gymnasium in Moskaus Ökonomie studiert, nach dem Tod der Mutter, alleine lebt, hat der Vater als Holocaustüberlebender, er war in Mauthausen, ist von dort zerbrochen zurückgekommen und konnte seinen Arztberuf nie wieder ausüben, von einer Schweizer Stiftung doch eine monatliche Wiedergutmachungsrente und die jüdische Gemeinde versorgt ihm mit dem Mittagessen.
Davon haben Sohn und Vater gelebt, denn der Ökonom ist seit der Wende arbeitslos, erstmal ist er auch schon über Sechzig und dann braucht man in dem neoliberalen Budapest weder seine sozialistische Ökonomie noch seine Russischkenntnis.
Der Sohn begräbt den Vater also in dem schon vorausbezahlten Grab in Kosice, von dort kommen die Eltern her, die Mutter ist schon begraben und vergißt den Personalausweis des Vaters abzugeben und der Brief, den er an die Stiftung schickt, bekommt er zurück, was ihn auf die Idee bringt, bis 2007, wo er eine staatliche Rente bekommt, den Tod des Vaters zu verheimlichen, um weiter die Rente und das Mittagessen zu bekommen, um zu überleben.
Dann geht es in das Jahr 12962, also in den Sozialismus, Gabor, der zuerst Schulschwiergkeiten hatte, ist jetzt ein guter Schüler und wird zum Studium nach Moskau vorgeschlagen werden, eigentlich will er Puschikinforscher werden, aber Marx und Engels tun es schließlich auch. Dann wird er Assistent eines Professors und heiratet Marta, um Sex mit ihr zu treiben, weil in der schäbigen Wohnung seiner Eltern ist kein Platz und die der ihren zwar groß genug, aber ohne Trauschein darf er dorthin nicht kommen. Also läßt sich der Unentschlossene, die Ehe hält aber nicht lang, weil als sie nach Krakau auf Hochzeitsreise wollen, gerade die Russen in die CSSR einmarschien und die Züge daher nicht fahren. Nach der Wende wird Gabor eine Zeit lang Paralentarier und verdient genug, um sich eine eigene Wohnung zu leisten, in der eines Freundes der in Pars arbeitete, hat er auch einige Zeit gewohnt. Als es mit der Partei nicht klappt, zieht er wieder zu den Eltern und bewirbt sich „zwischen 1995 und 2001 rund vierhundertmal als Manager, Lehrer, Dolmetscher, Telefonist, Hausmeister, Hotelportier etc und wird überall abgelehnt“, so daß er sich mit dem Vater das Essen teilt und am Abend auf seinen alten Computer zwei Stunden die schönsten Reisen an allen Orten der Welt plant, denn früher hatte er keinen Paß dazu, jetzt hat er den, das Geld ist aber nicht da.
Nach dem Tod des Vaters nehmen Gabors finanziellen Schwiergkeiten zu, das Haus ist renoverungsbedürftg, die Waschmaschine geht ein, die Schuhe haben Löcher und und und als noch der Computer draufgeht beschließt Gabor schweren Herzens, den Tod des Vaters noch einmal für ein Jahr aufzuschieben, was ihn aber auch in Schwierigkeiten bringt, denn bald würde der Vater hundert und da schickt die Stiftung ein Fernsehteam, um ihren ältesten Holocaustüberlebenden zu interviewen.
Ein sehr interessantes und dichtes Buch in dem György Dalos mit feiner Ironie Kritik am Sozialismus und wahrscheinlich auch am neoliberalen Orban-Budapest übt, das seine Ökonomen und Intellektuellen in das soziale Elend treibt. Jetzt verstehe ich auch, warum sich Gabor nicht einfach an das AMS wendet, sondern einen Betrug begeht, das habe ich György Dalos damals in der „Alten Schmiede“ ja gefragt. Das ist die Überhebung, ist das Ganze ja ein Schelmenroman, nicht chronologsich geschrieben, sondern springt zeitlich hin und her. Am dichtesten habe ich die Stellen empfunden, wo Gabor seinen Vater begräbt und nach und nach seinen Tod verheimlicht und von György Dalos, den ich ja immer wieder bei Lesungen sehe, habe ich einmal in Andalusien im heißen Zelt „Der Versteckspieler“ gelesen, das mich auch sehr beeindruckt hat, weil es ebenfalls, um einen „sympathischen Taugenichts im ungarischen Kommunsmus zwischen Anpassung und Widerstand geht.“

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