Literaturgefluester

2013-07-19

Mängelexemplar

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:46

Nun kommt die Besprechung eines Buches mit Themen, die mir eigentlich sehr bekannt sein müßten und die mich doch am Anfang etwas ratlos machten und ich hätte dem Roman bis etwa zur Mitte zwei Deutungen geben können, dann kommt ein Knick und plötzlich wird die Fortsetzung in einem ganz anderen Ton erzählt und man kann sich die Geschichte wieder auf eine ganz andere Art und Weise interpretieren.
Da ist Karo, sie ist siebenundzwanzig und wie in der Beschreibung steht „klug, kokett, liebenswert und unnahbar und fällt vollkommen unerwartet in einem Abgrund.“
Als das Buch beginnt, ist sie aber schon wieder davon heraus, geht sie doch zu ihrem neuen Psychiater und beginnt mit „Eine Depression ist ein fuckig Event!“ und der Psychiater schaut auch noch ein bisschen „wie Niels Ruf, nur weniger Arschloch!“ aus.
Nun muß ich gestehen, keine Ahnung zu haben, wer Niels Ruf ist und ob es ihn wirklich gibt. Ich bin aus dem Prolog auch noch nicht wirklich klug geworden, dann geht es aber mit den Geschehnissen vor einem Jahr weiter und da beschreibt Karo sich selbst.
Eigentlich hat sie keine Probleme, ja, den Job als Eventmanagerin hat sie verloren und jobt jetzt als Kellnerin und die Oma bezahlt die Miete und in ihrer Beziehung mit Philipp fühlt sie sich auch nicht wirklich glücklich. Also beginnt sie eine Therapie, einfach so und fragt sich während sie die Stufen zur Praxis von Frau Diplompsychologin Görlich, später Anette genannt, hinaufgeht, wie sie sich anstellen muß, um bei den „Psychocasting“ genommen zu werden?
Sie wird genommen und Frau Görlich sagt dann noch den Satz „Sie wurden einfach zu oft alleingelassen“ und die schnodderige Karo witzelt weiter, ob ihre Diagnose für die Krankenkasse wichtig genug ist, daß die Hundert Euro pro Stunde für sie zahlt. Was für ein Satz. Ist der in Deutschland wirklich so hoch? Ich arbeite für fast die Hälfte und die schnodderige Art der lieben Karo ging mir am Anfang auch auf die Nerven. Was ist das? Eine Parodie auf das Leben und die Psychotherapie?
Dann fängt sie aber an zu weinen und hört nicht mehr damit auf. Zuerst trennt sie sich aber von Philipp, einfach so, als sie ihn von einer Reise abholt und sie eigentlich miteinander essen gehen wollten. Dann sagt Anette einen Satz und Karo beginnt sich nach Philipp zu sehnen, der will aber nicht mehr zu ihr zurück.
Karo fängt an Angst vor Messern zu haben und erlebt in der Nacht Herzanfälle, die Panikattacken sind und als sie die Geburtstagsgeschenke für ihren besten Freund Nelson einpacken will, bekommt sie derartige Anfälle, daß der sie in die Notaufnahme bringt.
Dort sagt man ihr, gehen Sie zum Psychiater und machen Sie die Therapie weiter. Als der Vater anruft ist er sehr besorgt und sie muß ihm versprechen, daß sie sich nicht umbringt. Und die harte Mutter holt sie in ihre Wohnung zurück, kauft ihr Autogene Training Kassetten und die Beschreibung, wie die ungeduldige Karo, die einzelnen Abschnitte löscht, um schneller zum Ziel zu kommen, könnte man Kabarett reif nennen. Eine fürchterliche Person, diese Karo könnte die Therapeutin denken, Anette tut das nicht und treibt sie offenbar auch nicht, wie man ebenfalls denken könnte, in die Krise hinein, denn langsam, langsam kommt Karo aus ihr heraus und der schnodderige Ton, beginnt sich zu ändern und sie beginnt wieder Glück zu haben, denn ihr Eventmanager ruft an und bietet ihr an, zusammen mit Kollegen Max einen Kindergeburtstag zu gestalten. Da blödelt Karo zwar noch eine Weile vor sich hin und schlägt Max vor, den Kinder Schnaps, Bier und Kokain zu servieren. Max sagt ruhig, das geht nicht, die Party wird ein Erfolg und schließlich bahnt sich auch eine Beziehung mit Max an. Zur Krise kommt es dann wieder, als sie mit ihm in Urlaub fahren will, da fahren sie dann mit gepackten Koffern zu Anette und die gibt Karo für alle Fälle Notfallstropfen, denn die ungeduldige Karo hat ihre Tabletten inzwischen wieder abgesetzt. Da kommt es dann, als sie schon eine vorsichtige Beziehung zu Max akzeptiert, zu einem erneuten Rückfall, so daß sie zu ihrem Traumpsychiater, der die Karenzvertretung für ihre frühere Psychiaterin Frau Dr. Kleve ist, die ihr erzählte, nur eine depressive Verstimmung zu haben. Der neue Psychiater erklärt ihr dann, es ist schon eine richtige Depression und sie braucht auch ihre Tabletten nicht absetzen, nur vielleicht etwas weniger zu Anette zu gehen, denn zu viel denken ist nicht gut.
Und ich habe verstanden, daß es die etwas schnodderig erzählte Geschichte eine Depression ist und nicht die Gegenattacke darauf, wie anfangs für mich fast rüberkam.
Das Buch „Mängelexemplar“, der 2009 erschienene Debutroman ist auch ein Bestseller geworden und die 1979 in Ostberlin geborene Sarah Kuttner war auch zuerst Fernsehmoderatorin und Kolumnistin, vielleicht deshalb der schnodderige Ton.
Ein bißchen könnte man natürlich sagen, daß es zusehr nach dem Lehrbuch geschrieben ist und der Knick fällt mir auch auf. Zuerst ist die Karo eine fürchterliche Person, die nichts und niemanden erst nehmen kann und sich ihr Leben selbst kaputt zu machen scheint. Dann kommt sie plötzlich aus der Krise und beginnt ganz zaghaft ihre Wunden und die Verletzungen zu zeigen und das mit der Psychotherapie werden die Therapeuten vielleicht auch ein bißchen anders, als die Psychiater sehen.
Trotzdem habe ich eine treffende Beschreibung einer Depression und Angststörung gelesen und freue mich auf das Buch „Wachstumsschmerz“, das im nächsten Jahr an die Reihe kommen soll.
Interessant ist vielleicht noch ein Detail. Zu Beginn des Buches, als Karo einfach so eine Therapie beginnt und sich von Stunde zu Stunde immer mehr in ihren Schmerz fallen läßt und darüber schnoddert, habe ich gedacht, ich lese schon den „Wachstumssmerz“ und hätte mir das Buch als eine pubertäre Entwicklung deuten können, aber „Mängelexemplar“ heißt es, weil Max ihr sagt, daß er keine Angst vor solchen hätte.

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