Literaturgefluester

2013-07-23

Ein Stadtschreibertext

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:01

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Xenia hatte das Handy in der Hand und blickte Hubert an, ihren Mann, ihren Gatten, ihren Liebsten, angetraut seit fast fünfzig Jahren und sie würde in drei Monaten ihren Siebziger feiern. Ja, damals heiratete man noch so jung. Damals vor fünfzig Jahren, als sie gerade zwanzig und mit dem College fertig war. Da war sie ein bißchen in die Welt gereist. Das heißt nach Capri an den Strand gefahren, wie man das in den Sechzigerjahren so machte und dort Hubert kennengelernt, der aus Wagram stammte. Sie kam aus Spratzern und wohnte noch bei ihren Eltern. Jetzt besaßen sie ein Haus am Mühlenweg und Hubert hatte Krebs diagnostiziert bekommen.
Dabei sah man ihm das gar nicht an, wie er so da saß in seinem dunkelbrauen Hemd, die weiße Baseball Kappe auf den kurzen Haaren und seiner tief gebräunten Haut. Fast strahlend sah er sie an, daß sie es gar nicht glauben konnte und hoffte Norbert hätte sich geirrt. Aber Norbert, ihr ältester, der auch schon bald fünfzig wurde, genaugenommen in einem knappen Jahr, irrte sich nie und galt als anerkannter Onkologe und ausgezeichneter Diagnostiker im Landeskrankenhaus. Also würde es schon stimmen und das trieb ihr die Tränen in die Augen, während Hubert, sie tapfer anzulächeln versuchte, obwohl es ihm bestimmt genauso beschißen ging. Was sollte sie ohne ihn beginnen? Also tapfer zurücklächeln. Theaterspielen und nach dem Handy greifen.

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„Hallo, Mony, bist du dran?“, rief sie die Freundin an.
„Kommst du auf den Rathausplatz? Ich sitze mit dem Hubert noch in der Cafebar am Markt, aber nachher kommen wir dorthin auf ein paar Scampi und ein Eis und treffen dort die Ilona. Der Norbert ist noch im Krankenhaus und wir waren einkaufen!“, rief sie scheinbar munter und spürte Tränen aufsteigen.
Hubert lächelte sie beruhigend an.
„Du bist so schön, Xenia!“, behauptete er. Sie nickte und glaubte es ihm nicht.
„Der Strohhut steht dir ausgezeichnet. Da schaust du jung und frisch aus, wie du es damals am Strand von Capri, am Mittelmeer in bella Italia warst, erinnerst du dich noch?“
„Oder wie damals in der Manhattenbar!“, setzte sie in dem Versuch tapfer zu sein, hinzu.
„Komm trink den Caffe Latte aus. Wir sollten gehen. Ich muß meine Medikamente nehmen!“, sagte er und sie nickte erneut.
Der Knödel war wieder da, würgte im Hals und überhaupt und ließ sich nicht vertreiben.
„Geht es dir gut?“, fragte er, der sie kannte. Sie nickte wieder und wußte, daß die Ilona und die Mony auf sie warten mußten, denn sie würden in das Haus am Mühlweg gehen, wo Hubert seine Infusion und Tabletten brauchte.
„Du bist schön, wie ein junges Mädchen, Xenia, weißt du das?“, wiederholte er fast drängend und sie nickte erneut und schmiegte sich an ihm. Das war jetzt schon ehrlicher und es war ihr auch egal, was die Leute denken würden.
Ihre Apothekerin fuhr mit dem Fahrrad an Ihnen vorüber und grüßte freundlich.
„Geht es Ihnen gut, Frau Richter?“, rief sie fröhlich und radelte weiter. Wieder hatte sie genickt und das Handy in ihre Tasche vergraben. Ilona und Mony konnten warten.

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