Literaturgefluester

2013-08-08

Axolotl Roadkill

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:56

Wieder bin ich etwas ratlos und frage mich, ob ich das „Lebensgefühl einer Sechzehn-oder Siebzehnjährigen, die sich von allen Konventionen befreit hat“, hochbegabt und voll überfordert durch das Berlin der Zweitausendzehnerjahre taumelt und mit großer Schnauze ihre Alpträume schildert, die Literatur ist, die ich wirklich lesen will und da fallen mir auch gleich ein paar Punkte ein.
Zuerst, daß ich mir Helene Hegemanns Debutroman vor ein paar Wochen sofort kaufte, als ich ihn auf dem 3.99 Thalia Abverkaufsstapel liegen sah, obwohl mir die 3.99 Bücher normalerweise zu teuer sind und ich sie mir eher schenken lasse, dann natürlich, daß ich 2010 den Plagiatsskandal um das Buch sehr begierig verfolgte, darüber geschrieben habe, aber erst jetzt verstehe, um was für ein Buch es sich dabei handelt und noch besser verstehe ich Ana Znydars Satz, beim „Memoir“ oder anderen Schnupperseminar, beim Tag der offenen Tür im Writersstudio vor einem Jahr, daß man beim Schreiben, an das Schrecklichste was man je erlebt hat, denken soll, dann wird es richtig gut.
Die Psychotherapeutin in mir war damals nicht damit einverstanden und ist, da ich ja manchmal mit Borderlinepatienten, Drogen- und anderen Problemen, in meiner Praxis zu tun habe, auch jetzt nicht damit einverstanden und wiederhole, daß ich diese Art von Literatur, der überforderten Kinder nicht lesen will und es für sehr bedenklich halte, wenn der Literaturbetrieb das verlangt, immer jünger, immer fetziger und immer furchtbarere Erlebnisse geschildert haben will.
Aber ich habe das Buch jetzt gelesen, verstehe den damaligen Plagiatsskandal, der in dem Sinn eigentlich keiner war, denn Helene Hegemann hat in ihrem Taumel durch das Berlin von 2009 oder 2010 zu rasen, mal, wie sie auch schreibt „von so einem Blogger“ und auch anderen Quellen abgeschrieben und versteht, nachdem in Kürze ein zweiter Roman von ihr erscheint, die damalige Aufregung wahrscheinlich noch immer nicht.
Der Blogger Airen hat sein Buch inzwischen, glaube ich, auch bei Ulstein veröffentlicht und ich tue mir auch ein bißchen schwer, weil „Axolotl Roadkill“ ein Buch ist, dessen Handlung man nicht so einfach erzählen kann, denn es hat eigentlich keine.
Da gibt es Mifti, das ist ein sechzehnjähriges Mädchen, wohlstandsverwahrlost, wie sie es nennt, Schulverweigerin, wahrscheinlich hoch begabt, das ihre Mutter verloren hat, nun bei zwei genauso wohlstandsverwahrlosten Geschwistern, Annika und Edmond lebt, der Vater, offenbar ein Kulturschaffender, wie Helene Hegemanns Vater, lebt irgendwo anders mit seiner Freundin Franziska und Mifti rast nun durch ihr Leben, schreibt Mails an ihre Freundin Ophelia, die viel älter ist als sie, fährt im Taxi und diskutiert dort mit den Chauffeuren, nimmt Heroin, vögelt und wenn sie dann doch wieder in die Schule geht, macht sie mit ihrer Klasse eine Exkursion in ein KZ und die wohlstandsverwahrlosten Schüler nerven dort ihre Lehrer, warum sie nicht rauchen dürfen.
Das habe ich schon einmal ähnlich beeindruckend bei Xaver Bayer gelesen, daß die Schüler nach Mauthausen müssen und dann beim Mc Donald darüber witzeln.
Es gibt also auch durchaus sehr beeindruckende Bilder in dem Buch, die Erklärung einer Borderlinediagnose gibt es auch „Ach diese Borderlinesyndromescheiße ist gleichzusetzen mit unklaren Oberbauchbeschwerden. Das sagen, die immer, wenn ihnen nichts mehr einfällt“ und Mifti war auch schon bei einigen Therapeuten, die sie rausgeschmissen haben oder nicht mit ihr über Heidegger diskutieren wollten.
Denn Mifti ist sehr belesen und sehr überfordert und ihr ebenfalls überforderter Vater wollte mit ihr einmal zu dem Haus fahren in dem sie geboren wurde und erzählte ihr, daß sie da mit zwei Jahren irgendwo hinaufkletterte und sie dann mit voller Wucht auf den Boden schmiss, weil sie von sich überzeugt war, fliegen zu können und der Bruder hat einmal die Lieblingsmaus der Schwester an die Katze verfüttert.
So ist das Leben hart und ungerechet. Man kann nicht fliegen, auch wenn man das mit zwei Jahren glaubt, mit Sechzehn glaubt man wahrscheinlich nicht mehr und so rennt Mifti auch mit einer Wassergefüllten Plastiktüte durch die Stadt in der das Axolotl steckt, das sie für Ophelia kauft und dann geht sie in ein Kaufhaus, packt dort sämtliche Kaschmirpullover ein und wartet dann auf die Kaufhausdetektive mit einem gefälschten Schülerausweis, damit sie sie erwischen.
Das Leben ist hart und ungerecht und ich will diese Überforderung nicht als schöne Literatur lesen und eigentlich auch nicht, daß die überforderten Verlage und Lektoren, das von den immer jünger werdenden Autoren verlangen. Roman Marchel hat dazu vergleichsweise ein viel ruhigeres und viel einfacheres Buch geschrieben. Ich versuche das mit meinen Texten auch und habe vieles was da her heruntererzählt wird, auch nicht verstanden.
Einiges schon und das hat mich dann auch beeindruckt. Helene Hegemanns Biografie dürfte mit der Mifti vergleichbar sein, hat sie ja auch ihre Mutter früh verloren, ist wahrscheinlich hochbegabt und hoffentlich nicht so überfordert, wie sie nach dem Buch sein müßte.
Daß vieles nur einfach herunter und auch abgeschrieben und nicht so ganz selbst erlebt wäre, wäre ihr wahrscheinlich zu wünschen und nun bin ich gespannt, wie es mit „Jage zwei Tiger“, dem zweiten Roman werden wird, der Ende August erscheint.

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1 Kommentar »

  1. Vielen Dank für das Lob, dabei hat mir „Axolotl Roadkill“ gar nicht so besonders gut gefallen, beziehungsweise wünsche ich mir eine Welt in der das Leben mit Sechzehn einfacher ist und vergessen habe ich auch die Szene mit der überforderten Zehnjährigen, die nach Hause kommt und die Mama zertrümmert zwar die Wohnung, macht aber nicht auf, so ruft sie den Vater an, der nichts Besseres weiß, als eine sehr bürgerliche Nachbarin zur Hilfe zu rufen, die Mifti in das Zimmer ihres Töchterleins steckt und die Polizei, weiß sich auch nicht anders zu helfen, als „Sie“ zu der Zehnjährigen zu sagen, was immer noch besser, als die Polizeieinsätze ist, die Melarmar in ihrem „Fall in die Nacht“ schildert.

    Kommentar von jancak — 2013-08-08 @ 13:58 | Antwort


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