Literaturgefluester

2013-08-09

Wirklich oder abgehoben?

Filed under: Uncategorized — jancak @ 00:24

Die Mädels von „write about something“ haben mich wieder auf eine Idee zu einem Artikel gebracht, da gab es ja schon einen im Winter zu der Frage, wieviele Bücher man lesen soll oder muß, jetzt fordert Laura „Fiktiv UND authentisch, bitte!“ und überlegt, wie sie ihre Romane will und schon sind wir beim Sommerthema oder dem was mich momentan auch beschäftigt, habe ich ja gestern Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ gelesen und mich gefragt, ob ich so viel Schweres wirklich in diesem Sommer lesen will, bzw. nachgedacht, ob die Verlage und die Lektoren, das vielleicht nicht von ihren Autoren wollen, damit sich die dann entstehenden Bücher gut verkaufen. Immer schneller, immer fetziger, immer jünger, denn so wie es wirklich ist wollen wir es nicht….?
Das ist eine interessante Frage, für eine, die sehr gehemmt, schüchtern und patschert war, als sie vor vierzig Jahren zu schreiben begonnen hat und dann auch sehr erstaunt zu hören „Das ist doch total langweilig, da passiert doch nichts!“, denn eigentlich habe ich schon damals gedacht, daß in meinen Texten, was passiert und 1992 oder so habe ich einen, es waren glaube ich „Die Geschichten vom lieben Godt“, die sogar in der „Rampe“ veröffentlicht wurden, an Karl Markus Gauss geschickt und der hat mir einen langen Brief zurückgeschrieben, wo er mir zu erklären versuchte, daß Literatur abgehoben sein und sich vom realen Leben zu unterscheiden hat. Also keine bloßen eins zu eins Umsetzungen. Ich war, glaube ich, sehr lange so naiv, daß ich nicht verstanden habe, was er meinte. Jetzt verstehe ich es, ob ich aber experimenteller, phantastischer, unwirklicher schreiben will, weiß ich noch immer nicht. Oder sagen wir einmal, ich will es nicht, weil ich ohnehin der Meinung bin, daß das, was ich beispielsweise in meinem Therapiealltag so erlebe, genügend Ecken und Kanten hat, um interessant für die Leser oder die Hörer bei Lesungen zu sein.
Ist es offenbar nicht, denn als ich in der Augustin Schreibwerkstatt, 2009 war das, glaube ich, aus der „Sophie Hungers“ vorgelesen habe, hat mich ein Herr, der möglicherweise ein Obdachloser war, unterbrochen und gesagt, so will er es nicht, nicht von Kindern auf einem Spielplatz und Großmüttern, die sie dorthin bringen und danach die Wohnung der Messie-Tochter aufräumen, hören, damit die Fürsorgerin die zur Kontrolle kommt, nichts Auffälliges daran findet. Ich hätte gedacht, das wären Ecken und Kanten genug und vor allem, es ist die Realität, wie ich sie oft erlebe und das, was ich eigentlich auch beschreiben will.
Daß ein Obdachloser von dieser Wirklichkeit genug hat und in der Literatur etwas anderes hören will, kann ich auch verstehen. Ich habe dann noch den „Wunderschönen Tintentraum“ vorgelesen und er war begeistert, obwohl das ja eigentlich eine Satire auf den damaligen Bachmannpreis war und nicht ernst gemeint.
Und da sind wir schon beim Thema, ich will ehrlich und authentisch schreiben, das ist das, was für mich sehr wichtig ist, nicht unbedingt autobiografisch, das muß nicht mehr sein und da schreibe ich auch schon lange genug, daß ich da differenzieren kann und denke, daß da wohl eher die Anfänger eins zu eins umsetzen. Ich kann da inzwischen schon abstrahieren, denke, es ist alles autobiografisch und alles gleichzeitig wieder nicht und finde beim Lesen oft genug die Umsetzungen in den Biografien der Autoren wieder, auch wenn die das bestreiten würden. Aber auch Helene Hegemann hat ihre Mutter früh verloren und die alten Männer, die über ihren Sex schreiben und davon, daß sie nicht mehr so können, wie sie wollen, sind auch bekannt. Soll auch so sein und stört mich nicht besonders, weil das ja auch das Wahre und das Authentische ist, nur soll man es dann auch zugeben und nicht bestreiten und sagen, daß alles erfunden wurde, wenn man es in der Biografie vielleicht so nachlesen kann.
Ju Sophie hat ja einmal auch die fehlenden Ecken und Kanten an mir bemängelt, von denen ich, wie schon erwähnt, glaube, daß sie vorhanden sind, denn meine Themen sind ja die alten Menschen, die depressiven Frauen, etc, aber vielleicht strebe ich in meinem Harmoniebedürfnis, das ich sicher habe und das wahrscheinlich nicht nur, weil ich zufällig auch noch Verhaltenstherapeutin bin, eine positive Wendung in meinen Texten an.
Das habe ich öfter gehört und war dann auch ein bißchen erstaunt, daß alles so wunderbar leicht und rosig bei mir sein würde, was ich nicht so sehe, denn die Depressiven bleiben depressiv, auch wenn sie sich mit der Nachbarin anfreunden sollten und auf deren Kinder aufpassen, etc.
So wunderbar leicht und fröhlich ist es, glaube ich, nicht, aber realistisch und wahrscheinlich immer noch zu wenig abgehoben, weil ich den Sinn des solchen wohl immer noch nicht so begriffen habe.
Wir lesen um uns zu entspannen, wollen da keine Realität, sondern Spannung und das Besondere haben. So weit so gut und klar und deshalb schreiben wir so viele Romane, wo mehr oder weniger bestial Menschen abgeschlachtet werden. Ich gebe ja zu, ich lese das auch manchmal ganz gern, denke aber immer, das sollte eigentlich nicht so sein und so will ich es nicht haben, denn das wahre Leben ist ja schon grausam genug. Da hungern sich halbe Kinder fast zu Tode oder bis zur Zwangsernährung, ritzen sich die Unterarme, schneiden sich die Pulsadern auf oder stopfen Heroin in sich hinein, um den großen Kick zu erleben, den das reale Leben offenbar nicht bieten kann oder die Polizei erscheint im Morgengrauen und schleppt Asylwerber ab, die aus ihren Heimatländern flüchten mußten, weil sie dort nur Gewalt und Elend, Mord und Totschlag erlebten.
Das reicht doch, denke ich, da muß ich es mir doch im Urlaub nicht so schön schaurig mit Simon Becket oder wem auch immer machen. Auch Thomas Bernhard mit seinem „Österreich ist das Fürchterlichste vom Fürchterlichsten!“ mag ich da nicht mehr hören und auch mit Tilmann Rammstedts „Kaiser von China“, das so wunderschön lustig war, hatte ich meine Schwierigkeiten. Aber auch die Chick Lits, wo die Mädels dann allzu dumm und tollpatschig agieren oder nach den feuchten Nächten plötzlich einen Dschinn im Schlafzimmer haben und ihm ihren Freund erklären müßen, sind vielleicht nicht unbedingt das Realistischte, obwohl ich wieder dazuschreiben muß, daß ich Chick Lits manchmal gerne lese und eine Zeitlang sogar süchtig nach Courths-Mahler war, die für mich vielleicht eine perfekte Mischung von Realität und Fiktion darstellt, auch wenn man das heute nicht mehr so sieht.
Ihre Schilderungen des Berlins der Neunzehnzwanziger- und Dreißigerjahre sind vielleicht ähnlich realistisch, wie das Berlin von 2009, das Helene Hegemann sehr überfordert schildert.
Nun ja, wie will ich es also? Eigentlich schon sehr realistisch und vor allem authentisch, das ist, glaube ich, überhaupt mein Kriterium. Wenn es geht, nicht zu sehr konstruiert und für den möglichen Lesergeschmack oder den des Bachmannjurors hingeschrieben und wenn dann noch ein positiver Lösungsansatz dabei ist, bin ich auch zufrieden.
Denn natürlich gibt es sie, die überforderten Kinder und die Jugendlichen, denen die Schulen nicht mehr das Schreiben und das Lesen beibringen können. Natürlich gibt es Gewalt und Ungerechtigkeit und natürlich will ich das ganz ehrlich und auch ungeschminkt lesen. Das Leben ist schon spannend genug, da muß ich beim Schreiben vielleicht gar nicht mehr übertreiben, denke ich und ecke damit immer wieder an, werde damit als uninteressant und desinteressiert gesehen, so daß ich mir natürlich Gedanken mache, wie ich meinen Realitätsbegriff spannender rüber bringen kann. Denn das kann, wenn das Ergebnis ehrlich und authentisch bleibt, ja nicht schaden.
Daß ich eine etwas leisere Stimme habe, kann so bleiben, muß man ja nicht immer so laut schreien, nur wird man dann halt oft auch nicht gesehen, bzw. überhört.
Und da man aus seiner Haut sowieso nicht herauskann, werde ich so gut ich es kann, weiterschreiben, bzw. weiterkorrigieren und mich in meinen „Dreizehn Kapiteln“ mit einer Sechzigjährigen beschäftigen, die einen Bücherberg auf zehn Jahre auf Vorrat hat, einem an Alzheimer erkrankten ehemaligen Kulturstadtrat, zwei lesbischen Frauen, von denen eine ein Kind von einem „Macker“ kriegt, um ihre Weiblichkeit zu beweisen und in einem Menschenrechtsbüro arbeitet, während die andere Psychotherapeutin ist, einen literarischen Blog betreibt und mit einem ehemaligen Plagiateur und jetzigen „Erich Fried-Preisträger“ arbeitet. Eine Frau am Fenster, die aus Georgien kommt, gibt es auch, einen ehemaligen Hauptschuldirektor, der seine Frau verloren hat und dann noch ein alte vergilbte DDR-Ausgabe mit Erzählungen aus China.
Dreizehn oder zwölf Geschichten, die reigenartig miteinander verbunden sind, wo einiges sehr viel mit mir zu tun hat, das andere wieder rein erfunden ist. Mal sehen, wie das mit den Ecken und den Kanten wird, sowie mit der Fiktion und dem wirklichen Leben.
Ich bin ja eine, die ohnehin meint, daß das Selbermachen besser, als das Nörgeln über die Unzureichbarkeit der anderen ist. Aber auch eine, die sehr viel liest und auf ihrer Bücherliste für 2013 bei hundertvierundfünzig Büchern angelangt ist, von denen über hundert schon gelesen wurden.
Und was die Autobiografie betrifft, gibt es schon Fragen, die mich nerven, so zeigte ich dem GAV-Mitglied Milan Richter beispielsweise einmal die „Fluchtbewegungen“, wo eine der Protagonistinnen, ja „Mila“ heißt, seine Frage war sofort, ob damit das slowakische GAV-Mitglied Mila Haugova, gemeint sei? Natürlich nicht, wenn es um eine serbische Putzfrau geht, die sich in einen Helden, für den Andre Rettberg das Vorbild sein könnte, verliebt. Oder bei den „Erzählungen des Johannes Sedelmayers“ kam die Frage „Ist das der Schauspieler aus München, der so heißt?“, das verwirrt mich dann, weil ich denke, so unprofessionell bin ich doch nicht, werde aber offensicht dafür gehalten.
Wenn ich also über eine Lesetheateraufführung von „Glaube, Liebe, Hoffnung“ schreibe, weil ich die im „Novembernebel“ brauchte, hat es die so nicht gegeben, die Frage kam aber „Wann war denn die?“ und der Literaturhausleiter kommt auch in zwei meiner Texte vor, in der „Widergeborenen“ und in den „13 Kapiteln“ und eröffnet eine Lesung.
„Welche?“, hat mich Robert Huez bei der letzten „Wildgans-Preisverleihung“ gefragt, als ich ihm davon erzählte. In der „Widergeborenen“, die von Ari Eisensteins Buchpräsentation über seine Mutter, bei den „13 Kapiteln bekommt Jakob Pröchtl den „Erich Fried Preis“, ich hoffe, es fragt mich jetzt keiner, wann der ihn bekommen hat oder erzählt mir, daß er auf der „Erich Fried-Preis-Seite“ keinen Jakob Pröchtl findet, bzw. wird er für den 2013 Preisträger gehalten, da der ja, glaube ich, noch nicht bekanntgegeben ist.

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